Eveline Bartlitz, 95, Rentnerin: „Als ob es da eine Sehnsucht nach Krieg gäbe“

Wir fragen Berliner: Sind Sie im Krieg? Eveline Bartlitz sagt: Die Begeisterung junger Soldaten erinnert sie an früher. Sie hat Angst vor einer Eskalation.

Eveline Bartlitz auf ihrem Balkon im Plänterwald. Sie erinnert sich genau an den Zweiten Weltkrieg. 
Eveline Bartlitz auf ihrem Balkon im Plänterwald. Sie erinnert sich genau an den Zweiten Weltkrieg. Berliner Zeitung/Markus Wächter

Der 24. Februar, der Angriff auf die Ukraine, hat mich an den 31. August 1939 erinnert, den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Ich war damals zwölf und mit meinen Eltern, einem Onkel und Cousinen auf dem Weg von unserer Wohnung in der Torstraße auf unser Grundstück in Karow. Wir hörten Radio, man spürte, es liegt was in der Luft, es passiert was. Ich erinnere mich genau an das Gefühl: Angst, Ungewissheit. Das hat sich eingebrannt.

Es gab so eine Begeisterung, auch bei den jungen Soldaten, beim Einfall in Polen, sonst hätten die dort wohl kaum so gewütet. Ich glaube, eine ähnliche Art der Begeisterung gibt es jetzt unter den Ukrainern. Das macht mir Angst. Dass es einen Dritten Weltkrieg gibt, ist im Bereich des Möglichen. Es muss ja kein Reaktorunfall sein, der eine Katastrophe auslöst, es kann auch eine Fehleinschätzung der Nato sein, die einen Brand entzünden kann, der sich unausdenkbar ausweitet. Die Situation ist sowas von gefährlich!

Mein Vater wurde damals im Volkssturm eingezogen und starb bei den Kämpfen in der Nähe des Reichstags.

Eveline Bartlitz, 95

Präsident Selenskyj will nur noch mehr Waffen. Ich finde, er schießt übers Ziel hinaus. Die Krim zurückzuerobern wird ihm nicht gelingen. Und dann fordert er auch noch einen Präventivschlag gegen Russland! Gewissermaßen opfert er ja auch sein Volk, das ist schon zwiespältig. Ich weiß, was Krieg bedeutet, ich will das nie mehr erleben. Bei Fliegeralarm mitten in der Nacht aufstehen und in den Bunker.

Mein Vater wurde damals im Volkssturm eingezogen und starb bei den Kämpfen in der Nähe des Reichstags. Die sehr honorige Buchhandlung Gsellius an der Ecke Mohrenstraße/Friedrichstraße wurde am 22. November 1943 komplett ausgebombt. Meine Ausbildungsstätte! In Schutt und Asche. Dabei hatte man mir dort noch gesagt: Mach die Ausbildung, dann kannst du nicht eingezogen werden in den Arbeitsdienst.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter
Eveline Bartlitz
Die Bibliothekarin Eveline Bartlitz, 95, stammt aus Ost-Berlin und arbeitet auch in ihrem hohen Alter noch als Ehrenamtliche in der Staatsbibliothek. Wir haben Bartlitz in ihrer Wohnung im Plänterwald getroffen.

Immerhin hatte ich später die Möglichkeit, als Lehrling nach Angermünde zu gehen. Und wir hatten das Glück, dass wir uns im April 1945 evakuieren lassen konnten. Wir gingen nur mit einem Wägelchen zu Fuß Richtung Mecklenburg, am Wegesrand all die Toten und Erschöpften. In Neubrandenburg zwängten wir uns in den letzten Zug nach Lübeck – er kam aus dem Osten, voller Verwundeter. Vor allem Frauen und Kinder waren auf dem Bahnhof. Es war knallvoll und eng – die Bilder von den ukrainischen Bahnhöfen haben mich daran erinnert, als zu Kriegsbeginn im Frühjahr so viele Leute geflohen sind. Und als ich gehört habe, dass Holocaust-Überlebende von damals aus der Ukraine fliehen mussten und in Deutschland eine neue Bleibe gefunden haben – so ein unglaubliches Schicksal! 

Jugend im Krieg: Eveline Bartlitz als 16-Jährige.
Jugend im Krieg: Eveline Bartlitz als 16-Jährige.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Durch diese Zeit bin ich an Entbehrungen gewöhnt, sodass ein sogenannter Wirtschaftskrieg mir nicht viel anhaben kann. Ich bin schon vor dem Ukraine-Krieg mit fünf Euro am Tag ganz gut ausgekommen und froh, wenn ich mir morgens meine zwei Toastbrote schmieren kann, eins mit Frischkäse, eins mit Marmelade. Ich hoffe eher, dass sich die Lage durch die gestiegenen Preise normalisiert. Die Überfülle in den Supermärkten seit der Wende, das macht mich richtig krank. Wie sich die gestiegenen Energiepreise auf meine Nebenkosten auswirken, weiß ich noch nicht. Sparen kann ich bei einer Rente von gut 1000 Euro sowieso nicht. Und bei einer Gasrechnung von sechs Euro im Monat, was soll da groß kommen!

Sind Sie im Krieg?
Am 24. Februar dieses Jahres hat Russland die Ukraine überfallen. Deutschland möchte auf keinen Fall Kriegspartei sein, aber die wirtschaftlichen Folgen bekommen wir längst zu spüren und kürzlich sagte unsere Außenministerin Annalena Baerbock: „Wir sind hier in einem Krieg“.
In den kommenden Wochen werden Berlinerinnen und Berliner bei uns berichten, ob sie das auch so empfinden. Was geht sie, ganz persönlich, dieser Krieg an? Wie hat sich der Alltag verändert? Was sind ihre Ängste und Sorgen? Welche Erinnerungen werden wach? Hören sie noch zu, wenn wieder über Waffenlieferungen diskutiert wird?
Wir möchten unsere Leser zu Wort kommen lassen, wollen Erfahrungen austauschen. Wenn Sie dabei sein wollen, melden Sie sich bitte bei uns! leser-blz@berlinerverlag.com

Jedenfalls: Ich bin in keinster Weise im Krieg. Und will das auch nicht mehr erleben! Ich weiß nicht, was Politiker sich denken, die davon sprechen, dass wir in irgendeiner Art von Krieg sind. Frau Baerbock hat ja schonmal sowas gesagt: „Wir sind kriegsmüde“ – als ob es da eine Sehnsucht nach Krieg gäbe, als sollte jederzeit was losgehen. Vielleicht meinte sie es nicht so, aber ich finde es unmöglich. Schrecklich!