Berlin - In knapp zwei Monaten geben die Berliner im Volksentscheid ihr Votum zur Offenhaltung des Flughafens Tegel ab. Die Befürworter liegen in Umfragen deutlich vorn: Der BER sei zu klein, Tegel als zweiter Standort unverzichtbar, argumentieren FDP, AfD und neuerdings auch die CDU. Die rot-rot-grüne Koalition hat bisher nur wenig unternommen, um die seit mehr als 20 Jahren beschlossene Schließung von Tegel zu verteidigen. Am Dienstag meldete sich nun Flughafen-Geschäftsführer Engelbert Lütke Daldrup zu Wort. Ein Weiterbetrieb des alten West-Berliner Flughafens würde immense Kosten verursachen, sagte er bei einem Rundgang durch das Terminal mit Journalisten. Und womöglich müsste der Flughafen sogar dafür für Jahre schließen.

„Das Terminal bräuchte eine grundhafte Sanierung“, sagte Lütke Daldrup. Er könne sich nur schwer vorstellen, dass die Arbeiten bei laufendem Betrieb erledigt werden könnten. „Das Gebäude muss in weiten Teilen bis auf den Rohbau entkernt werden“, sagte Lütke Daldrup. Der Investitionsstau sei zu massiv, um nach und nach einzelne Gebäudeteile zu renovieren. „Wegen der bevorstehenden Schließung haben wir viele Jahre lang nur betriebsnotwendige Instandhaltung betrieben.“ Fünf bis zehn Millionen Euro pro Jahr seien investiert worden – für einen dauerhaften Weiterbetrieb hätten es 50 bis 70 Millionen Euro sein müssen. Nur weil die Instandhaltung auf die dringendsten Maßnahmen beschränkt worden sei, habe Tegel in den vergangenen Jahren Gewinn erwirtschaftet – 2016 waren es, wie berichtet, 119 Millionen Euro.

Weiterbetrieb unwirtschaftlich

Ein Schwachpunkt des Flughafens sind die maroden Netze – Wasser-, Elektrizitäts- und Datenleitungen müssten erneuert werden, 250 Millionen Euro veranschlagt die Flughafengesellschaft dafür. Erst vor vier Wochen sei Tegel dem Kollaps nah gewesen, weil eine der zwei Hauptstromleitungen aufgrund eines Wasserschadens ausgefallen war, sagte Lütke Daldrup. Zwei Wochen dauerte die Reparatur – wäre auch die zweite Leitung in dieser Zeit ausgefallen, hätte der Betrieb eingestellt werden müssen.

Auch die übrige Haustechnik sei dringend erneuerungsbedürftig, sagte der Flughafen-Chef. Als ein Beispiel nannte er die Sprinkleranlage. Nach seiner Einschätzung müsste bei einer Sanierung der gesamte Brandschutz erneuert werden. „Für alle Maßnahmen, die über eine Reparatur hinausgehen, ist eine Baugenehmigung notwendig“, sagte er. „Dann gelten die heutigen Vorschriften.“ Denen genügte der Brandschutz in Tegel aber bei weitem nicht, die Anlage müsse erneuert werden.

Rund eine halbe Milliarde Euro würde die Instandsetzung der Gebäude kosten. Fenster und Teile der Fassaden müssten hier erneuert werden. Zudem ist die Gepäckförderanlage veraltet, Ersatzteile sind teilweise nicht mehr zu bekommen. Auch die müsste ersetzt werden, sagte Lütke Daldrup.

Die notwendigen Investitionen machten einen Weiterbetrieb unwirtschaftlich, sagte der Flughafenchef, der noch bis März als Staatssekretär in der Senatskanzlei arbeitete und dort die Flughafenpolitik verantwortete. Allerdings handle es sich aus seiner Sicht um eine „Phantomdiskussion“ – für den Weiterbetrieb von Tegel sei ein neues Planfeststellungsverfahren notwendig, das nach seiner Einschätzung Jahre dauern würde und nicht finanzierbare Auflagen mit sich brächte.

BER-Termin in diesem Jahr

Nach derzeitiger Planung sollen in Tegel 9 000 neue Wohnungen, Grünflächen und ein Unternehmenspark entstehen. In das heutige Terminal A würden Teile der Beuth-Hochschule ziehen. Zunächst aber muss der BER eröffnen. „Wir werden dafür in diesem Jahr einen belastbaren Termin nennen“, versprach Lütke Daldrup. Bei seinem Antritt im März hieß es noch, ein neuer Termin werde im Frühjahr genannt.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja warf Lütke Daldrup „populistische Stimmungsmache“ vor, die Offenhaltung von Tegel sei eines der wichtigsten Zukunftsprojekte der Stadt. CDU-Fraktionschef Florian Graf zog die Zahlen der Flughafengesellschaft in Zweifel. „Dies scheint ein weiteres Manöver zu sein, eine ehrliche Diskussion rund um das Volksbegehren Tegel zu torpedieren“, sagte er.