Ein Stockholmer Park am vorigen Wochenende: Die Schweden setzen in der Corona-Krise auf möglichst viel Normalität, trotz extrem hoher Infektionsraten. 
AFP/ Jonathan Nackstrand

BerlinEs gibt derzeit kein anderes Land in Europa und nur wenige in der Welt, wo die Zahl der Corona-Neuinfektionen noch so schnell ansteigt wie in Schweden. 70 bestätigte Fälle pro 100.000 Einwohner waren es in den vergangenen 14 Tagen. Dieser Wert ist mehr als viermal so hoch wie in Italien, neunmal so hoch wie in Deutschland und siebzehnmal so hoch wie im Nachbarland Norwegen. 4400 Erkrankte sind in Schweden an Covid-19 gestorben, in Relation zur Bevölkerungszahl sind das viermal mehr als in der Bundesrepublik. 

Was tun Regierung und Behörden angesichts dieser dramatischen Lage? Halten sie fest am schwedischen Sonderweg, der auf Empfehlungen statt Verbote setzt und zum Ziel hat, die Einschränkungen des Alltags möglichst gering zu halten – und der auch in Deutschland zeitweise bestaunt und verklärt wurde? Oder versuchen sie, mit klarem Kopf und harter Hand der Lage Herr zu werden?

Ein kleines Schlaglicht: Die Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten gab in der vorigen Woche eine Präzisierung ihrer bisherigen Empfehlungen an die Bevölkerung heraus. Es sei wegen des gesundheitlichen Risikos nicht ratsam, kurzfristige sexuelle Beziehungen einzugehen, beispielsweise mit Hilfe von Dating-Apps wie Tinder. Intimer Kontakt mit wechselnden Partnern könne zur Verbreitung der Pandemie beitragen.

Ein zweites Schlaglicht: Staatsepidemiologe Anders Tegnell empfahl kürzlich in einem Interview allen, die aus den enormen Infektions- und Todesraten in Schweden einen Misserfolg lesen, sie sollten ruhig „etwas kaltblütiger“ sein – die Pandemie sei längst nicht zu Ende, und langfristig werde Schweden erfolgreicher sein als der Rest der Welt.

Konjunktur bricht ein

Nein, in der staatlichen Verwaltung scheint niemand eine Notwendigkeit zu sehen, den bisherigen Kurs zu korrigieren. Dabei gäbe es gute Gründe – auch jenseits der erschreckenden Todeszahlen. Es ist nämlich auch von der Hoffnung nichts geblieben, wenigstens den wirtschaftlichen Schaden zu lindern. Um sieben Prozent dürfte die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr einbrechen, so sagt es das staatliche Konjunkturinstitut voraus – ähnlich wie im Rest Europas. Obendrein machen die Schweden die ungewohnte Erfahrung, dass sie im Ausland unerwünscht sind. Zypern und Griechenland haben die Grenzen für schwedische Touristen aufgrund der hohen Infektionsraten geschlossen, auch die nordischen und baltischen Nachbarn wollen keine Besucher aus dem Königreich.

Wenn man aus dem schwedischen Sonderweg dennoch lernen möchte, dann vielleicht weniger über die Bekämpfung einer Pandemie – und mehr über die Bedeutung von Vertrauen in einer Demokratie. Tatsache ist, dass die Empfehlungen der Gesundheitsbehörde für weite Teile der Bevölkerung den Stellenwert von Verordnungen haben, weil sie dem Rat der Fachleute vertrauen. Auch ohne Zwang halten sie Abstand, bleiben zuhause – oder verzichten eben auf Online-Dating.

Dieses Vertrauen ist tief verwurzelt, und außerhalb von Krisenzeiten erleichtert es dem Staat die Fürsorge für die Bevölkerung. Während der Pandemie aber ermöglicht es ein System organisierter Verantwortungslosigkeit. Die rot-grüne Minderheitsregierung – die in Umfragen übrigens so gut dasteht wie nie zuvor – delegiert ihre Entscheidungen an die Experten der Gesundheitsbehörde, denn die wüssten ja schließlich am besten Bescheid.

Die Gesundheitsbehörde stützt sich auf ausgewählte wissenschaftliche Erkenntnisse – und relativiert solche, die den Hypothesen ihrer kleinen Führungsmannschaft widersprechen. So hielt Epidemiologe Tegnell lange an der Fehleinschätzung fest, dass Corona-Infizierte, die keine Symptome zeigen, das Virus nicht verbreiten können. Diese Annahme lag unter anderem der Entscheidung zugrunde, nur in geringem Umfang zu testen. Niemals wird sich Tegnell dafür rechtfertigen müssen – er ist ja Beamter, kein Politiker.

Das Ergebnis ist, dass einer der reichsten Sozialstaaten der Welt die Schwachen in seiner Gesellschaft schlechter vor der Pandemie schützt als manche Entwicklungsländer. Und dass die Bevölkerung dies akzeptiert, weil ja alles seine Ordnung hat. Für die nächste Krise möchte man den Schweden mehr Misstrauen wünschen.