Berlin - An diesem Freitag werden wieder Hunderttausende Schüler in den Schulstreik treten und an den „Fridays-for-Future“-Protesten teilnehmen, um ein deutliches Zeichen gegen den Klimawandel zu setzen. In Berlin wird die 16-jährige Greta Thunberg, die Galionsfigur der Bewegung, an der Manifestation teilnehmen und am Brandenburger Tor sprechen. Die Schüler treffen sich gegen 10 Uhr am Invalidenpark. Der langjährige Schulpsychologe Klaus Seifried analysiert die neue Jugendbewegung.

Herr Seifried, wie erklären Sie sich, dass die so viele junge Menschen an den „Fridays-for-Future“-Demonstrationen teilnehmen?

In den letzten Jahren wurde viel darüber diskutiert, dass die heutige Jugend unpolitisch, individualistisch, konsumorientiert und sehr an materiellen Werten orientiert ist. Deshalb sollten wir uns darüber freuen, dass diese jungen Menschen politisch aktiv werden.

Aber was treibt die Schüler an?

Man muss die heutige Jugend differenziert betrachten. Die Einen suchen nach Sinn im Leben und finden ihn beispielsweise in bewusster Ernährung oder politischem Engagement. Sie wollen Vegetarier oder Veganer sein oder sorgen sich um den Zustand der Umwelt. Viele haben Zukunftsängste. Und auf der anderen Seite haben wir Jugendliche, denen alles egal ist. Sie sitzen im Park auf der Bank, lassen ihren Müll fallen und ihre leeren Bierflaschen in der U-Bahn liegen. Es gibt also nicht die eine Jugend.

Kommen die Jugendlichen, die sich bei „Fridays for Future“ engagieren, aus einem bestimmten sozialen Milieu?

Das sind aktive, engagierte junge Menschen, die die Aufmerksamkeit ihrer Lehrkräfte, Eltern und Politiker erreichen wollen. Und Aufmerksamkeit erreicht man zum Beispiel durch einen Streik und eine Demo. Für manche, die da mitlaufen, hat das natürlich auch Event-Charakter.

Das sind dann die, die auch mit dem Coffee-to-go-Pappbecher mitlaufen...

Es gibt Schlimmeres als einen Pappbecher. Viele nehmen das erste Mal an solch einer Demonstration teil und beginnen sich dadurch erst zu interessieren, sich zu engagieren und zu politisieren.

Schulpsychologe Klaus Seifried über Klimaproteste: Jugendliche wollen schnelle Entscheidungen, das sei teilweise naiv 

Vor 50 Jahren demonstrierten die 68er in West-Berlin ja auch gegen die Elterngeneration. Woran reiben sich die jungen Leute heute?

Sie reiben sich am Lebensstil, den wir Erwachsene vorleben: Die Selbstverständlichkeit des Autos und des Wohlstands. Daran, dass es vielen Erwachsenen schwer fällt, sich einzuschränken und Gewohnheiten zu verändern. Und für viele Jugendliche ist es schwer verständlich, wie zäh und schwerfällig politische Entscheidungen auf Bundesebene oder in der Europäischen Union getroffen werden. Die Jugendlichen wollen schnelle Entscheidungen, was natürlich teilweise naiv und auch mit einem Schülerstreik nicht zu erreichen ist.

Die junge Generation fliegt heute besonders häufig mit dem Flugzeug. Viele ernähren sich betont bewusst auch mit Avocados, die aus Mexiko herangeschafft werden müssen.

Das sind die Widersprüche unseres Lebens, die wir uns bewusst machen müssen. Das sollten Eltern, Lehrerinnen und Lehrer mit den Kindern und Jugendlichen besprechen: Wie können wir in unserer Familie uns umweltbewusster verhalten? Was können wir in der Schule tun, um Energie zu sparen? Wie können wir umweltverträglich Energie gewinnen, zum Beispiel durch ein Solarzellen-Projekt auf dem Schuldach.

Und was halten Sie von der Schulpflicht? Lehrer warnen schon vor einer Vier-Tage-Woche für Schüler.

Die Schulpflicht, die deutschlandweit ja erst 1918 mit der Weimarer Republik verwirklicht wurde, ist eine wichtige bildungspolitische Errungenschaft. In vielen armen Entwicklungsländern wünschen sich Kinder, in die Schule gehen zu dürfen. Für manche Schülerinnen und Schüler in Deutschland ist die Schule eher eine lästige Pflicht, was wir an den Fehlquoten sehen. Deshalb sollten wir bei den „Friday-for-Future“-Demonstrationen ein vernünftiges Verhältnis finden. Es geht nicht, dass die Schülerinnen und Schüler jetzt unbegrenzt jeden Freitag streiken. Sie haben neben dem politischen Engagement für den Klimaschutz auch die Verantwortung für ihren Schulerfolg.

Wieso taugt Greta Thunberg als Identifikationsfigur?

Menschen brauchen eine Projektionsfläche, eine Person, die eine politische Meinung besonders gut und überzeugend vertritt. Sie identifizieren sich dann mit dieser Person. Das scheint bei Greta Thunberg zu funktionieren. In der Politik fehlen leider oft solche Identifikationsfiguren, Menschen mit charismatischem Auftreten, die emotionalisieren können. Leider finden wir dies vor allem bei Populisten, die mit Fehlinformationen und Ängsten unzufriedene Menschen mobilisieren.

