Eine ältere Frau in Stockholm.
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StockholmAlan Shamoun zündet ein ewiges Licht am Grab seiner Mutter auf dem Friedhof von Spanga im Norden Stockholms an. Der 39-Jährige kniet inmitten eines frischen Gräberfelds für die Toten der Corona-Pandemie. Auf den Kreuzen stehen viele arabische oder rumänische Namen. Migranten wie die 78-jährige Mutter Shamouns liegen in den Särgen unter der Erde. Teresia Jarjis floh 1996 als Christin aus dem Irak nach Schweden. Ihr Sohn zupft Unkraut zwischen einem herzförmigen Gedenkstein und einer Marienstatue aus Gips.

Alan Shamoun arbeitet als Qualitätsmanager für ein schwedisches Unternehmen. Anfang des Jahres erhält er eine E-Mail von einem Kollegen, der in China in Quarantäne feststeckt. Er liest in internationalen Medien von dem neuartigen und besonders für alte Menschen gefährlichen Virus. Und bittet seine betagten Eltern, die wie er in Stockholm leben und um die er sich fürsorglich kümmert, möglichst zu Hause zu bleiben. Shamoun sagt, dass es ihn verletzt, dass die schwedischen Behörden das niedrige Bildungsniveau von Migranten als Ursache für die vielen Toten im Norden Stockholms ausmachen. „Es heißt jetzt, dass viele Migranten die Informationen nicht richtig verstanden haben. Ich habe meine Eltern dagegen schon im Januar vor dem Virus gewarnt.“

Am 5. März 2020 entscheidet sich die an Diabetes leidende Mutter, für eine Routineuntersuchung das örtliche Gesundheitszentrum gleich um die Ecke aufzusuchen. Was kann bei einem Arztbesuch schon schiefgehen? Wenige Wochen später stirbt sie an Covid-19. Und der Sohn ist sich sicher, dass sie in der Klinik zum Sterben aussortiert wurde.

Shamoun wird erst nach dem Tod seiner Mutter in der Universitätsklinik Karolinska Huddinge herausfinden, dass seine Mutter am 5. März den Arzttermin wahrgenommen hat, er findet eine Notiz in ihren Unterlagen. Und er wird stutzig, was einen Grund hat: „Ich habe auf dem Friedhof eine Frau getroffen, deren Mann ebenfalls Anfang März einen Termin in demselben Gesundheitszentrum hatte. Er liegt jetzt ein paar Reihen entfernt von meiner Mutter“, erzählt Shamoun.

Keiner hilft der Mutter, obwohl sie schlimme Schmerzen hat

Am 8. März klagt Teresia Jarjis über Unwohlsein. Sie bekommt Bauchschmerzen und verliert den Appetit, Tage später verschlechtert sich ihr Zustand. Ihr Sohn bemüht sich zwei Wochen lang vergeblich um eine Behandlung der Mutter im Krankenhaus, dann wird sie endlich aufgenommen, schließlich in die  Universitätsklink Karolinska Huddinge verlegt. Die Ärzte wissen nach einem Test, dass die Frau mit dem Coronavirus infiziert ist. Ihr Zustand verschlechtert sich. Die 78-Jährige wird trotzdem nicht auf die Intensivstation verlegt. Am 22. März, einem Sonntag, meldet sie sich bei der Familie. Niemand vom Personal reagiere, obwohl sie immer wieder den Notfallknopf gedrückt habe, sie habe schlimme Schmerzen. In der elektronischen Krankenakte findet sich kein Vermerk über einen Arztbesuch. Am 23. März ist Shamouns Mutter tot.

Das Karolinska Universitätsklinikum ist zu einem Synonym für das Sterben in Stockholm geworden. Viele der knapp 2400 Coronatoten in der circa 975.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Schwedens taten hier ihren letzten Atemzug. Das Klinikum ist stolz darauf, dass die Kapazität der Intensivstation stets ausgereicht habe. Die Behörden der Region Stockholm hätten für diesen Fall die Triage vorgesehen. Die Ärzte hätten Patienten über 80 oder mit Vorerkrankungen von einer Intensivbehandlung ausgeschlossen.

Die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter veröffentlichte am 24. April einen Bericht, dem zufolge die Triage sehr wohl angewendet wurde. Die Zeitung berief sich auf Whistleblower aus der Klinik. Ihnen zufolge fehle Personal. Also seien Patienten nach Alter und gesundheitlichem Zustand priorisiert worden.

