Sexismus im Alltag: Nein, Sexismus ist nicht mit Komplimenten zu verwechseln

Berlin - Nein, die Grenzen zwischen Alltagssexismus und einem Kompliment sind nicht fließend. Sie sind sogar ziemlich klar umrissen - sobald man nämlich den Fokus auf die Rezipientin legt: Über ein Kompliment wird sich jede Frau freuen. Sobald sie eine Bemerkung jedoch als unangenehm, unangebracht oder schmierig empfindet, ist es kein Kompliment, sondern fällt unter die Kategorie Alltagssexismus und Chauvinismus. Kompliziert? Nein. Ist es nicht.

Ein aktuelles Beispiel: Sawsan Chebli, Berliner Staatssekretärin für Internationales, 39 Jahre, sollte am Wochenende bei der Jahreshauptversammlung der Deutsch-Indischen Gesellschaft eine Rede halten. Bevor sie das Podium betrat, sagte der Vorsitzende, ein Ex-Botschafter: „Die Staatssekretärin ist nicht da. Ich würde sagen, wir fangen mit den Reden dennoch an.“ Chebli antwortet aus der ersten Reihe, sie sei da und sitze vor ihm. Seine Antwort: „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön.“ Den Vorsitz der Deutsch-Indischen Gesellschaft hat seit 2014 Hans-Joachim Kiderlen, Theologe, ehemaliger Botschafter in Indien und Usbekistan, Ex-Generalkonsul und lange Zeit im auswärtigen Dienst tätig. Für eine Stellungnahme war er am Montag nicht zu erreichen.

Chebli schreibt in einem öffentlichen Posting bei Facebook, sie sei geschockt.

Zu Recht. Denn diese Bemerkung ist ein typisches Beispiel, was Alltagssexismus bedeutet. Zum einen - der Anlass: Chebli wurde zu einem offiziellen Termin in ihrer öffentlichen Funktion als Staatssekretärin eingeladen. Ihr Äußeres tut hier überhaupt nichts zur Sache. Das ist Privatsache. Genauso wenig übrigens wie ihr Alter. Es ist in höchsten Maße unprofessionell von Seiten eines ehemaligen Botschafters und Vorsitzenden, Cheblis Äußeres zu kommentieren - eine Grenzüberschreitung.

Zum anderen - der Inhalt: In dieser Bemerkung schwingt mit, dass es also unüblich ist, dass eine attraktive Frau klug und erfolgreich sein kann. Dass einem ehemaligen Botschafter dieser Kommentar in einem unbedachten Moment, so einfach herausrutscht, zeigt, wie tief dieses für manche Männer offenbar schräge Bild verankert zu sein scheint. Nebenbei bemerkt: Der wohl künftige Bundeskanzler von Österreich, Sebastian Kurz, ist 31 Jahre alt.