Die Hilfe kam aus den USA. Die New Yorker Feministin Deanna Zandt schrieb am vergangenen Sonntag: „Helft @marthadear bei ihrem großen Sexismus-Interview“. Hinter @marthadear verbirgt sich Anne Wizorek, die Twitter-Aktivistin, die Tausende Frauen zum Aufschreien über Sexismus brachte. Am Sonntag hatte sie ihren ersten großen Auftritt in der Talkshow von Günther Jauch – und ließ sich vorher von US-Feministinnen coachen. Auch Jaclyn Friedman, Autorin des Bestsellers „Yes means Yes – Visions of Female Sexual Power“, gab Tipps. Nicht als unglückliches Opfer auftreten, lautete einer.

Zandt, Friedman und Jessica Valenti, vom Guardian als eine der hundert einflussreichsten Frauen gekürt – das sind die Vorbilder von Wizorek, die in Deutschland die große Sexismus-Debatte mit anstieß. Sie hat nie in den USA gelebt, liest aber wichtige amerikanischen Blogs wie Feministing.com. Inzwischen kennt sie Aktivistinnen wie Deanna Zandt persönlich.

Mit Alice Schwarzer und dem eher theorielastigen deutschen Feminismus kann sie hingegen nicht so viel anfangen. Während der Jauch-Sendung behandelte Alice Schwarzer die Jüngere mit herablassendem Wohlwollen, sprach sie mit „Anne“ an, als würden sie sich ewig kennen. „Ich fand das komisch, aber wir haben uns nach der Sendung nett unterhalten“, sagt Wizorek zwei Tage später. Sie distanziert sich aber auch: „Ich schätze, was sie für den Feminismus getan hat , aber sie ist nicht mehr auf dem neuesten Stand.“ Anne Wizorek sitzt in einem Café in Prenzlauer Berg. Sie wirkt robuster als im Fernsehen, trägt ein enges Shirt, Jeans, Stiefel. Bevor sie als Twitter-Aktivistin bekannt wurde, beriet sie Firmen wie die Schweizer Bundesbahn oder die Deutsche Welle bei ihrer Online-Strategie.

Frauen sind "Menschen mit Gebärmutter"

Sie bezeichnet sich selbstbewusst als Feministin, organisierte 2011 den ersten Slutwalk in Berlin mit. Anne Wizorek, aufgewachsen in Rüdersdorf bei Berlin als Tochter einer emanzipierten Ost-Frau, ist 31, sie gehört zu einer Generation, von der man gar nicht dachte, dass sie Feminismus noch nötig hätte. „Uns wurde als Mädchen gesagt, dass wir alles erreichen können, aber dann erleben wir, dass wir doch in einer männerdominierten Gesellschaft leben, die antiquierte Vorstellungen von Gleichberechtigung hat“, sagt sie. Es gehe nicht mehr nur um die Diskriminierung von „Menschen mit Gebärmutter“, wie sie Frauen nennt, sondern auch um Homophobie und Rassismus. Das ist der Moment, in dem Wizorek, die sonst so klar redet, etwas beliebig klingt.

Sie habe viel von ihrer Mutter, einer Maschinenbauingenieurin gelernt. „Wenn jemand nach dir pfeift, dann ignoriere das, man pfeift nur nach Vieh“, habe ihr die Mutter beigebracht. Sie studierte Literatur, brach das Studium aber ab, weil sie „etwas bewegen“ wolle.

Es geht nicht nur um den anzüglichen Brüderle

Die Idee mit der Twitteraktion #Aufschrei kam ihr nachts, als sie im Schlafanzug am Computer saß – und hatte mit dem heiß diskutierten Brüderle-Artikel nur indirekt zu tun. Sie las einen Blog, der sich mit der Kampagne Everydaysexism in Großbritannien beschäftigte. Dort werden seit Anfang Januar Erfahrungen von Frauen unter dem Stichwort „shouting back“ gesammelt. Sie schlug etwas Ähnliches für Deutschland vor. Über 60 000 Beiträge kamen zusammen, manche bewegend, manche banal. Wizorek schrieb über einen „Typ, der mich begrapschte und dem ich dann fast die Hand brach. Und mein damaliger Freund, der mich peinlich fand.“

Es ist wie ein Ausbruch, und die Fronten verlaufen weniger zwischen den Geschlechtern, sondern eher zwischen Jung und Alt.

Wizorek ist wichtig, dass es nicht nur um einen anzüglichen FDP-Politiker geht. Brüderle, der offenbar nie gelernt habe, Grenzüberschreitungen wahrzunehmen, sei nur ein Puzzleteil der Debatte, sagt sie.

Gut, dass Männer jetzt mal über sich nachdenken

Hunderte Mails hat sie seit Beginn der Debatte bekommen, in einigen davon schreiben Männer ihr, sie müsste „nur mal wieder ordentlich durchgefickt“ werden. Sie wird in den Medien herumgereicht, die ersten werfen ihr Profilierungssucht vor. Sie genießt den Rummel, meistens jedenfalls. „Bald wird auch noch Frauke Ludowig anrufen“, schreibt sie auf Twitter. Einer Kollegin, die bei der Welt arbeitet, will sie allerdings kein Interview geben, weil die Welt einen für Wizorek inakzeptablen Kommentar druckte.

Was sagt sie den Männern, die jammern, sie würden nicht mehr wissen, ob sie Frauen ein Kompliment machen dürften? „Ich finde es gut, dass Männer jetzt auch mal über sich selbst nachdenken.“