Berlin - Ihren ersten Einsatz auf der „Sea Watch 3“ hat sich Pia Klemp anders vorgestellt. Das neue Schiff der in Berlin ansässigen Nichtregierungsorganisation ist erst seit dem 2. November im Mittelmeer unterwegs, es ist größer als die bisherigen und kann auch Menschen in Seenot an Bord nehmen. In den ersten Tagen ist alles ruhig. Dann aber kommt es zu einem dramatischen Zwischenfall, der die Mission erst einmal beendet. Pia Klemp, die Kapitänin und ihre Crew sitzen jetzt im Hafen von Pozzallo fest, im äußersten Südosten Siziliens.

Vorerst darf das Schiff nicht auslaufen, die italienischen Behörden ermitteln gegen Unbekannt, weil es bei dem Rettungseinsatz zu Toten kam. Am Mittwochabend wurde Klemp von der örtlichen Polizei befragt, am Donnerstag zwei weitere Besatzungsmitglieder. 59 Menschen brachte die „Sea Watch 3“  nach Sizilien, sie hatte auch ein totes Kind an Bord. Im Telefongespräch mit dieser Zeitung zittert Pia Klemp noch immer die Stimme, als sie erzählt, wie sie versucht haben, den zwei Jahre alten Jungen aus Nigeria wiederzubeleben.

Die 34-Jährige aus Bonn ist nicht zum ersten Mal in gefährlicher Mission unterwegs, sie fährt seit Jahren zur See. Im Sommer befehligte sie die „Iuventa“, ein Schiff der Organisation „Jugend rettet“, das die italienische Polizei später beschlagnahmt hat. Die Hilfe kam zu spät, auch das erfahrene Ärzteteam an Bord konnte den Jungen nicht retten. „Das hätte nicht passieren dürfen“, sagt Pia Klemp, „und vor allem hätte es nicht passieren müssen.“

Lybier behindern Rettungsaktion

In den frühen Morgenstunden des 6. November setzt ein mit Menschen vollkommen überladenes  Schlauchboot einen Notruf ab, es treibt in internationalen Gewässern etwa 30 Seemeilen nördlich von Tripolis. Ein französisches Kriegsschiff ist in der Nähe, dazu auch ein italienischer Militärhubschrauber, auch die Sea Watch 3 ist nicht weit weg. Sie bekommt von der zentralen Leitstelle zur Seenotrettung (MRCC) in Rom, die solche Einsätze im zentralen Mittelmeer koordiniert, den Auftrag, die Schiffbrüchigen zu retten. Es muss schnell gehen, meistens können die Flüchtlinge nicht schwimmen. 

Von Süden her nähert sich ein Schiff der libyschen Küstenwache. Nach Darstellung von Klemp behindern die Libyer die Rettungsaktion massiv. Viele Menschen springen aus Panik ins Wasser. Alle Versuche, einen Funkkontakt zu dem libyschen Schiff herzustellen, scheiterten, sagt Pia Klemp. Die Situation gerät außer Kontrolle, das belegen auch Video-Aufnahmen und Fotos, die Sea Watch öffentlich gemacht hat. Man sieht dort, wie das libysche Schiff das Schlauchboot fast überfährt, wie es später abdreht, während sich ein Schiffbrüchiger noch an der Außenwand an einer Strickleiter festklammert. An Bord sind 45 Menschen, ihnen droht ein ungewisses Schicksal. Zehntausende werden in Libyen unter unmenschlichen Bedingungen in Lagern festgehalten, sie werden gefoltert und wie Sklaven behandelt, das zeigt auch ein weiterer neuer Bericht der Uno. 

„Verhalten war nicht darauf ausgerichtet, Menschen zu retten“

Sea Watch erhebt schwere Vorwürfe gegen die libysche Seite. „Ihr ganzes Verhalten war ganz klar nicht darauf ausgerichtet, Menschen zu retten“, sagt Pia Klemp. „Sie haben damit gegen alle Regeln, die in Notsituationen gelten, verstoßen.“ Insgesamt sterben fünf Menschen, vier weitere Tote wird später die „Aquarius“, ein Schiff der Organisation SOS Méditerranée, nach Italien bringen. Die libyschen Behörden machen nun die deutsche NGO für die Geschehnisse verantwortlich, es steht Aussage gegen Aussage, das Bildmaterial spricht aber für die Darstellung von „Sea Watch“.

Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Immer wieder kam es in den vergangenen Monaten zu Zusammenstößen mit der Küstenwache, seitdem diese versucht, die NGO davon abzuhalten, Schiffbrüchige zu retten. Sie bringt nun auch sehr viel häufiger Flüchtlinge direkt zurück.  Nachdem in der ersten Jahreshälfte so viele Menschen wie nie zuvor über das Mittelmeer nach Italien kamen, handelte die Regierung in Rom. Sie beschloss einen gemeinsamen Militäreinsatz mit Libyen und verlangte  den NGO ab, einen Verhaltenskodex  zu unterschreiben. Auch Sea Watch hat ihn mittlerweile unterzeichnet, allerding erst, nachdem in einigen Punkten nachgebessert wurde. „Wir wollten ein Zeichen setzen, dass wir kooperationsbereit sind“, sagt Axel Grafmanns, der Geschäftsführer von Sea Watch.

Zahl der Bootsflüchtlinge rückläufig

Im Sommer unterbrachen fast alle Organisationen ihre Einsätze für einige Zeit, weil sie sich bedroht fühlten. In vielen Ländern Europas wird ihnen vorgeworfen, einen „Shuttle-Service“ über das Meer zu betreiben und den Schleusern in die Hände zu spielen. Die libysche Regierung, die nur einen Teil des vom Bürgerkrieg zerrissenen Landes unter Kontrolle hat, erklärte zudem ein Gebiet von mehr als 70 Seemeilen außerhalb der eigenen Hoheitsgewässer zur sogenannten Save-and-Rescue-Zone (SAR-Zone) und drohte allen, die dort eindringen, mit Waffengewalt. 

Die Zahl der Bootsflüchtlinge ist in den vergangenen Monaten zurückgegangen. Knapp 112.000 Menschen kamen bis Anfang November in diesem Jahr über das Meer, ein Jahr zuvor waren es im gleichen Zeitraum fast 160.00. Es gibt hartnäckige Gerüchte, dass Milizen im Westen Libyens, die ihre Waffen auch mit Menschenschmuggel finanzieren, von der EU bezahlt werden, damit sie ihr schmutziges Geschäft ruhen lassen. Zuletzt allerdings wagten wieder mehr Menschen die gefährliche Überfahrt. Derzeit sind wieder sechs Organisationen im Einsatz, auch die beiden Schiffe der in Regensburg ansässigen Sea Eye sind unterwegs. Sie fahren allerdings nicht in die SAR-Zone hinein. „Wir glauben, dass wir dort zu stark gefährdet sind“, sagt ihr Sprecher Hans-Peter Buschheuer. Sea Watch dagegen hält die einseitige Deklaration der Libyer für nicht bindend und fährt in die Gewässer hinein. „Die einseitige Erklärung verstößt gegen internationales Recht“, sagt Grafmanns.

Auch der Zusammenstoß in dieser Woche trug sich dort zu, weit außerhalb der eigentlichen libyschen Hoheitsgewässer. „Das ist alles sehr bitter und traurig“, sagt Pia Klemp. Wie lange die „Sea Watch 3“ im Hafen von Pozzallo bleiben muss, weiß sie nicht, die italienischen Behörden haben das offen gelassen. Sie hofft trotz allem, dass sie bald wieder auslaufen können.