Alan Shamoun glaubt, dass seine Mutter zu jenen gehörte, die wie von Dagens Nyheter beschrieben dem Virus überlassen worden sind. Deshalb habe das Personal ihre Notrufe ignoriert. Die schwedische Untersuchungsbehörde im Gesundheitswesen (IVO) will die Vorgänge in der Karolinska-Klinik klären lassen. Shamoun bezweifelt, dass es  Antworten geben wird. Und nicht nur er ist überzeugt davon, dass das Versagen Schwedens in der Corona-Krise noch tiefer geht.

Lisa Pelling, Chefanalystin der gewerkschaftsnahen Denkfabrik Arena Idé, empfängt in ihrem Büro im Zentrum von Stockholm unweit der Einkaufsmeile Drottninggatan. Dort wirkt das Treiben zwischen den Filialen von H&M und anderer Ketten sommerlich leicht. Passanten schlecken Eis beim Schaufensterbummel. Die Stockholmer tragen statt Masken Sonnenbrillen und Einkaufstüten.

Pelling, die Analystin, glaubt, dass ein kurzer Lockdown eine Atempause geboten hätte, um fehlendes Material für die Pflege zu besorgen. Sie ist sich sicher, dass das Virus ein auf Effizienz getrimmtes Gesundheits- und Pflegesystem schachmatt gesetzt hat. Weil Personal gefehlt habe, sei man in den Krankenhäusern, die sich mit schwer kranken Patienten füllten, rasch überfordert gewesen, sagt sie. Pelling verweist auf Zahlen, denen zufolge Schweden über weniger Intensivplätze und Beatmungsgeräte verfügte und weniger Ausrüstung bevorratete als jedes vergleichbare Land in Europa. „Niemand hat an die Möglichkeit einer Krise gedacht“, sagt sie. „Es stimmt, dass es in den Intensivstationen genug Plätze gegeben hat – für 40-Jährige.“

Sie kritisiert, dass Erkrankte aus Seniorenheimen nicht in Kliniken verlegt wurden, wo sie mit Sauerstoff hätten versorgt werden können. Stattdessen bekamen sie Beruhigungs- und Schmerzmittel, die den Erstickungstod erleichtern. Die Regierung räumt mittlerweile Fehler beim Schutz der Seniorenheim-Bewohner ein.

Der Tod der Alten und das Sterben der Migranten könnte über den privatisierten Pflegesektor miteinander verknüpft sein, vermutet Pelling. Firmen übernehmen für die Gemeinden den Unterhalt von Seniorenheimen. In denen arbeiten immer mehr Hilfskräfte, fast ausschließlich Migranten. Sie kommen stundenweise zum Einsatz. Während die festangestellten Pfleger sich mit Corona-Symptomen krankschreiben ließen, kamen die Stundenkräfte zur Arbeit, ohne auf das Virus getestet zu werden.

Die Krankenschwester Lina Petersson und der Arzt Johan Rodling erholen sich bei einem Feierabendbier im Bistro Banana im zentralen Stadtbezirk Södermalm. Wer die Bar betritt, muss nicht zum  Mund-Nasen-Schutz greifen. Petersson und Rodling haben den Höhepunkt der Pandemie im April und Mai in der auf Infektionskrankheiten spezialisierten Abteilung der Danderyd Klinik im Norden von Stockholm erlebt. Das Krankenhaus behandelte nach dem Karolinska-Krankenhaus die meisten Covid-19-Patienten in Stockholm. Auch hier starben viele Patienten.

Lisa Petersson und Johan Rodling betonen beide, dass das schwedische Gesundheitssystem - anders als etwa das in der Lombardei - nicht in die Knie gegangen sei. Rodling ist in der Ausbildung zum Infektiologen. Die Antwort, warum Schweden stand Juli fünf Mal so viele Tote auf 100 000 Einwohner aufweist, könnten erst spätere Untersuchungen liefern, ist der Arzt überzeugt. Sicher, es seien Patienten gestorben, die mit leichten oder nicht als Covid-Infektion erkannten Symptomen von der Klinik abgewiesen worden seien, räumt er ein. „Ein Arzt kann für eine Empfehlung nur den Zustand des Patienten während der Untersuchung berücksichtigen“, sagt der Mediziner, der in der Ausbildung zum Infektiologen ist.

Das Konzept der Herdenimmunität

22 schwedische Gesundheitsexperten veröffentlichten Ende Juli einen Brief in der Zeitung „USA Today“. Daran warnten sie die USA, dem Beispiel Schwedens zu folgen. Schweden erlaubte den Schulbesuch bis zur neunten Klasse, ließ Geschäfte und Restaurants geöffnet, gestattete Veranstaltungen von bis zu 50 Personen und verzichtete auf einen Maskenzwang. Wer kann, solle von zu Hause arbeiten, raten die Behörden. Erst am 1. April den Besuch erließ die Regierung ein Besuchsverbot in den Altersheimen.

