Duisburg - Deutschunterricht, 6. Klasse. Ein Schüler liest eine Fabel vor, in der sich ein Wolf und ein Löwe um ein Schaf streiten. Plötzlich kommt ein Adler in steilen Sinkflug vom Himmel herunter – und schnappt sich das Schaf. „Wenn sich zwei streiten, freut sich der dritte“, ruft einer rein. „Das ist ein total alter Spruch“, ein anderer. Gelächter.

Majd lacht nicht, der 13-Jährige bewegt in diesem Moment noch nicht mal seine Mundwinkel. Er hat die Ellbogen auf sein aufgeschlagenes Deutschbuch gestellt und hält den Kopf auf seine beiden Hände gestützt. Vorn steht die Lehrerin, Anja Schmidt, mit weit ausgebreiteten Armen und wiegt ihren Körper hin und her, als flöge sie durch die Luft. „Ein Adler ist ein Vogel, ganz groß, total schön, mit weiten Flügeln“, sagt Schmidt. „Was für ein Vogel bin ich, Majd?“ fragt sie. Der bewegt die Lippen leicht auseinander, zu hören ist aber nichts. Schmidt fragt noch mal. „Ein Adla“, antwortet Majd.

Wie geht das mit der Integration?

Hier am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Duisburg-Marxloh wollen sie es wissen, wie es geht mit der Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern ins Bildungssystem. In diesem Duisburger Stadtteil, wo ohnehin schon sehr viele in irgendeiner Form ausländische Wurzeln haben, wollen sie diejenigen, die neu ankommen – ohne Deutschkenntnisse, teils nicht richtig alphabetisiert – ins Gymnasium integrieren. Und zwar innerhalb von gerade mal zwei Jahren.

Für dieses ehrgeizige Ziel erhält die Schule Unterstützung von Ruhrfutur, einer Bildungsinitiative des Landes Nordrhein-Westfalen, mehrerer Ruhrgebietsstädte und der Mercator-Stiftung. So hat die Schule extra für das Projekt eine Sozialarbeiterin bekommen. Und die Universität Duisburg-Essen begleitet das Projekt, auf diese Weise sollen später auch andere Schulen von den Erfahrungen profitieren.

Hinterher oft schweißgebadet

Die Neuankömmlinge sind zunächst gemeinsam in einer eigenen Lerngruppe. Sie kommen aus Rumänien, Mazedonien, der Türkei – aber eben zunehmend auch aus Afghanistan und Syrien. Wer sich als lernstark erweist, wechselt wie Majd besonders schnell in eine normale Klasse. Schmidt, die eine Qualifikation hat, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, ist sowohl Klassenlehrerin in einer internationalen Neueinsteigerklasse als auch in einer ganz normalen 6. Klasse, in die gerade vier Kinder integriert werden.

Wenn Schmidt vor Rasna, Arjetta, Krasimir, Juri und den anderen in der internationalen Klasse steht, „dann bin ich hinterher oft schweißgebadet“, sagt sie. Nicht etwa, weil sie Angst vor den Kindern oder der Aufgabe habe, erklärt die Lehrerin, die an diesem Tag in einem Jeans-Rock und einen schwarzen Jackett zur Schule gekommen ist. Nein, die Kinder von Flüchtlingen und Zuwanderern könne man nur mit vollem – auch körperlichem – Einsatz erreichen. „Wenn jemand das Wort Affe nicht versteht, dann musst du es vorspielen. Du musst dich zum Affen machen“, sagt sie. „Die müssen spüren: Der Lehrer reißt sich für mich den Hintern auf, damit ich verstehe, was eine Affe, ein Garten oder eine Mikrowelle ist.“

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