Leitplanken sichern den Fahrdamm, der Asphalt ist breit und glatt, darauf leuchten weiße Richtungspfeile, ein großes Straßenschild verkündet, es seien noch 1122 Kilometer bis Jakutsk. „Die Straße hier ist Klasse. Du fliegst auf dem Motorrad mit 130 Sachen drüber und plötzlich – ist Schluss“, beschreibt ein Einheimischer den Ort auf einem Handy-Video, das Medien in ganz Russland veröffentlichten.

Ein etwas unwirklicher Ort im Amur-Gebiet. Gleich neben dem Schild brechen Fahrdamm und Teerdecke abrupt ab, die Straße stürzt regelrecht in jenen leicht sumpfigen Mischwald aus Birken und Kiefern hinab, der auch als Taiga bekannt ist.

„Eine Sprungschanze“, räsoniert der Videoautor. „Das hat selbst den Herren Straßenbauern Sorgen gemacht, sie haben ein paar Bäume abgeholzt, damit man nicht gegen einen Stamm fliegt, sondern weiter in den Wald hinein.“ Unfälle seien an der Tagesordnung, in der Böschung liegt eine Stoßstange, die Bremsspur eines Lkws endet in einem Wasserloch links der Schanze.

Schlammbad und Schlaglöcher

Die „Hochgeschwindigkeitssackgasse“, so das Regionalportal amur.info, liegt bei der Ortschaft Solowjowsk und zweigt von der Bundesstraße A 360 ab, die in den vergangenen Jahren gründlich renoviert worden war. Die 1163 Kilometer lange Piste galt als eine der miserabelsten Straßen in Russland, einige Abschnitte gerieten jedes Frühjahr zum Schlammbad, in dem Hunderte Lastwagen versanken.

„Es wird viel gebaut, vor allem die Bundesstraßen sind besser geworden“, sagt Pawel Stabrow, Koordinator der Föderation Russischer Autobesitzer im mittelsibirischen Gebiet Krasnojarsk. Aber wegen der kurzen Sommerzeit müssten die Arbeiten oft abrupt beendet werden, was ebenso abrupte Wechsel der Straßenqualität zur Folge habe. Auch an den Grenzen verschiedener Regionen endeten frisch reparierte Asphalttrassen oft in achsenbrecherischen Schlaglochfeldern.

Und gerade im dünn besiedelten Nordsibirien seien viele unbefestigte „Winterstraßen“ nur bei Frost befahrbar. Mangels Brücken riskieren im Frühjahr tausende sibirische Autofahrer ihr Leben auch auf dem brüchigen Eis der „Winterstraßen“ über Irtisch oder Jenissei.

Mörderischer Parcours

Doch jetzt rätselt halb Russland, was die so gründlich ausgebaute und so schlagartig endende Rampe bei Solowjowsk soll. „Weiß markiert, direkt bis zum Abgrund. Mörderisch, nachts darauf zu fahren,“ postet ein Nutzer von Ria Nowosti. „Straße ins Nichts“, titelt die Nachrichtenagentur selbst. Als hätten die Straßenbaubehörden beschlossen, einem der geläufigsten Sprichwörter des vaterländischen Volksmunds ein Baudenkmal zu setzten: „Russland leidet unter zwei Übeln: Unter Dummköpfen und Straßen.“

Die Verwaltung der Bundesstraße Newer-Jakutsk erklärte gegenüber Journalisten, der Abschnitt sei „mit Blick auf eine künftige Begradigung“ gebaut worden. Was auch immer das bedeutet, jetzt will man zusätzliche Straßenschilder sowie Plastikblockbarrieren aufstellen. „Um das Auftauchen weiterer kompromittierender Videos zu vermeiden.“ Das klingt jedenfalls nicht so, als habe man es eilig, die fatale Sackgasse zu Ende zu bauen.