Für die Kritiker steht fest, dass der Staat stur am Konzept der Herdenimmunität festhält. Der Chefepidemologe der Regierung, Anders Tegnell, weist das zurück. Es gehe darum, Regeln zu erlassen, mit denen die Bevölkerung auch langfristig leben kann. Den Anstieg von Neuinfektionen noch im Mai führte Tegnell nicht auf die lockeren Regeln, sondern vermehrte Tests zurück. Langsam ging im Juni und Juli dann die Anzahl der Neuinfektionen zurück.

Auch der Arzt Rodling widerspricht den 22 Wissenschaftlern. „Wir dürfen nicht alles in der Gesellschaft auf einen Virus reduzieren“, sagt er. Krankenschwester Petersson merkt an, dass die Vorschriften für Schutzkleidung in ihrer Klinik mit der Zeit gelockert wurden. Ob dies mit einem Mangel zu tun hatte? „Sie haben uns gesagt, dass das ausreicht“, sagt sie. Hat es einen Pandemieplan im Krankenhaus gegeben? Beide Mitarbeiter antworten mit einem Ja. „Wir haben uns auf eine schwere Grippe vorbereitet“, sagt Rodling.

Die Autorin Elisabeth Åsbrink rätselt bei einem Eiskaffee in der Innenstadt von Kopenhagen über die Gründe für den schwedischen Sonderweg in der Pandemie. Sie fühlt sich derzeit in Dänemark wohler. Ende März erschien ein Essay von ihr in der Zeitung Dagens Nyheter. „Es herrschte damals eine tödliche Stille in der Debatte um Corona. Ich musste mich äußern“, sagt sie.  

Åsbrink stellte in ihrem Beitrag einen Zusammenhang her zwischen der Geschichte Schwedens und der aus ihrer Sicht langsamen Reaktion der Regierung auf die Pandemie. Von allen europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts verschont, fehlten den Schweden die Antennen für eine Bedrohungslage, analysierte Åsbrink. Ein Sturm der Empörung erhob sich. „Ich wurde von meinem eigenen linksliberalen Milieu mit Hitler verglichen, weil ich angeblich Krieg gutheiße“, sagt die jüdische Autorin. Es gebe in ihrem Land einen Nationalismus, den die seit den 30er-Jahren dominante Sozialdemokratie als progressiv tarne. „Patrioten kritisieren ihr Land, weil sie es lieben, in Schweden ist man Nestbeschmutzer“, sagt sie.

Wer wie sie Zweifel an der Coronastrategie der rot-grünen Regierung äußert, gelte im Mitte-Links-Lager als heimlicher Unterstützer der Schwedendemokraten. Die Rechtspopulisten geißeln die Corona-Strategie der Regierung als „Massaker“. Schweden fänden abweichende Meinungen unheimlich, sagt die Autorin. „Wir sind es gewohnt, in Reih und Glied im Namen des Fortschritts zu marschieren“, meint Åsbrink. Ihre Landsleute gefielen sich in der Rolle des Vorreiters für soziale Gerechtigkeit. Den Praxistest bestehe das Selbstbild immer seltener, findet Åsbrink. Für alte, schwache und chronisch kranke Menschen gebe es in einem Land, das bis in die 70er-Jahre zwangssterilisieren ließ, gar eine Tradition der Geringschätzung, attestiert sie. „Ich glaube, die Reaktion in Schweden wäre anders, wenn 6000 junge Menschen gestorben wären“, sagt sie. In keinen Land in Europa klaffe die Schere zwischen Arm und Reich zudem so weit auseinander wie in Schweden. „Wer unten ist wie die Migranten, der bleibt auch da“, sagt sie.

Die Corona-Katastrophe in den Altersheimen und den Migrantenvierteln zu benennen, wagten nur jene, die über den schwedischen Tellerrand hinausblickten. „In meinem Fall heißt es, ich sei mit einem Dänen verheiratet, dorther kämen meine Ideen“, meint Åsbrink. Derzeit erlebe Schweden  eine Polarisierung, die mit dem britischen Brexit-Streit vergleichbar sei. Familien und Freundeskreise entzweiten sich an der Haltung gegenüber dem Virus. 

Im Herbst erwarten Experten eine Verdoppelung der Totenzahl. Der exportorientierten Wirtschaft hat ein Verzicht auf einen Lockdown bisher nicht geholfen. Die Arbeitslosenzahlen steigen. Åsbrink fürchtet, dass die Schwedendemokraten von einem Fiasko profitieren könnten.  Das Virus zerre die hässlichen Seiten Schwedens ans Tageslicht, meint sie. „Noch weigern wir uns, das zu sehen“, sagt Åsbrink.