Venedig - Stapel von Holzbänken mit Metallfüßen lehnen rund um Markusplatz und Canal Grande an den Hauswänden. Von Oktober bis April, in der Hochwassersaison, gehören sie zu Venedig wie die Gummistiefel in den Schuhgeschäften. Wenn die Sirenen ertönen, die das auf Italienisch Acqua Alta genannte Ereignis ankündigen, werden sie zusammengestellt zu den Passarelle, den Stegen, auf denen Einheimische und Touristen überflutete Plätze und Gassen durchqueren.

Immer häufiger kriecht das Wasser aus den Kanälen der Lagunenstadt hoch – über die Gehwege und in die Erdgeschosse der Häuser. Fünf bis sechs Mal im Durchschnitt pro Saison, in manchen Jahren mehr als zehn Mal. Ab Herbst 2017 werden die Venezianer Gummistiefel und Passarelle wohl wieder seltener brauchen. Dann soll der Mose-Damm in Betrieb gehen und Venedig vor den Fluten bewahren. Eine Zeit lang zumindest.

Mose ist die Abkürzung für Modulo Sperimentale Elettromeccanico (experimentelles elektromechanisches Modul). Der Name spielt aber auch auf den biblischen Propheten an, der die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten rettete, indem er sie durch die sich teilenden Fluten des Roten Meers führte. Mission des modernen Mose ist es, die einzigartige Stadt Venedig und ihre Kunstschätze zu retten, die jedes Jahr schätzungsweise 30 Millionen Besucher aus aller Welt anziehen.

Wegen des steigenden Meeresspiegels würde das Juwel sonst untergehen. Die gigantische Summe von 5,5 Milliarden Euro kostet das Wehrsystem, vier Mal so viel wie ursprünglich geplant und etwas mehr, als der Hauptstadtflughafen in Berlin verschlingt. Es gehört zu den teuersten Küstenschutzprojekten weltweit, entsprechend umstritten ist es.

Die unsichtbare Schutzwehr

An diesem Märzmorgen fährt ein Boot mit Technikern, Ingenieuren und Wissenschaftlern hinaus in die Lagune. Es geht vorbei am Biennalegelände, Richtung Lido. Der Wind ist schneidend kalt, am Horizont leuchten die schneebedeckten Alpengipfel. Das Boot steuert eine künstliche Insel an, die mitten in einer Öffnung der Lagune zur Adria hin aufgeschüttet wurde.

Kräne ragen in den Himmel, Männer mit orangefarbenen Schutzhelmen stapfen durch den Sand. Hier, zwischen der Insel und der Landzunge von Cavallino, ist ein erster Teil des Mose-Damms fertig und funktionstüchtig. Zu sehen ist er nicht. Während das Themse-Stauwerk oder die Flutwehre vor Rotterdam die Landschaft prägen, liegt Mose in normalen Zeiten unter Wasser verborgen. „Wir sind die Einzigen weltweit mit unsichtbaren Dämmen“ sagt der Chef-Ingenieur Fabio Riva, der die Besucher empfängt.

Unter den graublauen Wellen, die der Wind durch die Passage Lido-Nord in die Lagune treibt, ruhen seit Monaten 21 Stahlkästen, je knapp 20 Meter lang und 20 Meter breit, in Stahlbeton-Fundamenten im Meeresgrund. Normalerweise sind die Kästen mit Wasser gefüllt. Mit eingepumpter Pressluft können sie aufgerichtet werden und eine mehr als 400 Meter lange schräge Staumauer bilden.

An allen drei Öffnungen der Lagune zum Meer sollen künftig solche Wehre die Flut abhalten: zwei am Lido, je eines in Malamocco und Chioggia. An diesem Tag werden einige der Metallkästen in Bewegung gesetzt. Die Mose-Techniker wollen testen, wie schnell das im Notfall geht. Auf Monitoren im kleinen Kontrollraum der Insel und vom Ufer aus verfolgen sie, wie auf der Wasseroberfläche erst Blasen und weiße Gischt brodeln und dann eines nach dem anderen die signalgelb und rot gestrichenen Module auftauchen, wie grellbunte Wale. Nach einer Viertelstunde sind sie aufgerichtet und aneinandergereiht, die Wellen stauen sich hinter ihnen.

