Slupsk - Kein polnischer Kleinstadtbürgermeister ist prominenter als Robert Biedron. Er ist gerade mal 42 Jahre alt, ehemaliger Parlamentsabgeordneter, LGBT-Aktivist und schwul. Gerade sitzt er in seinem Arbeitszimmer im Rathaus von Slupsk, einem ehrwürdigen, neogotischen Ziegelbau aus dem Jahr 1901. Die Decken sind hoch, die Einrichtung hölzern, die Kaffeemaschine knattert. Vorweg gibt es schon mal Leitungswasser.

Im Jahr 2014 ist Biedron auch angetreten, um die Stadtverwaltung effizienter zu machen. Das heißt für ihn: sparen. Sein eigenes Gehalt hat er reduziert und die Getränkekästen abgeschafft. Zeichen, die seine Wähler goutieren. Das Porträt von Papst Johannes Paul II, über einer der Türen hat er abgehängt. „Ich bin der Bürgermeister aller Menschen dieser Stadt“, sagt Robert Biedron, „und nicht alle sind katholisch.“

Weltanschaulich progressiv, wirtschaftspolitisch links

In einem Land, in dem die nationalkonservative Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) seit ihrer Machtübernahme Ende 2015 die Gerichtsbarkeit lahmlegt, in dem die Arbeit regierungskritischer Journalisten erschwert wird, Tausende von Frauen regelmäßig auf die Straßen gehen, um gegen eine Verschärfung des Abtreibungsverbots zu demonstrieren und in dem nicht zuletzt Homosexuelle weniger frei leben als in anderen europäischen Gesellschaften, in so einem Land hat ein liberaler und offen schwuler Lokalpolitiker es geschafft, zum Gesicht der Opposition zu werden – zumindest der außerparlamentarischen.

Auf den Rathausstufen warten mehrere Besucher, viele Türen stehen offen, auch die des Vorzimmers von Bürgermeister Biedron; wider Erwarten gibt es keine Sicherheitskontrolle. Immerhin wurde er mehrfach auf offener Straße körperlich angegriffen, bis heute wird er in Mails beleidigt und bedroht, vor allem wegen seiner sexuellen Orientierung, aber auch wegen seiner Haltung, er ist weltanschaulich progressiv, wirtschaftspolitisch links: eine Seltenheit in Polen, wo seit den vergangenen Wahlen keine linke Partei im Parlament vertreten ist. „Ich bin sicher“, sagt Biedron nur. „Die Menschen mögen mich, sie begegnen mir offener und freundlicher als noch vor Jahren.“ Warum wird einer wie er ausgerechnet in Slupsk, in der Provinz, Bürgermeister?

Nur 20 Minuten bis zur Ostsee

Slupsk hieß einmal Stolp und lag bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland; nach der Besetzung durch die Rote Armee im März 1945 wurden vor allem Menschen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, aus der heutigen Westukraine, dort angesiedelt. Bis zu Biedrons Wahl zum „Stadtpräsidenten“, wie das Amt auf Polnisch heißt, war Slupsk – immerhin die drittgrößte Stadt der Region Pommern – selbst vielen Polen kein Begriff. Die Gemeinde ist 20 Minuten von der Ostseeküste entfernt – etwas zu weit, um ein populäres Urlaubsziel zu sein. Offiziell hat sie 90.000 Einwohner.

„Das ist Unfug“, sagt eine Frau in ihren Fünfzigern auf der Straße vor dem Rathaus. „Die jungen Leute ziehen weg, hier gibt es kaum etwas zu tun, manchmal schicken sie Geld aus dem Ausland zu ihren Familien.“ Sie schätzt, dass bis zu 40.000 Menschen weniger in der Stadt leben. Es ist typisch für Polen, dass Kinder, die etwa zum Studieren in eine andere Stadt ziehen, bei ihren Eltern gemeldet bleiben.

