London - Schwere Überschwemmungen haben in Nord-England und Schottland Zehntausenden die Feiertage verdorben. Rettungskräfte und Feuerwehr waren rund um die Uhr im Einsatz. Nach einer Sitzung des zentralen Krisenstabs Cobra sagte Premier David Cameron am Sonntag den betroffenen Bürgern den Einsatz weiterer Armee-Einheiten zu: Für viele sei die Lage „unglaublich ernst“. Der Regierungschef will sich am Montag vor Ort selbst vom Ausmaß der Fluten überzeugen, die ihren Höchststand noch nicht erreicht haben.

Höchste Alarmstufe

In den betroffenen Regionen herrscht vielerorts schon seit Monatsbeginn Ausnahmezustand, mehrere Kleinstädte waren über Weihnachten bereits zum dritten Mal in diesem Winter überflutet. Das Wetter brachte im Advent ungewohnt hohe Temperaturen, aber auch viel Regen. An den beiden Weihnachtsfeiertagen fiel dann binnen 36 Stunden so viel Niederschlag wie normalerweise in zwei Monaten. Die zuständige Umweltbehörde warnte an 26 Zonen vor unmittelbarer Lebensgefahr, die höchste Alarmstufe bei Hochwasser. Die Bewohner von 114 weiteren Regionen mussten sich auf Überschwemmungen einstellen und „sofort handeln“.

Anders als in früheren Jahren beeinträchtigten die Wassermassen diesmal auch zentrale Städte in den am schlimmsten betroffenen Grafschaften Lancashire und Yorkshire sowie in Teilen Süd-Schottlands. Viele Betroffene bei York und Leeds mussten ihre Häuser verlassen. Sie fanden in Notunterkünften Schutz. Manchester schrammte nur knapp an einer massiven Überschwemmung vorbei. 7 500 Häuser im Großraum Manchester sind seit Tagen ohne Strom.

Das Leid der betroffenen Menschen wird vielerorts noch durch zahlreiche Schaulustige verstärkt. „Wenn wir Alarm schlagen, meinen wir: Bleiben Sie zu Hause, gehen Sie nicht zum Sightseeing“, schrieb die Feuerwehr von Manchester den Bürgern ins Stammbuch. Der Polizei von Nord-Yorkshire gingen die Schilder aus, mit denen vor gesperrten Straßen gewarnt wird. Die regionale Eisenbahngesellschaft Northern Rail riet von Reisen ab.

In der historisch bedeutenden Stadt York versagte ein wichtiges Flutwehr am Foss-Fluss, wodurch der ohnehin Hochwasser-führende Hauptfluss Ouse zusätzlich Wasser aufnehmen musste. Am Sonntag mussten deshalb mehrere Hundert Menschen ihre Behausungen verlassen, bis zu 3 500 Häuser gelten als stark gefährdet. Der Wasserstand des Ouse liegt normalerweise zwischen 0,5 und 1,9 Metern; am Wochenende erreichte er 4,65 Meter, am Montag soll das Wasser abermals steigen, womöglich bis auf 5,4 Meter. Weil dies genau der Höhe entspricht, für die Flutwehren und Dämme gebaut wurden, rechnen die Behörden mit dem Schlimmsten.

Da Meteorologen nach kurzer Erholungspause für den Jahreswechsel neue Starkregenfälle vorhersagen, dürfte die angespannte Lage bis deutlich ins neue Jahr anhalten. Premier Cameron und seine Umweltministerin demonstrierten über die Feiertage umfangreiche Medienpräsenz, wohl um jeglicher Kritik vorzubeugen, die Politprominenz in London schere sich zu wenig um die betroffenen Gebiete weiter nördlich.

In dem eigentlich für Nieselregen bekannten Land werden starke und langanhaltende Niederschläge immer normaler. Kritiker der Regierung beklagen seit langem den Bau von Wohnhäusern in Flutgebieten sowie die zunehmende Versiegelung vorstädtischer Gärten.