Greta Thunberg ist Asperger-Autistin und erklärt damit auch ihr konsequentes Handeln.

Menschen mit Asperger-Symptomatik können sich sehr stark auf ein Thema konzentrieren und bringen besonders viel Energie für ein Thema auf. Das könnte hier der Fall sein.

Klaus Seifried über die reale Angst der Schüler vor dem Klimawandel: „Stürme, Überschwemmungen und Tornados nehmen weltweit zu"

Ihre Eltern – der Vater Drehbuchautor, die Mutter Opernsängerin – haben mit ihrer Tochter ein Buch geschrieben. Inwieweit ist Greta Thunberg Teil einer Inszenierung, wie Kritiker sagen?

Kinder sind immer auch Produkte ihrer Eltern. Es gibt viele Beispiele, wo Eltern ihre Kinder inszenieren. Denken Sie an Sportgrößen wie Steffi Graf. Ich finde es aber wichtig, dass möglichst viele Eltern das Thema Klimaschutz zu Hause mit ihren Kindern besprechen.

Die „Friday-for-Future“-Demonstrationen organisieren in Berlin maßgeblich junge Frauen, auch die Mehrheit der Demonstrierenden ist nach meiner subjektiven Einschätzung weiblich. Wieso?

In dieser Altersgruppe sind Mädchen häufig reifer und engagieren sich in besonderem Maße sozial. Sie erzielen auch bessere Schulnoten. Jungs kämpfen in diesem Alter häufiger mit Identitätskonflikten.

Wie real ist die Angst der Schüler vor dem Klimawandel?

Der Klimawandel ist ja wissenschaftlich erwiesen. Gerade für Jugendliche auf Sinnsuche, die Wohlstand gewohnt sind, ist das eine besondere Herausforderung. Stürme, Überschwemmungen und Tornados nehmen weltweit zu.

Auf welch anderen Feldern begeben sich Jugendliche auf Sinnsuche?

In der Wohlstandsgesellschaft geht es für viele Jugendliche vor allem um die Frage, wie ich aussehe, welche Klamotten ich anhabe, ob ich Anerkennung in meiner Peergroup bekomme. In Zeiten von „Deutschland sucht den Superstar“ und Instagram-Accounts scheint wichtig, ob man schön ist oder den schönsten Freund, die schönste Freundin hat. Oder auch, ob ich mit einem besonders schicken Auto zur Abiturfeier komme. Das beobachten wir seit Jahren.

Sind das teilweise dieselben Schüler, die nun demonstrieren?

Doch sicherlich. Und es ist wichtig, dass Eltern und Lehrerkräfte mit den Schülern über grundsätzliche Fragen sprechen: Muss ich dreimal im Jahr in Urlaub fliegen? Wieso kaufe ich ständig neue Kleidung bei Primark, die kaum etwas kostet? Welche Art vom Strom kommt aus der Steckdose?

Was wird von dieser „Friday-for-Future“-Bewegung bleiben?

Für die Schüler, die mitdemonstriert haben, wird das eine bleibende Erfahrung sein. Natürlich wird das Interesse an den Demos irgendwann abnehmen, oder es kommt eine andere Bewegung. Aber die Schülerinnen und Schüler, die mitgemacht haben, wird das in ihrem weiteren gesellschaftlichen Engagement prägen.

Schulpsychologe über Politiker, die Schulstreiks ablehnen: Schüler müssten den Unterrichtsstoff nachholen, das sei eine zusätzliche Arbeit 

Inwiefern?

In unserer Gesellschaft ist gerade für Kinder und Jugendliche viel reglementiert. Die Eltern entscheiden, in welchen Sportverein, welche Musikschule, Nachhilfe oder auf welche Schule ich gehe, dort gilt dann die Schulpflicht mit einer weitgehend vorgegebenen Stundentafel. Das alles empfinden junge Menschen als hochgradig reguliert. Gerade Kinder und Jugendliche aus bildungsnahen Familien sind oft terminlich durchgetaktet. Wenn jemand dann an einer solchen Demonstration teilnimmt, stellt er fest, dass er selbst etwas bewirken kann. Dass man damit sogar in die Tagesschau kommt. Schülerinnen und Schüler erfahren also ihre Selbstwirksamkeit. Beim nächsten Mal organisieren sie dann womöglich eine Diskussion in ihrer Schule, wenn ihnen etwas besonders wichtig ist.

Was würden Sie Politikerin wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier entgegenhalten, die die Schulstreiks ablehnen ?

Das eine schließt das andere nicht aus. Die Demonstranten wissen, dass sie sich eine zusätzliche Arbeit, eine zusätzliche Verantwortung aufladen. Denn sie müssen den Unterrichtsstoff nachholen, den sie verpassen.

Wie steht es denn sonst um die politische Bildung in den Schulen?

In der Schule ist wegen der schlechten Pisa-Ergebnisse seit der Jahrtausendwende sehr viel mehr Wert gelegt worden auf die Kernfächer Deutsch, Englisch und Mathe. Der Politikunterricht ist dadurch in vielen Bundesländern zu kurz gekommen, das Fach wird sehr häufig fachfremd unterrichtet. Dabei hat Schule auch den Auftrag zur Demokratieerziehung.