Washington - Es stehe nicht gut um Amerika, sagt der Kandidat. Gar nicht gut, um präzise zu sein. Das Land stehe sozusagen am Rande des Abgrunds, sagt er. Er werde das ändern. Wie genau, das sagt er nicht. Aber es hat irgendetwas mit dem Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko zu tun, mit der Abschiebung von Millionen illegaler Einwanderer, dem Einreiseverbot für Muslime in die USA, der Sperrung des Internets, dem Abwurf von Bomben auf Familienmitglieder von Dschihadisten und so weiter und so fort.

Der Kandidat wirkt wie die Figur in einer Groteske. Er steht an einem Rednerpult in der pseudo-barocken Kulisse des Casino-Hotels „The Venetian“ im Illusionistenparadies Las Vegas und gibt tiefe Einblicke in eine Scheinwelt. Man könnte herzhaft lachen.

Doch die Inszenierung ist ernst gemeint. Es ist die live übertragene Fernsehdebatte der republikanischen Möchtegern-Präsidenten, die sich um die Nachfolge von Barack Obama bewerben. Auch den Kandidaten gibt es wirklich. Er heißt Donald Trump. Er ist 69 Jahre alt, hat ein Milliardenvermögen mit dem Bau von Hochhäusern und Golfplätzen angehäuft, war zwischenzeitlich der Moderator einer Reality-Show im Fernsehen. Demnächst will er ins Weiße Haus in Washington einziehen. Dass es gelingt, daran glaubt er fest. Denn er ist der Umfragekönig.

Triumphzug des Trumpismus

Trump dominiert das Schauspiel, das Millionen von Amerikanern im Fernsehen erleben. Er ist Dreh- und Angelpunkt der Debatte. Nur Jeb Bush versucht, ab und an anzugreifen. Er nennt Trump einen Chaos-Kandidaten, der auch ein Chaos-Präsident wäre. Das bringt Bush ein bisschen Beifall vom Publikum ein, wirkt aber dennoch etwas verzweifelt.

Der Bruder des früheren Präsidenten George W. Bush liegt in den Umfragen so weit hinten, dass ihm wahrscheinlich auch Verbalattacken auf den Spitzenreiter nicht mehr helfen werden. So wogt die TV-Debatte zwei Stunden hin und her. Manchmal gibt sich Trump gönnerhaft, manchmal ist er beleidigt. Richtig zu packen bekommen ihn aber weder seine acht Konkurrenten noch die TV-Moderatoren.

Der Triumphzug des Trumpismus lässt sich bislang nicht aufhalten. Das ist die Stilform, die der New Yorker Milliardär in dem halben Jahr seit Bekanntgabe seiner Kandidatur um das höchste Amt im Staat vervollkommnet hat. Darin vermischt sich viel Fiktion mit wenig Realität. Darin erlebt die Demagogie des 20. Jahrhunderts eine Renaissance. Hinterfragt wird darin nicht, allein die Ankündigung einer Idee zählt. Ihr Vernunftgehalt wird nicht geprüft. Emotion schlägt Inhalt. Donald Trump nennt das Politik, und viele Leute scheinen ihm das abzunehmen.

Das lässt sich vor allem bei Wahlkampfauftritten des begnadeten Selbstdarstellers gut beobachten. Wo Trump, den manche in den USA inzwischen den Darth Vader der Politik nennen, auftritt, dort herrscht Volksfeststimmung. Dann werden die Baseball-Mützen geschwungen, auf denen „Make America great again“ steht – „Macht Amerika wieder groß“. Dann finden die Buttons reißenden Absatz, auf denen „Bomb the shit out of ISIS“ zu lesen. Dann ist endlich wieder einmal etwas los auf dem flachen Land. „The Donald“, wie sich der Narziss nennen lässt, ist da. Endlich.

„Donald Trump wird Präsident aller Leute sein. Amen!“

So ist es auch in Aiken im Bundesstaat South Carolina, wo etwa 4000 Menschen in der Sportarena der örtlichen Universität ganz ungeduldig auf den Mann aus New York warten. Es ist kalt, weil die Klimaanlage auf Hochtouren läuft. Aber das Wahlvolk macht sich warme Gedanken in Vorfreude auf den Auftritt Trumps. Die Nationalhymne ist gesungen, der Eid auf die Verfassung bereits im Chor absolviert.