Fabio Riva ist zufrieden, alles läuft perfekt. Er führt die Besucher, darunter ein japanischer Wissenschaftler der Universität Kyoto, der Tsunamiwehre plant, hinunter in den Bauch von Mose. Da erst wird sichtbar, wie aufwendig das Projekt ist. Zwei unterirdische Gänge verlaufen gut zwölf Meter unter dem Wasserspiegel der 420 Meter langen Lido-Nord-Passage. Zwischen Dutzenden Rohren und armdicken Kabelsträngen gehen mehr als 40 Türen ab. Dahinter liegen kleine Räume, in denen je eines der 42 Tonnen schweren Scharnier-Monster für Wartung und Reparaturen zugänglich ist. Die Technik-Unterwelt ist klimatisiert, um Feuchtigkeit fernzuhalten und Korrosion zu verhindern. Auch Druckkammern für Taucher sind eingebaut, für den Fall eines Wassereinbruchs.

Das Hirn von Mose aber liegt woanders. Das Boot fährt zurück in die Stadt, ins Arsenale, die ehemalige Flottenbasis und Schiffswerft der Republik Venedig. In einem alten Industriegebäude ist das Kontrollzentrum untergebracht. Ein Dutzend Ingenieure und Informatiker tut seit 2011 so, als wären alle vier Mose-Wehre schon in Betrieb.

Ständig laufen Daten von Wetterzentralen, Meeresmessstationen, Vorhersagesystemen und Webcams ein. Bei Hochwasseralarm schließen die Computer die Dämme – virtuell. Die Folgen für Stadt und Lagune werden anhand mathematischer Modelle berechnet, die Gezeiten, Windstärken und Wellenhöhen einbeziehen.

Man experimentiere auch damit, bei drohendem Hochwasser nur jeweils eine Öffnung zum Meer zu schließen, erläutert Giovanni Cecconi, Wasserbau-Ingenieur und Chef des Kontrollraums. Denn oft drückt der Wind das Wasser aus einer bestimmten Richtung in die Lagune. „Bei der letzten Simulation im Februar hätte das ausgereicht“, sagt er, „Venedig hätte 30 Zentimeter weniger Pegel gehabt.“ Der Markusplatz mit seinen Tauben, der Basilika und dem Dogenpalast wäre nur knöchelhoch überflutet gewesen, tatsächlich reichte das Wasser bis zu den Knien.

Meeresspiegel steigt, die Stadt sinkt

San Marco ist der tiefste Ort der Stadt. Bei Acqua Alta quillt dort zuerst das Wasser aus den Gullys, bevor es ab der kritischen Marke von 1,10 Metern über Normal die übrigen Stadtteile überschwemmt. Im Lauf der Zeit musste der Platz immer weiter erhöht werden, seit dem 15. Jahrhundert schon um eineinhalb Meter. Auch die Gehsteige der Stadt wurden stetig aufgestockt. Die Erdgeschosse vieler Häuser sind inzwischen unbewohnbar.

Venedig ist in Gefahr. Der Meeresspiegel steigt, und zugleich sinkt die Stadt. Der Sandboden der flachen Inseln, auf denen sie errichtet wurde, gibt unter ihrem Gewicht nach, etwa zehn Zentimeter pro Jahrhundert. In den Sechzigerjahren beschleunigte sich das, weil Grundwasser unter der Lagune abgepumpt wurde – für die Industrie am Festland, die zusätzlich für Verschmutzung sorgte. Die Stadt sank damals jährlich um 14 Millimeter. Seit das Abpumpen gestoppt wurde, hat sich das Tempo auf ein bis zwei Millimeter verringert. Aber der Wasserspiegel ist seit 1870, als die Messungen begannen, um 30 Zentimeter gestiegen.

Um die Rettung Venedigs kümmert sich im Auftrag des italienischen Staates ein Netzwerk aus Baufirmen und Planungsbüros, das Consorzio Venezia Nuova. 2003 begann es mit dem Mose-Bau, der 4 000 Arbeitsplätze in der Region sichert. Doch dann kam 2014 der Schock. Der Chef des Konsortiums hatte unter dem Druck von Ermittlungen ausgepackt. Politiker, Unternehmer und sogar ein General der Finanzpolizei hätten sich am Prestige-Projekt Mose bereichert, kam heraus.

