Eine Frau geht mit  Maske vor einem Graffiti-Wandbild in Harlem, New York.
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New YorkIn Harlem gibt es nur noch einen unabhängigen Buchladen: Es ist der Revolution Bookstore an der Lenox Avenue. Werke von Malcolm X und Angela Davis stehen in den Regalen, Biografien über César Chávez und Fidel Castro. Bis vor kurzem war das Geschäft ein eher konspirativer Treffpunkt für den radikaleren Flügel der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Das hat sich geändert.

Seit Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt die USA überziehen, hat der kleine Laden im Zentrum der inoffiziellen Hauptstadt des schwarzen Amerika unverhofften Zulauf. An jedem beliebigen Werktag stehen die New Yorker schon morgens um zehn Uhr davor Schlange, um Bestellungen abzuholen. Und es sind nicht nur junge Idealisten aller Hautfarben darunter, sondern auch zahlreiche Angehörige der weißen bürgerlichen Mittelschicht, die vor rund 15 Jahren Harlem für sich entdeckt hat.

Man will sich politisch bilden. Die Botschaft, dass der strukturelle Rassismus im Land noch lange nicht überwunden ist, ist bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Wohlmeinende Weiße wollen verstehen, was sie tun können. Wollen wissen, ob und wie man ein guter „Ally“ sein kann – ein Mitkämpfer für die Sache der schwarzen Emanzipation, die in Amerika seit nunmehr 400 Jahren auf sich warten lässt.

Zu den gefragtesten Titeln in der Buchhandlung Revolution und anderswo  gehören Ibram X Kendis „How To Be An Antiracist“ und Robin DiAngelos „White Fragility“, das gerade unter dem Titel „Wir müssen über Rassismus sprechen“ auf Deutsch erschienen ist. Die beiden Bücher stehen seit vielen Wochen an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste. Das Land bemüht sich. Man liest und bemüht sich – individuell und kollektiv –, wie man weniger rassistisch werden kann.

Was mich an die Zeit vor gut 15 Jahren erinnert. Damals zog auch ich nach Harlem. Mein Verständnis der Rassenbeziehungen in Amerika war ähnlich unterkomplex wie das vieler Weißer heutzutage, die durch die drastischen Bilder von jüngsten Polizeimorden an Afroamerikanern nun langsam zu hören beginnen, was Bürgerrechtler und Soziologen schon seit Jahrzehnten immer wieder artikulieren – dass Amerika der afroamerikanischen Bevölkerung die Teilhabe an der Gesellschaft bis heute, wenn nicht verwehrt, so doch dauerhaft erschwert.

Im Jahr 2004 war ich noch Teil der ersten Welle derjenigen Weißen, die das seit den 70er-Jahren heruntergewirtschaftete Harlem wiederentdeckten. Unter den Zugezogenen waren bemerkenswert viele Europäer wie ich, die aus Naivität und mit Abenteuerlust in das Viertel vorstießen, das man seit den 20er-Jahren auch das „Mekka des schwarzen Amerika“ nennt.

Unsere Forschheit, so dachten wir damals, weise uns unmissverständlich als offen und unvoreingenommen aus. Wir ließen uns nicht vom Klischee des drogenverseuchten und gefährlichen Schwarzenviertels beeindrucken, das es, wie es hieß, zu meiden gelte. Stattdessen suchten wir die Spuren des großartigen Harlems der 30er- und 40er-Jahre, als sich zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte schwarze Kultur und schwarzer Intellekt frei entfalten konnten und wo ein schwarzes Bürgertum sowie eine schwarze Boheme in Würde und frei von Unterdrückung leben konnten.

Einer der ersten Texte aus Harlem, die ich schrieb, war eine Reportage aus den Jazzclubs des Viertels, welche die Tradition legendärer Säle wie dem Cotton Club, dem Savoy Ballroom oder des Minton’s Playhouse fortführten. Dort hatten Giganten wie Billie Holiday, Duke Ellington oder Miles Davis die Nächte durchimprovisiert. Ich kaufte mir Literatur über die Harlem Renaissance, die goldene Epoche Harlems, ich ging zur „Amateur Night“ ins Apollo Theater und fantasierte mir ein romantisches Harlem sprudelnder afroamerikanischer Kultur zurecht.

Einen ersten Schlag bekam dieses verklärte Bild im Winter 2006. Es war der Tag, nachdem in Queens der 23 Jahre alte Sean Bell von Polizeibeamten mit 50 Schüssen hingerichtet wurde. Bell war in den frühen Morgenstunden vor einem Club erschossen worden, in dem er seinen Junggesellenabschied feierte. Die Polizisten hatten den Club wegen Drogen und Prostitution im Visier und identifizierten Bell fälschlicherweise als flüchtig.

