Draußen müssen die Großstadtmütter ihr tapferes Gesicht aufsetzen, drinnen ist Weinen ausdrücklich erwünscht. Tanja Sahib, Psychologin und Traumatherapeutin in Berlin, hat für ihre Arbeit einen Schutzraum geschaffen. Es gibt keine Bilder an der Wand, keine unnötigen Ablenkungen von außen, man sieht und hört nichts vom Verkehr oder vom Spielplatz gegenüber. Ein helles Sofa steht in der Ecke, davor ein Tisch, zwei Stühle, und von oben strahlt eine Deckenlampe warmes, sanftes Licht aus. Auf dem Tisch steht eine Box mit Taschentüchern.

Die Geburt eines Kindes wird oft als schönster Moment im Leben einer Frau verklärt, in Ratgebern, Kursen, auf Plattformen wie Instagram. Als Erfüllung ihrer weiblichen Bestimmung, ein fast spirituelles Hocherlebnis. Für manche ist es das vielleicht auch, aber nicht für alle.

Tanja Sahib betreut in der Schwangeren- und Mütterberatungsstelle Familienzelt in Prenzlauer Berg seit vielen Jahren Frauen, die während der Geburt ihres Kindes schlimme Erfahrungen machen mussten. Dazu zählen brachiale Untersuchungen, voreilige Kaiserschnitte, psychischer Druck, abfällige Bemerkungen. Rund 120 Frauen begleitet sie pro Jahr. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Frauen, die sich an sie gewandt haben, deutlich gestiegen.

Nach dem Motto „Hauptsache, das Kind ist wohlauf“

Gewalt in der Geburtshilfe ist kein neues Thema. Aber es wurde bisher wenig beachtet. Frauen trauten sich nicht drüber zu reden, aus Angst, als schlechte oder undankbare Mutter gesehen zu werden. „Hauptsache, das Kind ist wohlauf“, lautete das Motto, mit dem Frauen zum Schweigen gebracht wurden. „Nach der Geburt wird sich sehr gut um die Kinder gekümmert, aber die körperliche und seelische Versorgung der Mütter bleibt auf der Strecke“, sagt Tanja Sahib.

Gewalt in der Geburtshilfe ist auch kein Thema, mit dem sich nur hypersensible Prenzlauer-Berg-Mütter befassen. Es ist ein von der WHO identifiziertes internationales Problem. Kürzlich tauschten sich Mütter in Russland und der Ukraine unter dem Hashtag #IAmNotAfraidToSpeak über ihre Erfahrungen mit Übergriffen und Missbrauch im Kreißsaal aus.

Überall in Deutschland fehlen Hebammen

Tanja Sahib ist 57 Jahre alt, eine schmale hochgewachsene Frau, durch ihre schwarzen Haare ziehen sich graue Strähnen. Sie spricht mit einer weichen, sanften Stimme, durch den der Ost-Berliner Dialekt durchschimmert. Sie hat in den vergangenen dreißig Jahren gesehen, wie sich vieles in der Geburtshilfe verbessert hat: Die Kreißsäle haben pastellfarbene Wände bekommen, es gibt Gebärwannen, Hüpfbälle und Rooming-in. Doch vieles ist schlechter geworden. Kreißsäle und Geburtshäuser müssen landauf, landab schließen. Überall fehlen Hebammen. Laut Hebammenverband betreuen Geburtshelferinnen in den Kliniken inzwischen im Schnitt drei bis vier Frauen parallel.

„Da kann selbst die engagierteste Hebamme keine gute Betreuung mehr gewährleisten. Die Frauen fühlen sich alleingelassen. So steigt die Gefahr einer Traumatisierung“, sagt Tanja Sahib. Sie ist keine Ideologin, keine Dogmatikerin, die will, dass am besten alle Frauen ihre Kinder zu Hause gebären. „Es gibt Kliniken, die tolle Arbeit leisten.“

Viele Frauen haben keine Anlaufstelle

Tanja Sahib wurde in Ost-Berlin geboren, lernte in der DDR Krippenerzieherin, wurde mit 24 Leiterin eines Säuglingsheims. Auf der Abendschule holte sie ihr Abitur nach, studierte noch zu DDR-Zeiten Psychologie, mit Schwerpunkt Kleinkind. Sie lernte ihren Mann kennen, einen irakischen Zahnmediziner. Während des Studiums bekam sie zwei Söhne, 1994 wurde ihre Tochter geboren.

