Olaf Scholz und Saskia Esken am Montag in Berlin.
Foto: AFP/Tobias Schwarz

BerlinAuf den ersten Blick wirkt es wie ein Widerspruch: Am Sonntag teilten die SPD-Chefs Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans mit, dass die Partei für ein Mitte-Links-Bündnis mit den Grünen und der Linken offen sei. Am Montag verkündete die SPD-Spitze, dass der Finanzminister Olaf Scholz Kanzlerkandidat werden solle. Ausgerechnet Scholz, der in der Parteiwahl gegen Esken und Walter-Borjans unterlag, soll  der Hoffnungsträger werden? Der Vizekanzler neben Angela Merkel, der wie kaum ein anderer Sozialdemokrat für die große Koalition steht, soll den Weg für ein Mitte-Links-Bündnis ebnen? Wieso braucht eine 15-Prozent Partei einen Kanzlerkandidaten?

Doch je länger man darüber nachdenkt, desto mehr erkennt man darin eine ziemlich clevere Doppelstrategie der SPD-Vorsitzenden. Während sie in der Union noch rätseln, welcher ihrer drei Kandidaten sich als Vorsitzender eignet, oder ob man bei der Kanzlerkandidatur nicht doch lieber auf den forschen Bayer von der CSU Markus Söder setzt, kann sich die SPD nach der Sommerpause sortiert und geschlossen präsentieren. Das setzt die Mitbewerber unter Zugzwang.

Walter-Borjans und Esken haben zu Beginn ihres neuen Amtes versprochen, dass sie die SPD aus der großen Koalition herausholen. Indem sie ausgerechnet Scholz zum Kanzlerkandidaten küren, nehmen sie denjenigen Kritikern den Wind aus den Segeln, die in einem Bündnis mit Linken und Grünen den Weg in den Sozialismus sehen. Für Sozialismus steht der sachliche, ruhige Hamburger, der jahrelang mit der CDU-Kanzlerin arbeitete, wirklich nicht.

Und wenn man mal ehrlich ist, lief es von Anfang an auf Olaf Scholz hinaus. Wer hätte es sonst machen können? Die beiden Parteichefs haben sofort gesagt, dass sie nicht wollen. Die Ministerpräsidenten? Stephan Weil aus Niedersachsen hat lange gezögert, Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern hat sich gerade erst von einer Krebserkrankung erholt. Familienministerin Franziska Giffey, die schon für jedes Amt gehandelt wurde, will erst mal zurück auf die Landesebene.

Scholz scheiterte zwar in der Parteiwahl, in den Umfragen ist er jedoch der bei der Bevölkerung mit Abstand beliebteste Sozialdemokrat, die Wähler sind mit seiner Arbeit als Finanzminister in der Corona-Krise zufrieden. In der Krise hat er auch gezeigt, dass er flexibler sein kann, als man es ihm zugetraut hat, und dass er eben nicht der Hardcore-Neoliberale ist, für den ihn viele halten. Statt auf der Schwarzen Null zu beharren, entwarf er ein riesiges Investitionsprogramm, Stichworte Bazooka und Wumms. Insgesamt 218 Milliarden Euro will der Bund in die Hand nehmen. So viele Schulden wurden nicht einmal während der Finanzkrise gemacht.

Ein beliebtes Argument gegen Scholz lautet, dass er langweilig sei, dass er keine große Begeisterung auslöse. Aber genau das könnte sein Vorteil für die SPD sein; und es spricht für die Vorsitzenden, dass sie offenbar aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Der letzte Kanzlerkandidat, der Ekstase und Begeisterung auslöste, Martin Schulz, fuhr bei der Bundestagswahl 2017 das schlechteste Ergebnis der SPD in ihrer gesamten Parteigeschichte ein. Das waren 20 Prozent.

„Sie kennen mich“, das war ein Ausspruch Merkels vor einigen Jahren, der darauf anspielte, dass die Deutschen am liebsten jemanden wählen, den sie kennen. Im nächsten Jahr wird Angela Merkel nicht mehr antreten, zum ersten Mal seit 16 Jahren. Das wird eine Erschütterung geben, und wahrscheinlich werden die Umfragewerte der CDU, die jetzt noch im Höhenflug sind, einbrechen. Nach Merkel werden die Wähler keine Experimente machen wollen.

Der einzige Kanzlerkandidat, den die Deutschen dann schon aus der Bundesregierung von gemeinsamen Pressekonferenzen mit Angela Merkel kennen, wird der SPD-Mann Olaf Scholz sein. Nach Mutti kommt womöglich Vati, schrieb ein englischer Kollege neulich.