Slupsk verdeutlicht die Probleme Polens

Die hergerichtete Innenstadt ist an diesem sonnigen Märztag wie leer gefegt, kaum ein Laden scheint besucht, einzig eine Bäckerei in der Nähe des Bahnhofs zieht Kunden an. Das liegt auch an der Eröffnung riesenhafter Shopping-Center am Rande der Stadt, die am besten mit dem Auto zu erreichen sind. Diese auf Polnisch „Galeria“ genannten Konsumtempel sind in den 2000er-Jahren überall im Land aus dem Boden gewachsen und haben zu einer Verödung von Klein- und Mittelstädten geführt. In Slupsk steht sinnbildlich die „Galeria“ Jantar seit 2008 mit ihrem fußballfeldgroßen Parkplatz, den Leuchttafeln und dem Multikino für jene Entwicklung.

Zudem verdeutlicht Slupsk im Kleinen die Probleme ganz Polens. An erster Stelle gibt es einen massiven „brain drain“, also einen Wegzug junger, qualifizierter Arbeitskräfte, der mit dem Beitritt des Landes zur EU 2004 erst so richtig an Fahrt aufgenommen hat. Biedron weiß um all das. „Slupsk ist eine von vielen Städten in Polen, die in solchen Schwierigkeiten stecken“, sagt er. Geht es nach ihm, dann soll hier alles lebendiger, attraktiver werden. Nur wie? „Einfach ist das nicht, unter meinem Vorgänger ist die Privatisierung von Grundstücken sehr weit vorangeschritten“, sagt Biedron. Für ihn ein Grund, warum die Stadtregierung in vielen Fragen keinen Spielraum hat.

Alternative zu Korruption und Misswirtschaft

Statements wie dieses sind typisch für den beliebten Bürgermeister. Dass er mit dem nationalistischen Getöse der PiS nichts anfangen könne, erklärt er oft genug, er kritisiert jedoch auch die Marktgläubigkeit der liberal-konservativen Regierungen der PO (Bürgerplattform) unter den Premierministern Donald Tusk und Ewa Kopacz. Wirtschaftswachstum und EU-Subventionen hin oder her, sie hätten nicht verstanden, dass der Wohlstand bei zu vielen Menschen nicht angekommen sei.

In Slupsk hat sich Robert Biedron als Saubermann inszeniert, als eine Alternative zu Korruption und Misswirtschaft. Er hat auf einer lokalen Ebene also das getan, was die PiS ein Jahr nach ihm, 2015, populistisch auf der nationalen Ebene getan hat. Bekannt war Biedron damals nicht nur wegen seines Coming-outs als schwuler Abgeordneter, sondern auch, weil er als jemand galt, der anpacken kann. Er war der richtige Kandidat für eine Stadt, die damals zu den am höchsten verschuldeten in Polen zählte.

„Unser Bürgermeister ist so sympathisch"

60 Prozent der Wähler gaben ihm schließlich seine Stimme. Dabei hat er sich gegen einen PO-Kandidaten durchgesetzt. Bemerkenswert ist das, weil es zeigt, dass er auch Wähler der nationalkonservativen PiS für sich gewinnen kann. Er positioniert sich zwischen den Stühlen, wirft der Regierung zwar undemokratisches Verhalten vor. „Mit dieser Regierung entwickelt sich das Land in eine falsche Richtung.“

Dann aber lobt er deren Kindergeldprogramm „500+“. Damit setzt er sich von den Oppositionsparteien PO und Nowoczesna (Moderne) ab, die lauthals jede Reform der PiS kritisieren. Und dass er schwul ist? „Das ist mir doch egal“, sagt eine ältere Dame an einer Supermarktkasse stadtauswärts. „Unser Bürgermeister ist so sympathisch und trägt so schöne Anzüge.“

Mit dem Fahrrad zur Arbeit

Vor allem aber liefert Biedron: Tatsächlich konnte er in kurzer Zeit das Haushaltsdefizit in Slupsk beseitigen, er führte im Rathaus gleiche Löhne für Männer und Frauen ein, senkte die Arbeitslosigkeit, besetzte offene Stellen mit ukrainischen Migranten und warb für die Aufnahme von Flüchtlingen. So viel Aktivismus hatte die Stadt selten gesehen.

Und als wäre das nicht genug, fährt er auch noch demonstrativ mit dem Fahrrad zu seinem Arbeitsplatz. In einem Land, dessen ehemaliger Außenminister schon mal vor einer „Welt aus Radfahrern und Vegetariern“ warnt, fällt so ein Politiker auf. Kommentatoren bezeichnen ihn deswegen gerne als einen polnischen Justin Trudeau oder Emmanuel Macron, andere sogar als polnischen George Clooney – wegen seines grau melierten Haares.