Der Pastor, ein dicklicher Afroamerikaner, hat die Menge angeheizt, indem er erklärt hat, man möge sich doch bitte von den liberalen Medien und ihrer Kritik nicht ins Bockshorn jagen lassen: „Donald Trump wird der Präsident aller Leute in Amerika sein. Amen! Aller Leute. Amen! Aller Leute. Amen!“ Dann kommt Trump auf das bühnenartige Podest am Ende der Halle, und es bricht ein Geschrei aus, das klingt wie die Trommelschläge auf einer Galeere, mit der die Ruderer angetrieben werden: „Trump, Trump, Trump, Trump.“

Auf der Tribüne der Arena sitzt in der ersten Reihe unten ein junges, weißes Paar, das man als beispielhaft für die Wählerschicht anführen darf, die von Trump fasziniert ist. Cecilia Tolias ist 28 Jahre alt, ihr Mann David ist zehn Jahre älter. Sie haben zwei Kinder, eines ist fünf, das andere ein Jahr alt. Sie arbeitet bei einem Paketzustelldienst, er in einer Reifenfabrik. „Blue collar“ seien sie, sagt Cecilia Tolias: „Wir gehören zur Arbeiterklasse.

Wir arbeiten hart und sorgen uns um die Zukunft unserer Kinder.“ Trump, sagen sie, trauten sie am ehesten zu, für eine gute Zukunft zu sorgen. Er sei kein verkommener Politiker. Er werde den Filz herausreißen, mit dem Washington überzogen sei. Er werde für Sicherheit sorgen.

Cecilia und David Tolias stören sich nicht daran, dass Trump nicht darüber spricht, wie er seine Versprechen umsetzen will. Es reicht ihnen offenbar, dass er Versprechen abgibt. „Er spricht offen aus, was ich denke und was ich normalerweise nur sage, wenn ich meinen Freunden zusammen bin.“ Trump sei ein Nicht-Politiker, und das schätze er an ihm, sagt Tolias.

Trump: „Obamacare durch etwas Wunderschönes ersetzen.“

Auf dem Podest sitzt ein wie immer gut gelaunter Trump auf einem Sessel und erzählt, dass er alles besser machen werde. Er fängt Sätze an, beendet sie nicht, beginnt neue Sätze, beendet sie nicht. „Ich habe so viele Ideen, ich bin total aufgeregt“, sagt er mit heiserer Stimme. Obamacare etwa, die Krankenversicherung des amtierenden Präsidenten, werde abgeschafft und durch „etwas Wunderschönes“ ersetzt. „Amen“, brüllt da ein Glatzkopf mit schlechten Zähnen, der seine Sonnenbrille auf die Stirn geschoben hat, aus dem Publikum.

Dann spricht Trump über Duschen, Toilettenspülungen und den niedrigen Wasserdruck, für den die Umweltbehörde EPA verantwortlich sei, und der Glatzkopf brüllt wieder „Amen“, so als kenne er das aus eigener Erfahrung, was Trump auf der Bühne erzählt. Man müsse ja heutzutage in manchen Gegenden der USA viel zu lange unter der nur schwach tropfenden Dusche stehen und verbrauche deswegen noch mehr Wasser. „Amen.“

Als Trump auf das Thema zu sprechen kommt, mit dem er vor zehn Tagen die Öffentlichkeit überrascht hat, jubelt auch David Tolias, der sich bislang mit Gefühlsregungen zurückgehalten hat. Trump spricht von der drohenden Islamisierung Amerikas, von den „radikalen, verrückten, schrecklichen Leuten“, die Anschläge wie jenen von San Bernardino verübten. Er sagt, dass ein Land ohne Grenze kein Land sei.

