Am Montagabend sitzt Pia Klemp an einem Tisch im Café Morgenroth an der Kastanienallee in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie hat jetzt ihre Jacke ausgezogen, auf ihren Armen Tattoos: eine Möwe mit ausgebreiteten Flügeln, eine rote Rose. Vor ihr liegt der Roman, den sie über ihre Zeit auf See geschrieben hat, und der vielleicht vor allem deshalb Roman heißt, um im Zweifelsfall sagen zu können, dass all dies Fiktion ist.

Pia Klemp war bei bei sechs Rettungsmissionen auf dem Mittelmeer dabei

Pia Klemp ist Kapitänin, die See war das Mittelmeer und ihre Mission das Retten von Menschen, die in schlechten Booten auf dem Weg von Afrika nach Europa waren. „Auf See gibt es keine Zweifel“. Mit diesem Zitat wirbt der kleine Maro-Verlag in Augsburg, der in den 1970er-Jahren mit Büchern von Charles Bukowski den Durchbruch hatte, für „Lass uns mit den Toten tanzen“. Pia Klemp liest gut, und man erfährt, dass es Zweifel da draußen natürlich doch gibt: „Anspannung und der Geruch von Dieselöl liegen in der Luft, zusammen mit der Frage, ob das Vorfreude ist und ob diese sein darf.“

Die Passage, in der sie beschreibt, wie sie mit einem toten Jungen in der Gefriertruhe verzweifelt die italienische Küstenwache nach einem Hafen fragen, in den sie einlaufen können, liest sie nicht vor.

Pia Klemp ist 35 Jahre alt und war bei sechs Rettungsmissionen auf dem Mittelmeer dabei. Sie und ihre jeweilige Crew haben mehr als 1000 Menschen von seeuntüchtigen Booten geholt oder aus dem Wasser gezogen und in sichere Häfen nach Europa gebracht, nach Italien vor allem. Wie alle Seenotretter beruft auch sie sich darauf, dass Seeleute Menschen, die auf See in Not geraten, retten müssen. Das ist keine idealistische Fantasie. Die Rettungspflicht sei als Ausdruck der Menschlichkeit „tief verankert in der Jahrhunderte alten, maritimen Tradition“ und gelte als Völkergewohnheitsrecht, schrieb dazu der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags bei einer Einschätzung im Juli 2017. Warum jemand in Seenot geraten ist, spielt dabei keine Rolle.

Es gibt Push-Faktoren für Flucht - Krieg und Perspektivlosigkeit

Und noch etwas fühlt man sich gedrängt zu erwähnen, bevor man sich dem Menschen Pia Klemp zuwendet: den Vorwurf, den sich die Seenotretter immer wieder gefallen lassen müssen. Sie würden einen Anreiz zur Flucht schaffen, einen sogenannten lockenden Faktor darstellen, einen Pull-Faktor. Flüchtlinge machten sich auf den gefährlichen Weg übers Meer, weil sie darauf setzten, von hilfsbereiten Menschen auf privaten Rettungsschiffen aus dem Wasser gezogen zu werden. Kein Migrationsforscher hat dies je bestätigt.

Die jüngste Studie ist erst ein paar Monaten alt, sie stammt von der Universität Osnabrück und kommt zu dem Schluss, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass Rettungsschiffe, die zwischen Afrika und Europa kreuzen, Menschen zur Migration animierten. Die Fahrt übers Wasser ist ja nur die letzte Etappe der langen, manchmal Jahre dauernden Reise, bei der wahrscheinlich mehr Menschen in der Sahara sterben als bei der Überfahrt nach Europa. Belegt ist nur, dass es Push-Faktoren gibt, die Menschen dazu bringen, ihr Land zu verlassen. Es sind Krieg, Not und Perspektivlosigkeit.

Pia Klemp erzählt im Roman auch von ihrem Elternhaus

Es gibt viele Menschen, die es schrecklich finden, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken, es gibt einige, die dagegen protestieren, die auf Demonstrationen gehen, sich äußern oder Geld spenden, und dann gibt es die Seenotretter. So weit gehen die wenigsten. Was bringt einen dazu, wie muss man gemacht sein, um diesen Weg einzuschlagen? Die Frage stelle ich Pia Klemp am Telefon, ein paar Stunden vor der Lesung. Pia Klemp lacht, das tut sie oft, und antwortet mit einer Gegenfrage: „Wie kann man das nicht machen?“ Und wenn sie weiterspricht, bekommt man den Eindruck, dass sie einen extremen Sensor dafür hat, was alles schiefläuft auf der Welt, ob das die Zerstörung der Umwelt oder die Überfischung der Meere ist oder eben die Lage der Flüchtenden auf dem Mittelmeer, das die Uno-Flüchtlingshilfe die tödlichste Seeroute der Welt nennt. „Das ist menschengemachtes Leid und ich nehme es mir heraus, dagegen etwas zu tun“, sagt Pia Klemp. „Es steckt unheimlich viel Freiheit darin, Verantwortung zu übernehmen.“

Sie erzählt dann doch von ihrem Elternhaus in Bonn – „sehr liebevoll, gehobene Mittelklasse“ –, der Vater beim Roten Kreuz, die Mutter Heilpraktikerin. Die Botschaft der Eltern habe gelautet: Seid euch eurer Privilegien bewusst und der Verantwortung, die damit einhergeht. Pia Klemp hat in Bonn Biologie studiert, keinen Abschluss gemacht, dann arbeitete sie jahrelang in Indonesien als Tauchlehrerin, fand ihre Liebe zum Meer, engagierte sich.