Kritik nicht nur aus dem Regierungslager

Es sind jedoch nicht alle voll des Lobes für den Star aus der Kleinstadt, der ursprünglich aus Krosno stammt, einer anderen Kleinstadt im Karpatenvorland. Der konservative Intellektuelle Zdzislaw Krasnodebski, der für die PiS im Europaparlament sitzt und am 1. März zu dessen Vize ernannt wurde, erklärt Biedrons Erfolg anders. Biedron habe das Amt nur bekommen, weil „die Provinz“ sich geschmeichelt fühlte, von einem Prominenten aus Warschau beehrt zu werden.

Bürgermeister Biedron lächelt, lehnt sich selbstgewiss in seinem Sessel zurück. Er spricht mit ruhiger Stimme, so wie er es immer tut, seine Sätze sind kurz. Trotz seines Sonnyboy-Images: Er hat Ellbogen. „Ich war einer der profiliertesten Abgeordneten“, sagt er. „Und zwar für diese Region hier, ich bin als Kandidat nicht einfach vom Himmel gefallen.“ Kritik an Biedron kommt nicht nur aus dem Regierungslager. Auch Oppositionelle werfen ihm hin und wieder vor, er sei kaum mehr als ein Selbstvermarkter, der sich öfter in Warschau aufhalte, wo sein Partner lebt, als in Slupsk und zu oft für Hochglanzmagazine posiere. Gerne zeigt er sich auf seinen Social-Media-Profilen mit Prominenten wie dem Topmodel Anja Rubik, das, wie er, regelmäßig die Regierung kritisiert.

Geschickte Inszenierung

Biedron wurde 2011 in den Sejm, das polnische Unterhaus in Warschau, gewählt. Er stand auf der Liste von „Ruch Palikota“, einer antiklerikalen Protestpartei, die es nur eine Legislaturperiode im polnischen Parlament geschafft hat und dann in der Versenkung verschwand. Heute ist er parteilos. Trotzdem gibt es immer wieder Spekulationen darüber, dass er nach Warschau wechseln könnte, um etwa für das Bürgermeisteramt zu kandidieren oder sogar 2020 als Präsidentschaftskandidat. Eine aktuelle Umfrage bescheinigte ihm dafür die Zustimmung von 26,5 Prozent der Wähler. Er selbst sagt, dass er es sich vorstellen könne, in Zukunft in die nationale Politik zurückzukehren. „Aber gerade gefällt es mir in Slupsk sehr gut, und hier ist noch viel zu tun.“

„Biedron genießt polenweit eine äußerst große Popularität, die er geschickt nutzt“, sagt Adam Traczyk, Politologe beim Think Tank Global.Lab. „Zum Beispiel inszeniert er medienwirksam Auftritte, wie bei dem Festival Przystanek Woodstock, wo ihm Tausende Menschen zujubeln“, so Traczyk weiter. Der Kleinstadtbürgermeister reist durch das Land, füllt Hallen, schüttelt Hände. Nun hat er auch noch ein Buch geschrieben, „Wlacz demokracje“, zu Deutsch „Schalt die Demokratie ein“.

Glaskugel für den möglichen Wandel

Er hebt sich deutlich ab von den Regierenden: Er ist weltläufig, pro-europäisch, charmant. Es sieht aus, als würde da einer für die Präsidentschaft trainieren. Auch wird spekuliert, dass Biedron sich an die Spitze von Razem (Zusammen) setzen könnte, einer jungen linken Partei, die zwar in Umfragen nur zwischen drei und fünf Prozent steht, der er sich aber ideologisch nah fühlt. Mit einer solchen Bewegung im Rücken könnte er tatsächlich nach dem Vorbild Emmanuel Macrons einen Angriff auf die PiS starten. In jedem Fall wird es nicht leiser um Biedron werden.

Wer hierzulande Polen nach mehr als zwei Jahren PiS-Regierung als liberalen Partner in der EU abgeschrieben hat, der muss in die Provinz nach Slupsk fahren. Die Stadt ist nicht bloß ein Experimentierfeld für die große Politik des Landes, sie kann auch eine Glaskugel sein für einen möglichen Wandel.