Mindestens eine Milliarde Euro beträgt der Schaden für Italiens Steuerzahler. Internationale Ausschreibungen gab es nicht, aber gefälschte Rechnungen, Schmiergelder, illegale Wahlkampffinanzierung. Mose hat seither neue Chefs und einen von Rom eingesetzten Kommissar, der über Ausschreibungen und Arbeiten wacht. Aber 85 Prozent sind sowieso schon fertig.

Techniker wie Giovanni Cecconi ärgert es, dass das Projekt dadurch zusätzlich in Verruf geraten ist. Kritiker hat es auch so schon genügend, nicht nur wegen der Kosten. Umweltschützer befürchten, dass die Lagune zur Kloake wird, wenn Mose zu oft geschlossen und dadurch der Wasseraustausch mit dem Meer behindert wird.

Ohne den Klimawandel

Der deutsche Ozeanograf Georg Umgießer forscht am Institut für Meereswissenschaften Ismar und hat sein Büro direkt neben dem Mose-Büro im Arsenale. Seit 31 Jahren lebt er in Venedig und beschäftigt sich mit der Lagune. Das Dammprojekt sieht er als gigantische Geldverschwendung. Umgießer glaubt nicht, dass es Venedig retten wird. „Meine Hauptkritik ist, dass Mose nicht mit dem Gedanken an die Klimaveränderungen geplant wurde“, sagt er. Die beschleunigten den Anstieg des Meeresspiegels.

Er habe alles durchgerechnet, sagt der Forscher. Wenn der Meeresspiegel, wie vom UN-Klimarat IPCC prognostiziert, in hundert Jahren 60 Zentimeter höher gestiegen sind, müssten die Mose-Dämme jeden Tag vier bis fünf Stunden geschlossen werden. Die Lagune würde umkippen. Steigt der Meeresspiegel noch schneller, wie manche Experten glauben, dann wird die kritische Phase schon in 50 Jahren erreicht, sagt Umgießer.

Wasserbauingenieur Cecconi entgegnet, so etwas sei reine Polemik angesichts der dramatischen Probleme, die so ein Anstieg weltweit verursachen würde: „Metropolen wie Jakarta würden versinken.“ Mose könne Fluten bis zu drei Metern standhalten, und das bisher schlimmste Hochwasser im Jahr 1966 lag bei 1,94 Meter.

Cecconi und seine Kollegen gehen von einem normalen Anstieg aus und davon, dass Mose etwa zehn Mal pro Jahr zum Einsatz kommen wird, immer nur für die Stunden der Flut. Das werde dem Ökosystem nicht schaden, glauben sie. Im Sommer, wenn das Wasser in der Lagune aufgrund natürlicher Phänomene mehrere Tage stagniere, könne man mit Mose sogar die Zirkulation anregen.

Und, so erregt sich Cecconi, kaum einer spreche darüber, dass die Lagune in den vergangenen 15 Jahren auch saniert worden sei. 65 Kilometer Lido-Strände seien aufgeschüttet, 15 Quadratkilometer neue Salzmarschen angelegt worden, um die Erosion zu stoppen. Abwasserzuflüsse wurden geschlossen. Sogar Flamingos gebe es nun wieder.

Die Lagune als Utopie

„Aber wissen Sie – Mose ist nicht für die Ewigkeit gedacht“, sagt Giovanni Cecconi. Das Wehrsystem verschaffe Venedig lediglich hundert Jahre Zeit. Bis dahin müssten neue Lösungen gefunden werden. Der Ozeanologe Umgießer findet, dass Mose selbst für hundert Jahre zu teuer ist. Zumal auch der laufende Betrieb und die Wartung pro Jahr um die 30 Millionen Euro kosten werden und noch keiner weiß, wer das finanzieren soll. „Dabei hat es viel billigere und einfachere Vorschläge gegeben“, sagt er. Etwa den, mit Containerschiffen Flutbarrieren zu bilden.

Ihm selbst schwebt allerdings eine sehr radikale Lösung vor: Die Lagune komplett vom Meer abriegeln, sodass sie sich langsam zum Süßwassersee wandelt. Der Übergang würde 30 bis 50 Jahre dauern, sagt Umgießer. Früher oder später müsse man die Verbindungen zur Adria sowieso kappen. Eine Voraussetzung wäre jedoch, dass alles, was die Lagune verschmutzt, daraus verbannt wird. Also der Großhafen von Marghera etwa, die Industrieanlagen, die Tankschiffe, die Kreuzfahrtriesen. Es klingt ein bisschen wie eine Utopie.