Ich war an jenem Abend im St. Nick’s Pub, einem Jazzclub im Sugar-Hill-Bezirk von Harlem. Natürlich wurde am Tresen über den Tod von Bell diskutiert. Und als ich sagte, zum Glück komme ja so etwas in Harlem nicht mehr vor, wurde ich von meinen Theken-Nachbarn freundlich, aber bestimmt eines Besseren belehrt. Nur, weil man darüber nichts in der Zeitung lese, wurde mir gesagt, bedeute das noch lange nicht, dass Polizeischikane gegen Schwarze in Harlem nicht an der Tagesordnung sei. Ich bekomme davon nur nichts mit, weil ich eben weiß sei.

Ein anderer Vorfall, der mir bewusst machte, dass meine Wahrnehmung der Realität nicht mit der meiner afroamerikanischen Nachbarn übereinstimmte, ereignete sich im Jahr 2008. Ich hatte die Wahlnacht Anfang November im Zentrum von Harlem, an der Kreuzung der 125th Street und Adam Clayton Powell Jr Boulevard zugebracht, und mich dem ekstatischen Freudentaumel der 10.000 Menschen überlassen, die hierher ins Zentrum Harlems gekommen waren, um den Sieg des ersten schwarzen Präsidenten – Barack Obama – zu feiern.

Wenige Wochen später war ich zu einem Salon schwarzer Intellektueller in Harlem eingeladen und noch immer beseelt von der Fantasie, dass in Amerika nun ein neues postrassisches Zeitalter angebrochen sei. Die Stimmung an jenem Abend war jedoch alles andere als euphorisch. Die Gespräche wurden beherrscht von der Angst vor einem rassistischen Backlash, der ganz sicher, so die allgemeine Annahme, die Dinge schlimmer machen werde, als sie gerade waren. Die Mehrheit der Gäste war davon überzeugt, dass Obama die ersten zwei Jahre seiner Präsidentschaft nicht überleben werde.

Obama blieb das Schicksal von Martin Luther King, Malcolm X und den beiden Kennedy-Brüdern erspart. Dennoch bewahrheiteten sich in den folgenden Jahren all die pessimistischen Prognosen, die mir an diesem Abend erstmals in dieser Form begegnet waren.

Heute wissen wir, dass die Präsidentschaft des ersten Afroamerikaners alles andere bedeutete als das Ende des Rassismus in den USA. Wir haben erlebt, wie das Pendel extrem zurückgeschlagen ist. Wir haben gesehen, wie die Repression insbesondere der schwarzen Minderheit durch die Staatsgewalt noch brutaler geworden ist, als sie es schon immer war.

Für einen naiven Europäer wie mich setzte sich das alles damals, kurz nach der Wahl Obamas, langsam zu einem Bild zusammen. Wegweisend war dabei für mich, wie für viele andere, das Buch „The New Jim Crow“ der Bürgerrechtlerin Michelle Alexander aus dem Jahr 2010, in dem sie das Phänomen der Masseninhaftierung von Afroamerikanern unverblümt als Fortsetzung der Sklaverei beschreibt.

Alexander erzählte von den Leben der jungen schwarzen Männer, denen ich tagtäglich in meiner Straße und in meinem Viertel begegnete. Ich begann den Zusammenhang zwischen Ghetto-Bildung, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit zu begreifen, den Teufelskreis, in dem sie gefangen waren und der sie zu einer Existenz verurteilte, in der der amerikanische Traum für sie unerreichbar bleiben würde. Zu einem Leben, in dem sie unweigerlich irgendwann mit dem amerikanischen Strafrechtssystem in Berührung geraten würden, das ihnen unter dem Deckmantel des „Kampfes gegen Drogen“ mit extremer Härte begegnen und ihnen durch Schikane und Kriminalisierung den Zugang zu einer bürgerlichen Existenz dauerhaft versperren würde.

Dann kam der Sommer des Jahres 2014, in dem Ta-Nehisi Coates für The Atlantic einen aufsehenerregenden Essay schrieb, in dem er Reparationen der Bundesregierung für die afroamerikanische Bevölkerung forderte. Coates machte historisch präzise verständlich, was ich vorher nur als politische Parole kannte: dass der Wohlstand der USA auf dem Rücken der schwarzen Bevölkerung aufgebaut wurde und dass sie nach dem Bürgerkrieg nicht nur aus unterschwelligem Rassismus, sondern ganz gezielt von der Teilhabe an diesem Wohlstand abgeschnitten wurde.

