Ganz ohne Spähanstrengung: Gute Sicht auf das Matterhorn.
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BerlinWussten Schweizer Behörden über die Machenschaften der Geheimdienste BND und CIA, die über eine Schweizer Tarnfirma Jahrzehnte lang mehr als 100 Regierungen ausspionierten, Bescheid? Das Parlament in Bern will dem umgehend auf den Grund gehen, sagte der Abgeordnete Alfred Heer am Donnerstag in Bern. Er ist Präsident der Geschäftsprüfungsdelegation des Parlaments (GPDel), die die Tätigkeit von Staatsschutz und Nachrichtendiensten überwacht. Erste Anhörungen sollten noch im Februar stattfinden, sagte Heer. Auch die Regierung hat eine Untersuchung eingeleitet.

In Deutschland hat der Linken-Bundestagsabgeordnete André Hahn eine umfassende und rückhaltlose Aufklärung des Geschehens gefordert. Die Bundesregierung müsse darlegen, was der BND mit den aus der Aktion „Rubikon“ erlangten Erkenntnissen getan oder unterlassen hat, und was es mit den schwarzen Kassen beim Geheimdienst auf sich hat, in die über Jahrzehnte hinweg Millionenbeträge aus den Gewinnen der Schweizer Firma Crypto AG geflossen sind.

Rund 100 Länder abgehört

Medienberichten zufolge hatten BND und CIA seit 1970 über ihre gemeinsame und mit Hilfe der Siemens AG gesteuerte Schweizer Firma Crypto AG in Steinhausen (Kanton Zug) die Regierungen von rund 100 Staaten weltweit mit manipulierter Abhörtechnik versorgt, um deren Kommunikationsverkehr heimlich mitlesen zu können.

Ausspioniert wurden dabei Länder in Südamerika, Afrika, Asien und Europa, darunter auch EU-Partner wie Irland und Nato-Mitglieder wie Spanien, Italien und Portugal. Der BND soll 1993 aus der Crypto AG ausgestiegen sein.

Anfänge gehen zurück bis in die 50er

Die nun vorliegenden Geheimdienstakten belegen erstmals den bereits seit vielen Jahren bestehenden Verdacht gegen die Crypto AG, ein heimliches Werkzeug westlicher Dienste gewesen zu sein. Und zwar nicht erst seit den 1970er-Jahren, als BND und CIA die Aktien an dem Unternehmen übernahmen.

Schon Mitte der 1950er-Jahre hatte der US-Abhördienst NSA nach Informationen der Berliner Zeitung erfolgreich seine Finger nach der Firma ausgestreckt. William Friedman, ein hochrangiger NSA-Mitarbeiter, war damals in die Schweiz gereist, um seinen Freund, den schwedischen Crypto-Gründer Boris Hagelin, für eine Zusammenarbeit zu gewinnen.

Dass offenbar in einer so groß angelegten Operation von  BND und CIA langfristig Freund und Feind ausgespäht wurden, ist ungeheuerlich.

Stephan Thomae,  stellvertretender FDP-Fraktionsvorsitzender im Bundestag

Hagelin, ein geborener Russe, hatte im Zweiten Weltkrieg eine Chiffriermaschine entwickelt und 140.000 Stück davon an die US-Army verkauft. Aus jener Zeit stammte auch die Freundschaft zwischen Hagelin und Friedman. Der Amerikaner brauchte daher bei seinem Besuch in der Schweiz nicht viel Überzeugungsarbeit aufzubieten, um das „Boris-Projekt“ – so der NSA-Code für die Kooperation mit der Crypto AG – zu vollenden. Fortan entsandte die NSA eigene Chiffrierexperten als Berater in die Firma.

Es gab schon früher Hinweise

Nach dem Unfalltod von Hagelins Sohn im Jahre 1970, der nach dem Ausscheiden des Gründers die Firma geführt hatte, übernahmen BND und CIA die Anteile an dem Unternehmen. Auch wenn die beiden Dienste offiziell nicht als Eigner in Erscheinung traten, gab es deutliche Hinweise auf die nachrichtendienstliche Steuerung des Unternehmens.

So war die von einem Treuhänder geführte Liechtensteiner Stiftung, in der die Crypto-Anteile ruhten, der deutschen Bundesvermögensverwaltung zugeordnet – eine beliebte Tarnlegende des BND. Auch gab es schon in den frühen 1990er-Jahren Aussagen von mehreren Crypto-Angestellten, wonach ihre Programmierchefs sich die Algorithmen erst in Deutschland bestätigt lassen mussten, bevor man sie für die Chiffriermaschine CX-52 verwenden durfte.

1996 zitierte der Spiegel einen Ex-Crypto-Mitarbeiter mit den Worten, dass er seine Entwicklungen immer mit den „Leuten von Bad Godesberg“ abstimmen musste. Dort sei die BND-Einrichtung „Zentralstelle für Chiffrierwesen“ angesiedelt gewesen.

Verleumdungsprozess mit außergerichtlicher Einigung

1992 wurde der damalige Verkaufsingenieur der Crypto AG in Teheran festgenommen und neun Monate in Untersuchungshaft gehalten. Der Iran hatte gemerkt, dass seine Crypto-Chiffriergeräte von den Amerikanern mühelos geknackt werden können. Nach seiner Freilassung erhob der Ingenieur daheim in der Schweiz schwere Vorwürfe und bezeichnete die Firma als Nachrichtendienst.

In dem darauf von der Crypto angestrengten Verleumdungsprozess wollte der Mitarbeiter einen Zeugen aufbieten, der vor Gericht über die Zusammenarbeit der Firma mit Geheimdiensten berichten sollte. Eine Woche vor dem Zeugenauftritt war der Prozess beendet – die Crypto AG hatte sich mit dem Ingenieur außergerichtlich geeinigt.