Der schwedische Epidemiologe Anders Tegnell ist einer der wichtigsten Ratgeber der Regierung in der Corona-Krise - doch die Qualität seiner Empfehlungen ist umstritten.
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StockholmWährend anderswo in Europa das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen ist, während diverse Staatschefs von einem „Krieg gegen das Virus“ sprachen, beließ es Johan Carlson am Freitag bei einem freundlichen Appell. „Überlegt, ob ihr jetzt wirklich in Urlaub fahren wollt“, rief der Chef der schwedischen Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten bei einer Pressekonferenz am Freitag seinen Landsleuten zu. Reisen innerhalb des Landes könnten dazu beitragen, das Coronavirus zu verbreiten.

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Trotz 1623 registrierten Corona-Infektionen und 16 Todesfällen (Stand 20. März)  - die Infektionsrate entspricht damit der in Berlin - begegnen Regierung und Behörden der Pandemie mit erstaunlicher Gelassenheit. Zu den bisher drastischsten Maßnahmen gehörte am Dienstag eine Empfehlung an die Hochschulen des Landes, Vorlesungen und Seminare einzustellen - der die Rektoren umgehend nachkamen. Die Schulen jedoch sind weiterhin geöffnet und sollen es zunächst auch bleiben. „Die positiven Effekte einer Schließung wären vernachlässigbar“, gab sich Johan Carlson überzeugt.

Auch Restaurants und Sportstätten sind weiterhin geöffnet. Der Grenzverkehr hat bis auf das EU-weite Einreiseverbot für Bürger aus Drittstaaten keine Einschränkungen erfahren.

Volvo stellt Produktion ein

Auswirkungen auf das öffentliche Leben hat die Pandemie trotzdem. Denn eines unterscheidet Schweden von vielen anderen europäischen Ländern: Empfehlungen der Behörden nehmen viele Leute ernst. In Stockholm sind die Straßen leer, auch ohne Anordnung haben die meisten Kinos geschlossen, ebenso die Theater. Volvo hat die Produktion von Autos und Lastwagen eingestellt. Und auch das: Die Regale mit Klopapier sind wie andernorts in den meisten Geschäften leer.

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So gelassen wie die Gesundheitsbehörde reagiert denn auch nicht jeder. Johan Styrud, Vorsitzender der Stockholmer Ärztebundes, warnte am Donnerstag im schwedischen Rundfunk vor dramatischen Zuständen in den Krankenhäusern. „Wir sind nicht gut vorbereitet“, sagte er. Er befürchte, dass nicht jeder Kranke versorgt werden könne. Während die Zahl der eingelieferten Patienten am Wochenende absehbar steigen werde, würde es auch mehr Krankheitsfälle beim Klinikpersonal geben. Er kritisierte, dass Corona-Tests nur stichprobenartig duchgeführt werden - selbst bei den Mitarbeitern des Gesundheitswesens.

Der Epidemiologe irrte sich

Für diese Strategie hat sich die Regierung auf Anraten des Gesundheitsbehörde und ihres obersten Epidemiologen Anders Tegnell bewusst entschieden. Massentests, so ist er überzeugt, würden Kapazitäten im Gesundheitswesen binden, die dringend anderweitig benötigt würden. Seiner Empfehlung liegt die Annahme zugrunde, dass Infizierte ohne klare Symptome das Virus nicht oder kaum verbreiten.  Dass das nicht uneingeschränkt gilt, weiß Tegnell. Aber man dürfe sich nicht auf Abweichungen vom Regelfall konzentrieren, wenn man eine Pandemie eindämmen wolle.

Tegnells Autorität allerdings hat gelitten. Er verzichtete darauf, schwedischen Skiurlaubern nach der Rückkehr aus Italien und Österreich häusliche Isolation zu empfehlen - sie wurden daraufhin zur wesentlichen Quelle der Ausbreitung im Land. Der Epidemiologe erklärte gar am 5. März, die Ausbreitung habe nun wohl das Maximum erreicht. Da waren 94 Menschen infiziert, zwei Wochen später hat sich dieser Wert versechzehnfacht.