„Ich habe gesehen, dass es vielen Frauen einfach nicht gut ging, dass sie aber keine Stelle hatten, an die sie sich wenden konnten“, sagt Sahib. Nach der Wende bewarb sie sich beim Verein „Selbstbestimmte Geburt und Familie“, bildete sich zur systemischen Traumatherapeutin weiter und spezialisierte sich auf traumatische Geburtserfahrungen. Sie hat ein Buch dazu geschrieben. „Es ist vorbei, ich weiß es nur noch nicht“, heißt es.

Meist sind es freiberufliche Hebammen, die die Frauen zur Beratungsstelle schicken, wenn sie merken, dass es denen im Wochenbett nicht gut geht. Manchmal kommen aber auch Frauen, die sechzig oder siebzig Jahre alt sind und erwachsene Kinder haben.

Albträume, Panikattacken, unerklärliche Wutanfälle

Viele Mütter schaffen es im Beratungsraum von Tanja Sahib zum ersten Mal, über ihre Erfahrungen bei der Geburt zu reden.

Eine Frau berichtete, dass sie die Geburt wie eine Vergewaltigung erlebt hat, sie wolle nie wieder ein Kind kriegen. Eine andere klagte, dass die Hebamme den Wehentropf so hoch gestellt hatte, dass sie das Kind unter größten Schmerzen innerhalb von vier Stunden bekam.

Eine dritte erzählte, dass der Arzt sich ohne Vorwarnung auf sie geworfen hat, um das Kind herauszudrücken, sodass durch den großen Druck der Darm heraustrat.

Tanja Sahib, die Traumatherapeutin, hört zu, fragt nach, achtet auf Erinnerungslücken. Erinnerungslücken sind ein Zeichen dafür, dass die Frauen etwas verdrängt haben, ein Schutzmechanismus des Gehirns, der einsetzt, wenn die Gefühle zu mächtig werden. Andere Frauen klagen über Albträume, Panikattacken, unerklärliche Wutanfälle. Das seien alles Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie auch nach einem Autounfall oder einer Vergewaltigung auftreten, sagt Tanja Sahib.

Es gibt Sätze, die sie immer wieder hört:

„Keiner hat mir zugehört.“

„Ich wollte das nicht. Mir hat keiner was gesagt. Und dann hörte ich plötzlich die Schere.“

„Nach zehn Stunden Wehen haben sie gesagt, entweder machen wir einen Kaiserschnitt oder dein Kind ist tot.“

„Ich war wie gelähmt.“

„Dann haben sie einen Dammschnitt gemacht, ohne vorher etwas zu sagen.“

Auch Männer können traumatisiert werden. Seit dem vergangenen Herbst leitet Tanja Sahib ihre zweite Väter-Gruppe. Durch ein Kind wird jede Partnerschaft auf den Kopf gestellt, und jeder muss neu in seine Rolle finden. Wenn die Mutter leidet, bedrückt das die ganze Familie.

Häufig fehlt es Geburtshelfern an Empathie

„Wenn eine Frau eine schlimme Geburt hatte, dann ist sie danach eine andere. Viele der Reaktionen der Frau verstehen die Partner nicht, und so bauen sich Missverständnisse auf“, sagt Tanja Sahib. Manche Paare haben nach einer schlimmen Geburt jahrelang kein Sexualleben, weil die Frauen sich nicht mehr berühren lassen wollen. Auch darüber redet sie mit ihren Klientinnen.

Wie viele Frauen schlechte Erfahrungen mit der Geburtshilfe machen, ist umstritten. Die Zahlen klaffen weit auseinander, weil es ein unterschiedliches Verständnis davon gibt, was Gewalt ist. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe kennt die Berichte, kann aber kein weit verbreitetes Phänomen entdecken. „Es ist nicht auszuschließen, dass im Einzelfall Geburtshelfer/innen zuweilen auch wegen eines Mangels an Empathie den Frauen nicht vermitteln können, warum eine Maßnahme im speziellen Fall sinnvoll ist“, teilt die ehemalige Präsidentin Birgit Seelbach-Göbel mit.

Sabine Kroh warnt vor hysterische Stimmung

Die Soziologin Christina Mundlos, Autorin des Sachbuchs „Gewalt in der Geburtshilfe“, geht davon aus, dass fünfzig Prozent aller Gebärenden Gewalt unter der Geburt erleben. Diese Zahl erscheint Tanja Sahib als zu hoch gegriffen. Sie geht von zehn bis zwanzig Prozent der Frauen aus.

