Genf - Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat dem Vatikan die Verletzung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen vorgeworfen. Zur Begründung sagte die Ausschussvorsitzende Kirsten Sandberg am Mittwoch in Genf, der Vatikan tue nicht genug, um Kindesmissbrauch zu unterbinden.

Der Vatikan wehrte sich wenig später in einer deutlichen Reaktion gegen die Kritik. Einige der vom Komitee in Genf veröffentlichten Forderungen seien eine Einmischung in die kirchliche Lehre über die Würde des Menschen und in die Religionsfreiheit, erklärte das vatikanische Presseamt am Mittwoch.

Zuvor hatte UNO-Ausschussvorsitzender Sandberg die Frage bejaht, ob der am Mittwoch in Genf vorgelegte Ausschussbericht über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche bedeute, dass der Vatikan gegen die Kinderrechtskonvention verstoße. „Meine einfache Antwort ist: Ja, es gibt eine Verletzung der Konvention, denn sie haben nicht alles getan, was sie hätten tun müssen“, sagte sie.

„Ausmaß der Verbrechen nicht anerkannt“

Der UN-Ausschuss fordert den Vatikan in dem Bericht auf, sofort die Namen aller wegen Kindesmissbrauchs bekannten und verdächtigten Geistlichen zu nennen und diese ihrer Ämter zu entheben und der Justiz zu übergeben. In dem Bericht heißt es, die Römisch-Katholische Kirche unternehme trotz entsprechender Zusagen nach wie vor nicht genug gegen sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche und Kirchenmitarbeiter, unter anderem in Schulen.

Der Vatikanvertreter beim Büro der Vereinten Nationen in Genf, Erzbischof Silvano Maria Tomasi, äußerte im Interview mit Radio Vatikan den Verdacht, dass die Beurteilung nicht auf der Höhe der aktuellen Situation sei. Sie berücksichtige nicht die Maßnahmen, die sowohl der Vatikanstaat als auch die nationalen Bischofskonferenzen zum Schutz von Minderjährigen gegen Missbrauch längst ergriffen hätten.

In der Stellungnahme des UN-Ausschusses heißt es, es sei „zutiefst beunruhigend“, dass dem Heiligen Stuhl unterstellte Mitglieder der Katholischen Kirche in den Missbrauch zehntausender Kinder weltweit verwickelt seien. Der Ausschuss sei tief besorgt, dass der Heilige Stuhl das „Ausmaß der begangenen Verbrechen nicht anerkannt“ und nicht die erforderlichen Maßnahmen ergriffen habe, um sich mit Missbrauchsfällen zu befassen und Kinder zu schützen. Stattdessen habe der Vatikan eine Politik und Praktiken verfolgt, die dazu führten, dass die Missbrauchsfälle andauerten und die Täter straflos ausgingen.

Zweifel an der „Null-Toleranz“-Politik

In dem Bericht prangert der UN-Ausschuss an, dass pädophile Geistliche nach Aufdecken ihrer Taten von einer Gemeinde in eine andere versetzt würden - sei es in ein und demselben Land, sei es in ein anderes Land. Dies habe vielen Priestern ermöglicht, weiter in Kontakt mit Kindern zu bleiben und diese sexuell zu missbrauchen.

Für den Bericht hatte der UN-Ausschuss im vergangenen Monat die Haltung des Vatikans zu Kinderrechtsfragen und die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 überprüft. Dem Ausschuss gehören 18 unabhängige Menschenrechtsexperten aus verschiedenen Ländern an. Als Unterzeichnerstaat der Konvention hatte sich der Vatikan in Genf einer Anhörung des Ausschusses für die Rechte des Kindes gestellt.

Dabei fragten die Ausschussmitglieder bei der Delegation aus Vatikanstadt etwa nach, warum Missetäter nicht bei den zuständigen Landesbehörden angezeigt und was für Strafen den Schuldigen auferlegt worden seien. Gefragt wurde auch, welche Entschädigung Opfer bekommen hätten und wie ähnliche Verbrechen in Zukunft verhindert werden sollten. Benedikt XVI. und sein Nachfolger, der amtierende Papst Franziskus, hatten eine „Null-Toleranz“-Politik gegenüber Kinderschändern angekündigt. (epd/dpa)