Für die Sitution auf dem deutschen Rettungsschiff „Alan Kurdi“ wurde weiterhin keine Lösung gefunden. 
Foto: dpa/Karsten Jäger/Sea-Eye

BerlinNeun Tage schon harren 149 Bootsflüchtlinge und 17 Besatzungsmitglieder an Bord der „Alan Kurdi“ aus. Das Rettungsschiff der Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye driftet mit abgestelltem Motor vor dem sizilianischen Palermo, wie Gorden Isler, Sprecher von Sea-Eye, am Dienstag am Telefon sagt. Die Menschen an Bord seien zusammengepfercht wie in einer Sardinenbüchse. Die „Alan Kurdi“ ist 38 Meter lang, für die Flüchtlinge gibt es nur eine Dusche und zwei Toiletten. Wie lange dieser Zustand noch andauern wird, war völlig unklar.

Sea-Eye hatte die Migranten Anfang vergangener Woche im Meer vor Libyen aus zwei Holzbooten gerettet. Seitdem wird darum gerungen, was mit ihnen passieren soll, wo sie an Land gehen und welche Länder sie aufnehmen könnten. Italien und Malta verweigern Rettungsschiffen unter Verweis auf ihr in der Coronakrise überlastetes Gesundheitssystem anzulegen. Sie seien keine „sicheren Häfen“ mehr. Italiens Regierung sieht zudem Deutschland in der Pflicht, weil die „Alan Kurdi“ unter deutscher Flagge fährt.

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Eine schwer umsetzbare Zwischenlösung

Das italienische Verkehrsministerium hatte sich am Ostermontag zu einer Zwischenlösung bereit erklärt. Die Migranten sollten auf das Fährschiff „Azzurra“ verlegt werden, auf dem 500 Kabinen zur Verfügung stünden, hatte es geheißen. Dort würden sie vom italienischen Roten Kreuz untersucht und zwei Wochen unter Quarantäne gestellt.

Allerdings war auch am Dienstag noch immer kein Termin für den Transfer bekannt. Und wie Sea-Eye-Sprecher Isler mit Hilfe des Schiffstrackingsystems VesselFinder herausgefunden hat, befindet sich die „Azzurra“ auf der anderen Seite des italienischen Stiefels, in der Adria vor Bari. Um Palermo zu erreichen, brauche sie mehrere Tage, sagt er.

Unklare Signale aus Deutschland

Isler spricht dennoch von einer „ungeahnten humanitären Geste Italiens“. Den nächsten Schritt, der die Aufnahme der Migranten betrifft, müsse nun Deutschland unternehmen. „Das entscheidende Signal muss aus Berlin kommen“, sagt Isler.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums verwies auf Anfrage auf laufende Gespräche mit Italien und anderen EU-Staaten. Berlin habe die EU-Kommission um koordinierende Unterstützung gebeten, damit die Migranten der „Alan Kurdi“ an Land gehen könnten. „Ungeachtet der derzeitigen Ausnahmesituation verschließt sich die Bundesregierung einer europäischen Lösung für die Situation im zentralen Mittelmeer nicht und ist bereit, einen konstruktiven Beitrag zu leisten“, so der Sprecher. Ob das heißt, dass Deutschland einen Teil der Migranten aufnimmt, blieb unklar.

Das Malta-Abkommen ist ausgesetzt

Der Sprecher betonte, die Bundesregierung habe rechtzeitig und eindringlich an private Seenotretter appelliert, derzeit keine Fahrten aufzunehmen und ihre Schiffe zurückzurufen. Wegen der Coronakrise ist das Abkommen von Malta ausgesetzt, in dem sich mehrere EU-Länder im September geeinigt hatten, dass aus dem Mittelmeer gerettete Flüchtlinge innerhalb von vier Wochen in Europa verteilt werden.

Doch die Corona-Pandemie hält Migranten nicht davon ab, von Libyen aus die riskante Überfahrt über das Mittelmeer anzutreten. Allein am Ostermontag schafften es zwei Boote mit mehr als 200 Insassen bis Sizilien. Das spanische Schiff „Aita Mari“ entdeckte vor Malta weitere 47 Flüchtlinge. Ein viertes Boot sichtete die Grenzschutzagentur Frontex.

Die Corona-Pandemie hält Migranten nicht davon ab, von Libyen aus die riskante Überfahrt über das Mittelmeer anzutreten.
Foto: AFP/Cedric Fettouche

Malta forderte am Dienstag von der EU eine „sofortige humanitäre Mission“ in Libyen. In dem von Bürgerkriegskämpfen und dem Corona-Virus heimgesuchten Land drohe eine humanitäre Katastrophe, warnte Außenminister Evarist Bartolo. 650.000 Menschen in einer zunehmend verzweifelten Lage warteten auf eine Möglichkeit, nach Europa zu gelangen. Bartolo schlug eine Soforthilfe in Höhe von 100 Millionen Euro vor, um Nahrung, Medikamente und Schutzausrüstung an Libyer und Flüchtlinge zu verteilen.