Im selben Sommer wurde ich als Reporter nach Ferguson entsandt, um dort über die Unruhen nach dem Mord an dem schwarzen Jugendlichen Michael Brown durch die Polizei zu berichten. Die Demonstrationen gelten heute als die Geburtsstunde der „Black Lives Matter“-Bewegung. Was mich damals vor allem beeindruckte, war die Dringlichkeit, mit der aus den Menschen, mit denen ich sprach, ihre Geschichten hervorsprudelten. Ich spürte eine Dankbarkeit, dass endlich jemand zuhörte, nach Jahrzehnten, ja, Jahrhunderten der Entrechtung, von der niemand etwas wissen wollte.

Natürlich wandelte sich in dieser Zeit auch meine Wahrnehmung von Harlem dramatisch. Das Viertel blieb für mich einerseits das Harlem von Duke Ellington und Miles Davis und die Heimat des Apollo Theater. Aber ich sah endlich auch das Harlem, das die Schriftsteller James Baldwin und Ralph Ellison beschrieben und das Gordon Parks in seinen Fotos in den 60er-Jahren festgehalten hatte.

Ralph Ellison hatte dieses Harlem einst als Ruine bezeichnet, geprägt von alltäglicher Gewalt und Kriminalität, vermüllten Gassen, stinkenden Fluren und von Ratten befallenen Behausungen. Es war ein verwirrender Ort für Ellison. Ein Ort, an dem ein Afroamerikaner, der aus der Armut und der Unterdrückung des Südens hierher migriert war, Arzt oder Rechtsanwalt werden konnte. Ein Ort aber auch, an dem die Mehrheit der Menschen trotz der vermeintlichen Befreiung im Elend hängen blieb.

Ellison kam deshalb zu dem Schluss: „Harlem is Nowhere“ – kein Ort also, der wirklich ist. Harlem war für ihn ein Ort, für den Schwarze den sicheren Status eines Menschen zweiter Klasse in der Gesellschaftsordnung des Südens hinter sich gelassen hatten und zugleich eine Struktur, die ihnen Halt gegeben hatte – Religion, Familie, Tradition. Im Norden angekommen, erwarteten sie jedoch nicht die große Freiheit und volle Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft, sondern ein eigenartiger Zustand der Entwurzelung und Desorientierung. Und ein alltäglicher Rassismus, der weniger offen und deshalb oft noch viel schwieriger zu ertragen war.

Im Jahr 2011 lernte ich die junge schwarze Autorin Sharifa Rhodes-Pitts kennen, die damals gerade eine Antwort auf Ellisons Text von 1948 geschrieben hatte. In ihrem Buch, das ebenfalls „Harlem is Nowhere“ hieß, bestätigte sie, dass Harlem noch immer nirgendwo sei. Oder besser: dass Harlem für Afroamerikaner überall sei. Die Ortlosigkeit war zur Metapher für eine Bevölkerungsgruppe geworden, die keinen Platz in der Gesellschaft finden konnte. Die frei war und doch nicht frei.

Immerhin hatten zu Ellisons Zeit Afroamerikaner in Harlem ein Refugium gefunden, einen Ort, der bis zu einem gewissen Grad geschützt war, wo man unter sich sein und seine eigene Kultur pflegen konnte. Nun war Harlem jedoch erneut bedroht – von der Gentrifizierung, von Weißen wie mir, die sich für aufgeklärt hielten und Harlem chic fanden. Luxuswohntürme wuchsen in die Höhe, es öffneten Bars und Restaurants, alteingesessene Läden wurden immer mehr von Ketten verdrängt.

Für Rhodes-Pitts verdeutlichte all das nur, dass Harlem nie wirklich den Schwarzen gehört hatte. Man hatte es nur ausgeliehen bekommen. Nun wurde es attraktiv. Und die Weißen holten es sich zurück. Und perfiderweise wurde die großartige Kultur der Harlem Renaissance nun als Marketinginstrument missbraucht, um die zahlungskräftige weiße Klientel anzulocken. Kein neues Restaurant eröffnete, ohne dass im Dekor auf diese Tage angespielt wurde.

Natürlich schäme ich mich heute für meine naive Annahme von vor 15 Jahren, dass ich einfach nach Harlem kommen und meine Weißheit ignorieren könne. Immer wieder muss ich an die Worte James Baldwins denken, der gegenüber einem weißen Philosophie-Professor sagte: „Sie verlangen von mir, mein Leben und das meiner Familie aufgrund eines Idealismus zu riskieren, den ich in Amerika noch nirgendwo verwirklicht gesehen habe.“ Fantasien von einer von Rassismus freien Gesellschaft kann man sich nur leisten, wenn man weiß ist.

Ich ziehe nicht weg aus Harlem. Denn wenn ich etwas gelernt habe in meinen mehr als 20 Jahren in den Vereinigten Staaten, dann ist es das: Man kann dem Thema „Race“ nirgendwo entrinnen. Harlem ist in den USA überall. Und Hinsehen kann ich nirgendwo so gut wie hier zu Hause in Harlem. Auch wenn es nicht immer angenehm ist.