Pia Klemp erfuhr von der Seenotrettung, als sie Wale vor dem Aussterben beschützte 

Pia Klemps Engagement hat etwas extrem Direktes und Radikales. Etwas, das provozierend wirken kann, weil es sich an keine Regeln hält. Lange hat sie für die amerikanische Tierschutzorganisation Sea-Shepherd gearbeitet, die manche als militant bezeichnen. Sea-Shepherd kämpft beispielsweise gegen illegalen Walfang, und es ist wirklich ein Kampf. Es gibt einen Film, der zeigt, wie sich ein Schiff der Organisation zwischen einen japanischen Walfänger und ein Tankschiff schiebt. Der Walfänger ist riesig, das arktische Meer unruhig, der Raum zwischen den Schiffen unheimlich eng. Pia Klemp hat auf diesem Schiff auf der Brücke gearbeitet.

Als sie von der Arbeit der Seenotretter erfuhr, war sie gerade dabei, illegale Netze vor Mexiko aus dem Wasser zu ziehen, um das Aussterben des kalifornischen Schweinswals zu verhindern, der kleinsten Walart. Nur noch 19 Exemplare soll es weltweit geben, auch Leonardo DiCaprio setzt sich für ihren Schutz ein. Pia Klemp hat sich dann bei der Berliner Initiative „Jugend rettet“ beworben. Im Juni 2017 fuhr sie ihre erste Mission auf der „Iuventa“.

Wale, Menschen. „Ich werde es nie begreifen, warum sie es geiler finden, Menschen zu retten als Natur zu schützen“, schreibt Pia Klemp.

„There is no right way of doing the wrong thing“ - sagt Pia Klemp 

In ihrer Radikalität erinnert sie einen an Greta Thunberg, die sie „Granate“ findet. Bei der 16 Jahre alten Schwedin heißt es, ihr Autismus versetze sie in die Lage, die Welt auf ein einziges Problem zu reduzieren und extrem kompromisslose Forderungen zu stellen. Bei Pia Klemp ist es vielleicht eher umgekehrt. Sie scheint überhaupt keinen Filter zu haben, und ihr fehlt das, was die meisten von uns haben: die Fähigkeit zu verdrängen. Und vielleicht braucht sie auch das Adrenalin.

Sie fühlt sich von aller Ungerechtigkeit aufgerufen, etwas zu tun. Selbst auf dem Rettungsschiff denkt sie an den Rest der Welt. „Seit Monaten beschäftige ich mich nur noch mit den Flüchtlingen im Mittelmeer. Wie einfach ist es, sich um das Große und Ganze herumzustehlen.“ Und in allem sieht sie den verhängnisvollen Zusammenhang. Zwischen dem Paket Fleisch etwa, das Ben als Verpflegung an Bord bringt und den verarmten Viehhirten in Afrika, die „genau wegen so einer EU-subventionierten Billigscheiße unterwegs sind“. „There is no right way of doing the wrong thing“, schleudert sie Ben entgegen, das ist eine Szene aus dem Roman. Dann schluckt sie ihren „veganen Hass“ herunter. Denn ohne „crew love“, ohne den Zusammenhalt der Mannschaft geht gar nicht. Max Weber hätte sie eine Gesinnungsethikerin genannt.

Im September steuerte Pia Klemp die „Sea-Watch 3“ - Wie später auch Carola Rackete 

Kompromisse macht sie nur, wenn es gar nicht anders geht.
Im Fall der Medaille aus Paris fand sie das nicht nötig. Die Bürgermeisterin der französischen Hauptstadt, Anne Hidalgo, wollte Pia Klemp und die andere deutschen Kapitänin Carola Rackete mit dem höchsten Verdienstorden auszeichnen, den ihre Stadt zu vergeben hat. Pia Klemp hatte kein Interesse. „Frau Hidalgo, Sie wollen mich für meine Solidaritätsaktion im Mittelmeer auszeichnen“, schrieb sie auf Facebook.

„Gleichzeitig stiehlt Ihre Polizei Decken von Menschen, die gezwungen sind, auf der Straße zu leben, während Sie Demonstrationen unterdrücken und Menschen kriminalisieren, die Rechte von Migranten und Asylsuchenden verteidigen.“ Den Ehrenpreis im Rahmen des Clara-Zetkin-Preises, mit dem die Linke herausragende Leistungen von Frauen würdigt, hat sie im März angenommen.