Von seiner Forderung, allen Muslimen vorerst die Einreise in die USA zu verwehren, spricht Trump an diesem Tag in South Carolina nicht. Aber David Tolias hat seinen Lieblingsnichtpolitiker schon richtig verstanden. „Ich will meine Kultur nicht verlieren“, sagt er mit ernstem Ton in der Stimme. „Ich würde es nicht Angst nennen. Es ist ein Unbehagen, dass das Land von Fremden überschwemmt wird. Wir sollten eine Mauer an der Grenze bauen. Der Vatikan hat doch auch eine schöne Mauer.“

Würde Tolias nach rechts oben auf die Tribüne schauen, würde er einen Asiaten sehen, der eine Tafel in der Hand hält. Auf ihr steht: „Mr. Trump. Ich bin aus China. Mauern funktionieren. So wie die Große Mauer in China.“ Da mag das liberale Amerika noch so geschockt sein wegen des Einreisestopps – in Aiken finden die meisten Zuhörer die Idee von Amerika als einer Festung brillant. So brillant, dass sie dafür sogar bereit sind, handgreiflich zu werden.

Trump schürt Hass auf Muslime

Das erfährt Jibril Hough am eigenen Leib. Der schmale, blasse Mann trägt eine gehäkelte Gebetsmütze auf dem Kopf und brüllt in dem Moment, in dem Trump auf der Bühne erklärt, er werde das Gefangenenlager Guantanamo in jedem Fall weiter betreiben, aus voller Kehle: „Der Islam ist nicht der Feind. Schließt Gitmo!“

Sofort stürzen sich Houghs Nachbarn auf ihn, zerren an seinem schwarzen T-Shirt und stoßen ihn in Richtung der Saalwächter, die ebenfalls schon auf den Störenfried aufmerksam geworden sind. Hough, Mitglied der islamischen Gemeinde in der Großstadt Charlotte, wird abgeführt. Eine Stunde später steht er vor dem Eingang zur Sporthalle, schnauft noch ein wenig angestrengt und sagt: „Man muss Trump ernst nehmen. Er wirkt vielleicht wie ein Kasperle, aber er ist keiner.“

Seit Trumps vorgeschlagen hat, Muslime nicht mehr in die USA einreisen zu lassen, sind zahlreiche Übergriffe auf sie dokumentiert. Die Angst vor Anschlägen im Stile des Massakers von San Bernardino nehme zu, heißt es in den Umfragen. Das mag auch daran liegen, dass die Politik diese Angst schürt.

Während der TV-Debatte in Las Vegas ist die innere Sicherheit der USA das Top-Thema. Der eine Bewerber sagt, man befinde sich bereits im Kriegszustand. Der andere Kandidat sagt, ganz Amerika sei eine Zielscheibe der islamistischen Extremisten. Kandidat Bush sagt: „Unsere Freiheit ist bedroht.“ Und auch Trump sagt etwas, wobei nicht ganz klar wird, ob er tatsächlich Atomwaffen gegen die Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staats einsetzen will oder ob er da nur etwas durcheinander gebracht hat. Egal, irgendetwas wird schon hängen bleiben beim Wahlvolk.

Seit Trumps Ankündigung, Präsident der USA werden zu wollen, sind gut sechs Monate vergangen – und in diesen Monaten ist gewissermaßen ein ungeschriebenes Gesetz außer Kraft gesetzt worden. Es ist das Gesetz der Tradition, wonach es ganz besonders schrille Bewerber in den USA noch nie geschafft haben, als Präsidentschaftskandidaten nominiert zu werden. Donald Trump könnte die Ausnahme sein.

Selbst Experten, die ihm ein frühzeitiges Scheitern im Wahlkampf prophezeit haben, wollen jetzt nicht mehr ausschließen, dass es dem Immobilienmilliardär doch gelingen könnte, bei den Vorwahlen genügend Stimmen zu bekommen, um der offizielle Kandidat zu werden. Aber gegen Hillary Clinton von den Demokraten werde Donald Trump bei der Wahl im kommenden November keine Chance haben, sagen dieselben Experten.

Vielleicht ist da der Wunsch Vater des Gedankens, vielleicht auch nicht. David Tolias, der Reifenarbeiter aus South Carolina, sagt jedenfalls: „Wenn Trump nicht als Kandidat nominiert wird, dann gehe ich nicht zur Wahl.“