Sabine Kroh arbeitet seit über 30 Jahren als Hebamme. Sie warnt vor einer hysterischen Stimmung, die Panik verbreitet und Kliniken und Hebammen pauschal an den Pranger stellt. Sie sieht vor allem Aktionen wie den „Roses Revolution Day“ im November kritisch. Dabei werden Frauen aufgefordert, vor der Klinik, in der sie schlimme Erfahrungen gemacht haben, eine Rose niederzulegen. „Trauma ist für jeden etwas anderes“, sagt Sabine Kroh. Oft gehe es eher darum, dass bestimmte Erwartungen nicht erfüllt wurden.

Sie hat im Klinikalltag selbst viele Grenzsituationen erlebt und ist auch schon einmal weinend aus einem Kreißsaal herausgerannt. „Aber das waren Einzelfälle“, sagt sie. Durch die Berichterstattung über Gewalt in der Geburtshilfe erlebe sie in der Geburtsvorbereitung immer mehr Paare, die Angst davor haben, in der Klinik ein Kind zu bekommen.

Der Erwartungsdruck der Frauen ist hoch

Hohe Erwartungen spielen eine Rolle dabei, ob eine Frau die Geburt als traumatisierend erlebe oder nicht, das bestätigt auch die Therapeutin Sahib. Als perfekte Geburt gilt heute die interventionsfreie Geburt, die ohne Medikamente oder Eingriffe auskommt. Ratgeber, Informationsabende, Kurse bestärken Frauen in dem Glauben, dass so eine Geburt etwas ist wie Whisky trinken, je mehr man sich informiert und mit dem Thema beschäftigt, desto intensiver wird der Geschmack.

Es gibt Kurse, Anleitungsbücher, Massagen, Hypno-Birthing. Die Frauen lesen Bestseller, in denen das Wort Geburt mit „sanft“ oder „natürlich“ oder „schmerzfrei“ kombiniert wird. Sie sehen auf Instagram Bilder von Geburten, in denen blonde Frauen schön wie Madonnen aus dem wohnzimmerlichen Geburtspool steigen, mit einem Baby auf dem Arm.

Vor allem Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, haben sich gut vorbereitet und sind zuversichtlich, dass sie ihr Kind aus eigener Kraft gebären können, hat Tanja Sahib beobachtet. Diese Zuversicht sei toll, hindere sie aber dran, sich darauf einzulassen, wenn nicht alles nach Plan läuft. Wenn dann die Geburt doch mit einem Kaiserschnitt ende, fühlen sie sich wie Versagerinnen. Tanja Sahib sagt: „Der hohe Erwartungsdruck, gekoppelt mit dem Gefühl, alleingelassen zu werden und nicht zu verstehen, was passiert, erhöht die Gefahr von Traumatisierungen.“

Mangel an Personal im Kreißsaal ist ein Problem

Auch die ökonomischen Zwänge spielen eine Rolle, hat die Politologin Tina Jung von der Universität Gießen herausgefunden, die zum Thema Gewalt in der Geburtshilfe forscht. „Es gibt individuelles Fehlverhalten. Es gibt aber auch strukturelle Gewalt, die dadurch begünstigt wird, dass Geburten innerhalb eines Rahmens von wirtschaftlicher Planbarkeit stattfinden müssen“, sagt sie.

Vielfach wird in den Geburtsprozess eingegriffen, um ihn zu beschleunigen, dazu kommen der Mangel an Personal und eine hohe Arbeitsbelastung im Kreißsaal. In der Hektik des Klinikalltags könnten so gewaltsame Situationen entstehen.

Ein Platz für den Schmerz während der Geburt

Eine Klinik werde zudem finanziell belohnt, wenn sie in eine Geburt medikamentös oder operativ eingreife. Die Anzahl der Interventionen ist seit der Einführung des Fallpauschalen-Systems im Jahr 2004 im Verhältnis zur Geburtenentwicklung überproportional angestiegen, hat Jung berechnet. Dabei geht es nicht nur um Kaiserschnitte, jedes dritte Kind kommt so zur Welt, sondern auch um Operationen zur Geburtseinleitung.

Tanja Sahib ärgert sich darüber, dass die Politik monatelang über den Paragrafen 219a streitet, die Engpässe in der Geburtshilfe vom Gesundheitsminister aber ignoriert werden. „Die Frauen werden alleingelassen“, sagt sie. In ihrem Schutzraum dürfen die Mütter ihrem Schmerz freien Lauf lassen, sie dürfen hadern, weinen und so die Erfahrungen in ihr Leben integrieren. Ihnen einen Platz geben. Einen sicheren Platz.