Seit Mitte 2018 sitzt Pia Klemp allerdings auf dem Trockenen. Die „Iuventa“ haben im August 2017 die italienischen Behörden beschlagnahmt. Gegen sie und neun andere Crewmitglieder leitete die Staatsanwaltschaft in Trapani, Sizilien, ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zu illegaler Migration ein. Im September 2017 steuerte Pia Klemp dann aber schon wieder ein Rettungsschiff, die „Sea-Watch 3“, auf der später auch Carola Rackete fuhr, gegen die ein Ermittlungsverfahren mit demselben Vorwurf läuft. Dann rieten ihr ihre Anwälte aufzuhören: Ihr drohe in Italien Untersuchungshaft.

Pia Klemp bereitet sich aktuell auf das Gerichtsverfahren vor 

Matteo Salvini von der Lega Nord, bis August italienischer Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident, und ein scharfer Gegner der Seenotrettung unter dessen Ägide die Strafen massiv verstärkt wurden, ist zwar nicht mehr im Amt. Aber die Staatsanwaltschaft in Trapani ermittelt weiter. Noch in diesem Jahr sollen Pia Klemp und die anderen erfahren, ob sie die Ermittlungen fallen lässt oder ob es zur Anklageerhebung kommt. Pia Klemp geht von Letzterem aus. „Die politische Motivation ist groß.“ Sie sagt, dass es um die Stigmatisierung der Seenotrettung geht. Und nicht nur sie sieht das so. Das Auswärtige Amt warnte Anfang August vor einer Kriminalisierung der Seenotrettung. Pia Klemp erzählt von den Bedingungen, mit denen sich die Seenotretter heute herumschlagen: Schiffe dürften nicht auslaufen, nicht einlaufen, würden beschlagnahmt.

Sie konzentriert sich jetzt auf die Vorbereitung des Gerichtsverfahrens. Was sie beruhigt: „Es gibt ja noch eine Crew, die rausfährt, keine Missionen scheitert wegen unserer Abwesenheit.“ Sie und die anderen machen Öffentlichkeitsarbeit, erweitern ihr Netzwerk und sammeln Spenden. „Damit wir uns diesen Prozess überhaupt leisten können.“ Von mindestens einer halben Million Euro Kosten gehen sie aus: Anwaltskosten, Gerichtskosten, Übersetzungskosten, Anreisekosten, Übernachtungskosten. Pia Klemp scheint sich deshalb keine Sorgen zu machen. „Wir haben im letzten Dreivierteljahr tolle Unterstützung bekommen, viele große und kleine Spenden.“

Pia Klemp droht eine lange Haftstrafe

Geld spielt im Leben von Pia Klemp eine höchst untergeordnete Rolle, vielleicht könnte man sagen, dass sie ihre Radikalität auch auf sich selbst anwendet. Auf die Frage, wovon sie lebt, erwähnt sie ihren ersten Roman „Allmende und Schrebergarten“. In ihrer Szene sei es zudem normal, dass die unterstützt würden, die gerade keine Arbeit haben oder die eine Arbeit tun, die nicht bezahlt wird. Was für eine Szene das ist? Sie lacht wieder. „Eine Gemeinschaft solidarischer Menschen.“ Als bitter empfindet sie nur, dass man von dem Geld, das ein Gerichtsverfahren kosten würde, zehn Missionen fahren könnte.

Seit mehr als zehn Jahren hat sie keine Wohnung. „Ich bin lieber frei und ungebunden.“ Ohnehin ist sie viel unterwegs zwischen Bonn, Hamburg, Berlin, Barcelona, Amsterdam, Griechenland. Sie kommt bei Freunden unter, geht containern, so beschreibt sie es jedenfalls im Buch. „Und zwischendurch gibt es auch ein paar Aktionen.“ Was für welche? „Ich glaube, das darf ich in der Zeitung nicht beantworten.“

Das drohende Verfahren aber hängt wie eine dunkle Wolke über der Zukunft. Pia Klemp und den anderen drohen lange Haftstrafen. Bis zu 20 Jahre, sagt sie. Im Mai noch sagte sie in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, sie gehe nicht von einer Verurteilung aus. „Ich weigere mich zu glauben, dass wir in einem Europa leben, in dem man ins Gefängnis gehen muss, weil man Menschen in Not das Leben gerettet hat.“ Jetzt ist sie sich nicht mehr sicher. „Ich kann mir in diesem Europa, in dem dieser große Rechtsruck stattgefunden hat, viel mehr vorstellen, als ich möchte.“
Und vielleicht auch viel weniger: „Sollten die nicht eher eine Parade für uns schmeißen?“, fragt die Kapitänin im Buch, als die Polizei sie und ihre Crew in Lampedusa festsetzt. Es ist ein Impuls, der ihr heute vielleicht nicht mehr kommen würde.