Schweine und Ziegen im Büro: Neuer Co-Working-Space in Berlin eröffnet

Mitten in Prenzlauer Berg können jetzt Arbeitsräume mit Farmtieren geteilt werden. Hinter dem bäuerlichen Bedarfsbüro steckt der Künstler David Roth.

„Ein uniques Shared-Workspace-Angebot“: Hier wird auf Strohballen gesessen und gearbeitet.
„Ein uniques Shared-Workspace-Angebot“: Hier wird auf Strohballen gesessen und gearbeitet.coworking in connection with nature

Man kann sich seine Kolleginnen und Kollegen, die Tischnachbarn im Büro leider nicht aussuchen. Schon gar nicht, wenn man sich als Freelancer im Co-Working-Space einmietet. Rechts der schwäbelnde Start-upper, der biologisch abbaubare Öko-Zahnbüsten aus recycelten Traubenschalen an den Mann bringen will, links das freiberufliche PR-Girl, das in seiner Freizeit Keramik-Vulven auf dem Nowkoelln Flowmarkt verkauft – im klassischen Co-Working-Space sammelt sich alles, was an Berlin so richtig schlimm und schrecklich ist.

Wie gut, dass es ab Samstag (1. Oktober) einen neuen Arbeitsort in der Stadt gibt, an dem die Gesellschaft deutlich angenehmer daherkommt: „coworking in connection with nature“, so der etwas langgeratene und doch schönmalerische Projektname; gearbeitet wird hier Seit’ an Seit’ mit Schwein und Ziege. Dabei befindet sich das bäuerliche Bedarfsbüro gar nicht im Brandenburger Umland, sondern mitten in Prenzlauer Berg.

Auf den 83 Quadratmetern Bürofläche ist Stroh aufgeschüttet, gesessen wird auf Heuballen, der Laptop kommt auf den Gartentisch – zwei Schweine, eine Ziege und sechs Hühner wuseln überall umher. „Ein uniques Shared-Workspace-Angebot“ für „Urbanites, die gänzlich den Bezug zur Natur verloren haben“, heißt es laut Vorabankündigung im besten FDP-Denglisch.

„Wichtig ist uns der Community-Aspekt“: David Roth probiert seinen Co-Working-Space direkt selbst aus.
„Wichtig ist uns der Community-Aspekt“: David Roth probiert seinen Co-Working-Space direkt selbst aus.coworking in connection with nature

Das könnte man jetzt mindestens genauso provokant finden wie die Traubenschalen-Zahnbürste oder die Keramik-Vulva, wenn man nicht wüsste, wer hinter der ganzen Schweine-Schose steckt: Das Projekt in den Räumlichkeiten der P7 Gallery kommt von David Roth, der Berlin schon oft mit haarsträubenden Absurditäten überraschte. Viele Jahre war Roth die eine Hälfte des satirisch geprägten Modeblogs „Dandy Diary“.

Die Natur stellt die Basis dar: Sie grounded uns!

David Roth

Dieser veranstaltete nicht nur die wohl legendärsten Fashion-Week-Partys der Welt, mit Gästen wie Rainer Langhans oder Harald Glööckler, auch mit lebenden Elefanten und Live-Botox-Booth. Roth und sein 2019 verstorbener Compagnon Carl Jakob Haupt irritierten auch mit wenig glamourösen Fotoproduktionen und bitterbösen Kunstaktionen.

„Aufgaben, die mit dem Tierwohl verbunden sind“: Hier muss jeder ran.
„Aufgaben, die mit dem Tierwohl verbunden sind“: Hier muss jeder ran.coworking in connection with nature

„Dandy Diary“, das war ein Modeblog, auf dem in Hipster-Jutebeutel gekotzt und auf Nerd-Hornbrillen gepinkelt wurde, der Fashion-Pornos veröffentlicht und einen splitterfasernackten Flitzer über den Dolce & Gabbana-Runway geschickt hat. Zwischenzeitlich führten Haupt und Roth einen eigenen „Dandy Diner“ am Hermannplatz, auch damals mit lebenden Schweinen mitten im veganen Burger-Laden. Später ließ Roth einen falschen Scheich samt Burka-Begleitung auf das Alsterhaus in Hamburg los, um via versteckter Kamera zu zeigen, dass man es im KaDeWe-Ableger mit den Menschenrechten wohl nicht ganz so genau nimmt, solange denn der Umsatz stimmt.

Wir wollen like-minded people zusammenbringen.

David Roth

Den Blog „Dandy Diary“, dessen Betreiber für ihre Aktionen gelegentlich mit Strafanzeigen geadelt wurden, gibt es nicht mehr; David Roth verdingt sich heute als Künstler. Und seit neuestem eben auch als Green-Coworking-Betreiber. „Die Natur stellt die Basis dar: Sie grounded uns!“, schwurbelt er zu seinem neuesten Projekt. „Die tägliche Fütterung unserer Tiere, das Ausmisten oder andere Aufgaben, die mit dem Tierwohl verbunden sind“ würden daher „in der Community geteilt wie der Arbeitsplatz“.

„Wöchentlich stattfindende ‚family style‘-Community-Dinner“: So gut hat man’s nur in Roths Büroräumen.
„Wöchentlich stattfindende ‚family style‘-Community-Dinner“: So gut hat man’s nur in Roths Büroräumen.coworking in connection with nature

Wer sich also für 100 Euro die Woche – ein Preis, der sich tatsächlich im Mitte-Mittel anderer Coworking-Spaces bewegt – bei „coworking in connection with nature“ einmietet, muss sich neben dem eigenen super wichtigen Projekt gleich noch ein bisschen um die Landarbeit kümmern. „Wichtig ist uns der Community-Aspekt, wir wollen like-minded people zusammenbringen“, so Roth außerdem, „unter anderem durch wöchentlich stattfindende ‚family style‘-Community-Dinner.“

Wer nun Lust auf dieses attraktive Arbeitsumfeld bekommen hat, sollte sich beeilen, bevor alle über die Projektwebsite zu mietenden Plätze auf lange Zeit ausgebucht sind. Und darauf hoffen, dass Start-up-Schwabe und Pussy-PR-Girl nicht auf dieselbe Idee kommen.

Coworking in connection with nature in der P7 Gallery, Prenzlauer Allee 7a in Prenzlauer Berg, ab dem 1. Oktober täglich 10–18 Uhr. Arbeitsplätze für je 100 Euro die Woche lassen sich via Mail über die Webseite des Projekts buchen. Mehr Infos unter www.coworking-in-connection-with-nature.com