Helmuth Karasek macht bei „Günther Jauch“ einen sexistischen Herrenwitz in einer Sendung, in der es um die sexistischen Herrenwitze von Rainer Brüderle gehen soll. Karl Dall, der sein Berufsleben gewissermaßen dem Herrenwitz gewidmet hat, erklärt bei „Markus Lanz“, es sei nicht fair, den „feinen Kerl“ Brüderle zum „Sexmonster“ zu machen. Mit den Worten „Ziehen wir eine kleine Brüderle-Schleife“, eröffnet Maybrit Illner ihre Sendung vom Donnerstag.

Dieser Tage werde jede „blöde Anmache zum Sexismus“ gemacht, beschwert sich anschließend bei Markus Lanz die Journalistin Birgit Kalle über die Dynamik der öffentlichen Debatte. Spiegel-Autor Jan Fleischhauer hatte tags zuvor bei „Anne Will“ den Frauen, die sich von Männern sexuell belästigt fühlen, geraten: „Eine Watsche wirkt manchmal Wunder“.

Seine Gesprächspartnerin Renate Künast will aber nicht „in einer Situation leben, in der wir uns ständig wehren müssen“. Seit der Stern vergangene Woche das Porträt „Der Herrenwitz“ gedruckt hatte, diskutiert nun jeden Abend eine ähnlich besetzte Talkrunde, was „angrabschen“ von „anmachen“ unterscheidet.

Nicht talkshowfähig

Die Debatte dürfe „nicht nach einer Woche Talkshow-Strohfeuer vorbei sein“, hatte Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg bei „Anne Will“ gefordert. Doch auch wenn unsere von einer Diskurs-Kultur getragene Mediendemokratie glaubt, „drüber reden“ sei eigentlich immer eine gute Sache, ist das Thema Sexismus einfach nicht talkshowfähig.

Denn Talkshows betreiben ein „Typ-Casting“ der Meinungen: Für jede mögliche Position, die der Zuschauer einnehmen kann, wird eine möglichst prominente Stimme eingeladen. Dem Typ „Karrierefrau“ – Koch-Mehrin bei Jauch, Künast bei Will, Roth bei Illner – wird eine „Antifeministin“ gegenüber gestellt. Das kann mal die Frühfeministin Wibke Bruhns sein oder eine Unbekannte wie Monika Ebeling, die sich als Goslarer Gleichstellungsbeauftragte zu viel für Männer eingesetzt hatte.

Bei Maybrit Illner übernahm die Rolle der „Alles nicht so schlimm“-Abwinkerin Sophia Thomalla. Diese proporz-orientierte Pärchenbildung macht automatisch Stimmung, Und man kann auf diese Weise viele politische Sachthemen „auseinandernehmen“. Aber wie sich zeigte, entzieht sich die „Brüderle-Affäre“ dieser Zerlegung in ihre thematischen Einzelteile.

Denn aus welcher Position man die Figur der „Brüderle-Schleife“ auch anfliegt, (Journalismus, Chauvinismus, Relevanz), man landet doch immer bei der Frage: Wo fängt ein sexueller Übergriff an? „Belästigung können Sie nur selbst empfinden“, gab Wolfgang Kubicki bei Illner zu bedenken.

Regeln für Grabscher

Die Sexismus-Thematik lässt sich deshalb nicht als Stellvertreterdebatte organisieren, sondern muss mit Ich-Botschaften verhandelt werden. In den Talkshows wurden diese Situationen nachgestellt und die Empfindungen der Gesprächsteilnehmer abgefragt: „Darf ich Ihnen die Hand auf den Arm legen?“, fragte Günther Jauch die „Aufschrei“-Twitterin Anne Wiezorek, als ginge es darum, Verkehrsregeln für Grabscher zusammenzustellen.

War es angemessen, dass die Sportlerin Ariane Friedrich bei Facebook den Namen eines Stalkers veröffentlichte, der sie sexuell belästigt hatte, fragte Anne Will. Darf ein Personalchef eine Kandidatin nach ihrer Handynummer fragen, hieß es bei Illner. Sie zeigte später noch, wie Spaßmacher Joko Winterscheidt eine Frau begrabschte, um eine Wette zu gewinnen. Der Ausschnitt wurde mit der Quellenangabe Youtube versehen, ist aber ein Produkt des ZDF-Ablegers ZDFneo.

Die Sexismus-Debatte lässt sich nicht verhandeln, ohne dass sich die Gesellschaft über Anstandsgrenzen und deren Überschreitungen verständigt. Das geht nicht im moderierten Proporz-Diskurs. In einem kurzen Moment blitzte bei Illner eine Auseinandersetzung auf, die mit ehrlichen Ich-Botschaften geführt wurde. Als der Medienanwalt Ralf Höcker seinem Gefühl Ausdruck verlieh, im Karneval habe man schon einen „Schuss frei“ und Claudia Roth meinte, das gehe doch nie und nirgends ohne Einvernehmlichkeit, hätte man die beiden gerne darüber länger streiten gesehen.