Verrückt

Eigentlich ein Skandal: Dem Bauherren Neuschwansteins, König Ludwig II. wurde am 8. Juni 1886 auf Betreiben der bayerischen Regierung in einem psychiatrischen Gutachten allein aufgrund von Zeugenaussagen und also ohne persönliche Untersuchung attestiert, „seelengestört“ zu sein. Zwar äußerte sich sein Leibarzt Max Joseph Schleiß von Löwenfeld noch am 10. Juni dahingehend, dass er „von der Existenz eines schweren Leidens welches seine Majestät, Ludwig II. an der Ausübung der Regierung dauernd verhindert, nicht überzeugt“ sei. Es sollte aber nichts nützen, der König wurde entmündigt, abgesetzt und ertrank unter mysteriösen Umständen am 13. Juni im seichten Wasser des damals noch Würmsee genannten Starnberger Sees … Wie auch immer: Eine für die bayerische Regierung bedrohliche Verrücktheit Ludwigs lag allemal darin, dass er kurz nach seiner Thronbesteigung 1864 in seiner ganzen Majestät und Herrlichkeit erklärte: „Ich möchte, dass alle unnötige Knauserei aufhört!“ Und fortan das Geld für den Bau von Märchenschlössern und die schönen Künste verprasste. Mit dem Mann war kein Staat zu machen.

Verpeilt

Was haben Neuschwanstein und die Allianz-Arena gemeinsam? Nein, es geht hier nicht um Fußball-, Sommer- und sonstige Märchen, auch nicht um die Frage, wo sich der Deutsche dahoam fühlt. Das bayerische Stadion und das bayerische Schloss sind vielmehr sogenannte Kraftorte. Glaubt man den Geomanten, die sich auf das Erkennen und Erspüren von guten Plätzen in Raum und Landschaft spezialisiert haben, also quasi Feng-Shui-mäßig unterwegs sind, dann erreicht Neuschwanstein auf der Liste der energiereichsten Orte Deutschlands einen Spitzenplatz. 19.000 Bovis, so die geomantische Maßeinheit, wurden mitfilfe von Pendeln und Antennen errechnet. Esoteriker glauben fest daran, dass Menschen an diesem Ort von positiver Energie durchströmt werden. Wünschelruten am Limit!

Verkitscht

Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das lärmige Zeitalter der Hochindustrialisierung ist längst angebrochen: qualmende Schlote, rasender Verkehr, volle Städte. Und Ludwig II. von Bayern bastelt sich einen grandiosen Gegenentwurf: Schloss Neuschwanstein ist das Weltfluchtunternehmen eines Überempfindlichen, die Trotzreaktion eines Traumtänzers. Mit seinem Schloss entflieht der König dem Lärm und findet Trost im Trash: Eine bewohnbare Theaterkulisse wünscht sich der Wittelsbacher, und zwar, wie er 1868 an seinen Herzensfreund, den Großkomponisten Richard Wagner, schreibt, ein Schloss „im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen“ und mit viel Lohengrin- und Nibelungen-Gedöns. Ludwig erhebt das Unechte, den Kitsch zur wahrhaftigen Ausdrucksform für den Rückzug aus der Moderne. Doch welche Ironie: Ausgerechnet dieser Märchenbau – ein ästhetizistischer Eskapismus vom Feinsten – wird zum deutschen Kulturkernbestand gerechnet und ist Anwärter auf den Weltkulturerbe-Titel der Unesco. Schloss Neuschwanstein beweist: Es gibt ein echtes Leben im falschen.

Verflucht

Man muss nicht lange suchen, um in Sachen Schloss & Crime fündig zu werden. Ob vor Gericht verhandelte Affären um Betrug und Untreue (Stichwort: schwarze Schlosskassen) oder mysteriöse Vermisstenfälle (2016 verschwanden zwei chinesische Touristen in Schlossnähe und waren nie wieder gesehen) – Neuschwanstein ist nicht nur strahlendes Touristenziel, sondern wirft auch mächtige Schatten. Schon die Geschichte Ludwigs II. ist ja der reinste Krimi. Und der Schlossbau erst, was wurde da intrigiert, gestritten und gestorben. Kein Wunder, dass auch spätere Schlossherren sich kaum freimachen konnten von der abgründigen Seite ihres Arbeitsplatzes. „Nach beinahe 20 Jahren, in denen ich auf Neuschwanstein gearbeitet und gewohnt habe, war mir klar, dass der König etwas von seinem persönlichen Unglück zurückgelassen hat. Es lastet ein Fluch auf diesem Ort“, sagte der frühere Kastellan Markus Richter einmal. Er hat aus der Not eine Tugend gemacht und ein Buch geschrieben. „Ins Herz“ ist ein waschechter Neuschwanstein-Thriller. Sodom und Gomorrha!

Verliebt

Die Amerikaner verliebten sich sofort in den anmaßenden Kitsch: Am Ende des Zweiten Weltkrieges erreichten US-Truppen Neuschwanstein, das alsbald zur Pilgerstätte der in Deutschland stationierter GIs wurde und über die unvermeidlichen Fotos den Weg in die Vereinigten Staaten fand – in die Wohnzimmer und in die Unterhaltungsindustrie. Erst durch die Amerikaner wurde der Trash als das erkannt und gewürdigt, was er seinem Wesen nach immer schon war: beste Popkultur. Walt Disney ließ das Schloss in seinen Zeichentrickfilmen „Cinderella“ (1950) und „Dornröschen“ (1959) auftauchen und machte es neben Mickey Mouse zum Logo seines Unterhaltungskonzerns. Heute steht das auf seinen wahren Kern ver- und zerkitschte Schloss in Disney-Parks und in Las Vegas. Alles würdige Orte.

Verbaut

Außen hui, innen pfui? Na von wegen! Neuschwanstein punktet nicht nur mit schlanken Türmen, mit Giebeln und Balkonen, auch im Inneren wurde an alles gedacht. Es gibt prunkvolle Säle, Hauskapellen, verzierte Betten. Besonderes Augenmerk verdienen die etlichen technischen Raffinessen, die dem neuesten Stand des späten 19. Jahrhunderts entsprachen oder sogar darüber hinausgingen. Schließlich war der Märchenkönig ein ausgemachter Technik-Freak. Und so saß Ludwig II. nicht nur auf dem Thron, sondern genoss auch den Komfort einer Toilette mit automatischer Spülung (zur damaligen Zeit ein absolutes Novum), er hatte fließend Wasser für die Morgentoilette und konnte seine Diener per batteriebetriebener Klingelanlage heranzitieren. Es gab Telefon, eine ausgeklügelte Heizungsanlage, Warmwasseraufbereitung und in der Küche als besonderes Schmankerl einen energiesparenden Rumford-Herd, der einen Spieß durch eigene Wärme in Bewegung setzte und somit seine Umdrehungen dem Grad der Hitze ständig anpasste. Neuschwanstein: eine echte Hightech-Burg!