Verlässliche Konstante: Wer nackte Frauen abbildet, verdient damit zuverlässig Geld.
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Zürich/BerlinVor einigen Jahren diskutierte ich mit einem pensionierten Chefredakteur über wichtige Themen im Journalismus. Er fand, man müsse die Menschen an die Hand nehmen, sie auch für abseitige oder trockene Themen interessieren. Ich hielt mehr aus Spaß dagegen - wichtig sei einfach das, was die Leser spannend fänden. Er sagte: „Wenn das stimmen würde, wären nackte Frauen seit Jahrtausenden das wichtigste Thema der Welt.“ Ich nickte, wir sprachen über etwas anderes. Doch irgendwie ließ mich das Argument nicht los. Ich hatte das Gefühl, hier ginge es noch um etwas anderes - um Macht, und die Frage, wie sie verteilt wird.

Wir alle wissen, dass man mit nackten Frauenkörpern so ziemlich alles verkaufen kann - Eiscreme, Rasenmäher, Reportagen über die steigende Zahl von Bandscheibenvorfällen. Der Grundsatz dahinter ist so oft bestätigt, dass man ihn nicht mehr begründen muss: Sex sells, und zwar immer und überall. Das Problem daran ist nur: Die Frauen, die wir sehen, werden mit dieser Werbung in den seltensten Fällen reich. Ihre Körper werden von Rasenmäherherstellern und Eiscremelieferanten benutzt, ohne dass sie anständig am Gewinn beteiligt werden. Nur einige wenige Supermodels können wirklich von ihrem Aussehen leben.

Das ist absurd. Denn wer das hat, was alle haben (oder zumindest anschauen) wollen, hat eigentlich sehr viel Macht. Wirtschaftlich, aber auch gesellschaftlich. Doch in den Jahrtausenden, in denen nackte Frauen eigentlich „das wichtigste Thema der Welt“ waren, gab es gleichzeitig zahllose ungeschriebene Gesetze, die bis heute dafür sorgen, dass Frauen ihre Macht nicht nutzen können. Frauen, die sich leicht bekleidet zeigen oder ihre Sexualität offen ausleben, werden systematisch herabgesetzt – ökonomisch gesprochen: Ihr Wert wird künstlich nach unten korrigiert. In jeder Sprache könnte man ein Wörterbuch füllen mit den Begriffen, die Frauen und ihre Sexualität herabwürdigen.

Doch in den letzten Jahren sind diese ungeschriebenen Gesetze vielfach in sich zusammengefallen. Frauen sind heute weniger Regeln unterworfen als je zuvor – und daraus ergeben sich plötzlich ganz andere Machtverhältnisse.

Das vielleicht deutlichste Zeichen dieser Veränderung lässt sich auf Instagram und TikTok beobachten. Zehntausende junge Frauen stellen jeden Tag Bilder ins Netz, die sie noch vor wenigen Jahren als Schlampen disqualifiziert hätten. Heute verstehen sie sich als Geschäftsfrauen - und werden bewundert. Statt auf den Agenten einer großen Modelagentur zu warten, der sie „entdeckt“, um die Welt fliegt und ihnen ein kleines Honorar auszahlt, verhandeln sie selber mit den Make-up-Produzenten oder Turnschuhherstellern. Und das Geld, das mit ihren Körpern verdient wird, landet plötzlich zu großen Teilen auf ihren eigenen Konten.

Dieses Geschäftsmodell wird oft belächelt. Influencerinnen gelten vielleicht nicht mehr als Schlampen, aber doch irgendwie als oberflächlich und banal. Sex sells, ja klar – aber wenn Frauen selbst mit ihren Bildern reich werden, erscheint das vielen als fast zu einfach.

Ich dagegen bin davon überzeugt, dass hier eine Umverteilung stattfindet, von der endlich einmal die Richtigen profitieren. Für mich sind Sex und Nacktheit nur dann ein Problem, wenn sie mit Ausbeutung, schlechten Arbeitsbedingungen oder Gewalt verknüpft sind.

Das heißt nicht, dass es in der Instagram-Welt nicht auch vieles zu kritisieren gibt. Trotzdem gefällt mir die Unabhängigkeit der Influencer. Es gibt keine Agenten, keine Chefredakteure, keine anderen Mächtigen, die bestimmen, wie viel von dem Geld, das mit den Bildern verdient wird, bei den Frauen ankommt oder wie viel Sendezeit sie wert sind.

Wie groß diese Umwälzung ist, zeigt eine aktuelle Studie von Hypeauditor. Sie untersuchte kürzlich 140.000 junge Männer und Frauen in Deutschland, die ihr Geld auf Instagram verdienen. Die wenigsten von ihnen werden reich - doch ein beträchtlicher Teil kann gut von den eigenen Bildern leben. Was die Studie auch zeigt: Gut aussehen ist längst kein weibliches Thema mehr. Fast genauso viele Männer versuchen, ihre Selfies zu Geld zu machen.

Wer sich die erfolgreichsten Influencer anschaut, weiß, warum sie das tun. Auf dem deutschen Markt gibt es einige Hundert, die in kürzester Zeit schwer reich geworden sind. Es gibt kaum etwas, was diejenigen, die gerade noch definiert haben, wer in Mode und Kultur etwas gilt, mehr irritiert, als der ungeheure Einfluss, den Influencerinnen wie Bianca Claßen von Bibisbeautypalace innerhalb weniger Jahre aufgebaut haben.

Noch immer kann man sich darüber gut lustig machen: Schließlich sind sich viele einig, dass Influencer nichts können – oder zumindest nichts, was derartigen Wohlstand rechtfertigt.

Und natürlich gibt es Fähigkeiten, die wichtiger sind als perfekt ausgeleuchtete Ganzkörperselfies. Wer jedoch ganz selbstverständlich findet, dass Sex nun mal eines der besten Werbekonzepte aller Zeiten ist, der sollte sich über die Macht von Social Media freuen. Denn sie ist in der Lage, den sexistischen, frauenfeindlichen Blick auf nackte Körper zu beenden.

Nicht nur, weil wir uns, wenn es gut läuft, in Zukunft sicher sein können, dass sich die Person auf dem Foto selbst inszeniert hat und dafür ein anständiges Honorar erhält. Sondern auch, weil Social Media zeigt, dass nicht nur Supermodels gefragt sind. Viele erfolgreiche Influencerinnen wären bei Germany’s Next Topmodel nicht einmal in die zweite Runde gekommen, weil sie nicht dem von anderen definierten Schönheitsideal entsprechen. Gefragt sind auf Social Media gerade diejenigen, die nahbar sind und Schwächen zeigen.

Um noch einmal auf den Chefredakteur und die „wichtigen Themen“ zurückzukommen: Instagram zeigt auch, dass nicht nur nackte Frauen für Aufmerksamkeit sorgen. Vielleicht sind Bilder von nackten Männern sogar genauso gefragt. Sie standen bisher einfach nicht im Fokus - weil der Werbegrundsatz Sex sells immer nur von einer Sexualität ausgegangen ist, nämlich der von heterosexuellen, älteren Männern. Auch daran dürfte sich in den nächsten Jahren einiges ändern. Dass unsere Gesellschaften prüde werden, ist nicht zu befürchten, im Gegenteil.

Sex sells - das wird weiter gelten. Nur die Regeln dahinter werden neu definiert. Wir sollten uns darauf freuen.