New York - Das Sundance Film Festival in Utah ist für Harvey Weinstein stets einer der wichtigsten Termine im Jahr. Es ist das Jahrestreffen für Filmemacher, die sich als „Indie“ begreifen, Regisseure mit kleinen, kunstvollen Produktionen, die nicht nach dem großen Massenmarkt schielen. Für Weinstein, dessen Karriere als Filmproduzent auf der Entdeckung von Indie-Talenten beruhte, war das Sundance Festival schon immer ein ertragreiches Jagdrevier.

So war es auch im Jahr 2015, als er hier den Dokumentarfilm „The Hunting Ground“ über die Vergewaltigungsepidemie an amerikanischen Universitäten sah. Weinstein schlug sofort zu und nahm den Film unter seine wohlfinanzierten Marketing-Fittiche. Sein Instinkt, der ihn zu einem der erfolgreichsten Produzenten der vergangenen 20 Jahre gemacht hat, trog ihn auch diesmal nicht. „The Hunting Ground“ wurde 2016 für einen Oscar nominiert.

Anstellung mit sofortiger Wirkung beendet

Im Licht der Enthüllungen der vergangenen Woche erscheint die Episode heute bizarr. Die New York Times dokumentierte in einer großen Geschichte, dass Weinstein seit mehr als 30 Jahren seine Machtposition dazu benutzt, Frauen zu sexuellen Gefälligkeiten zu nötigen. Sein scheinbares Wohlwollen gegenüber progressiven sozialen Themen, das sich zuletzt beim Vertrieb des „Hunting Ground“ zeigte, scheint ein zynischer Akt der Verlogenheit.

Nun ist die Situation eskaliert. Am Sonntag wurde Weinstein von seinem Filmstudio gefeuert. Die Direktoren der Weinstein Company teilten mit: „Im Licht neuer Informationen, die über das Fehlverhalten von Harvey Weinstein in den vergangenen Tagen bekannt wurden, haben die Direktoren der Weinstein Company – Robert Weinstein, Lance Maerov, Richard Koenigsberg und Tarak Ben Ammar – beschlossen und Harvey Weinstein entsprechend informiert, dass seine Anstellung bei der Weinstein Company mit sofortiger Wirkung beendet ist.“

Ein tiefer Fall

Weinstein war nicht mehr zu halten. Selbst US-Präsident Donald Trump zeigte sich nach eigenen Worten „überhaupt nicht überrascht“ über die Belästigungsvorwürfe. Die Vorwürfe gegen Weinstein wurden auch von mehreren Politikern der konservativen Republikaner aufgegriffen – der Filmproduzent ist ein wichtiger Unterstützer der Demokraten. Mehrere demokratische Politiker kündigten nach Bekanntwerden der Vorwürfe an, Spenden von Weinstein an Wohltätigkeitsorganisationen weiterzuleiten.

Ein tiefer Fall. Nach außen hin gab sich der New Yorker Weinstein stets als Förderer der sozialen Gerechtigkeit. Er produzierte Filme wie die Kapitalismus-Kritik von Michael Moore oder ein Epos über Nelson Mandela. Beim Western „Jane Got a Gun“ und Quentin Tarantinos Mehrteiler „Kill Bill“ gab er Frauen Hauptrollen, die klassischerweise Männern vorbehalten waren, und experimentierte mit den Gender-Konventionen der Branche. Fortschrittliche Filmemacher fanden bei ihm immer ein offenes Ohr.

Hinter der Fassade verbarg sich jedoch, wie Weinsteins Anwältin Lisa Bloom verlautbaren ließ, bevor sie zurücktrat, „ein Dinosaurier.“ Weinstein selbst entschuldigte sich in einem Statement, in dem er nichts Konkretes zugab, damit, dass er in den 70er Jahren sozialisiert worden sei und nun „ganz neu lernen“ müsse. Eine Therapie habe er bereits begonnen. Das Therapie-Versprechen dürfte allerdings kaum dazu ausreichen, seine Probleme zu lösen. Die Enthüllungen der New York Times offenbaren einen Skandal von Bill-Cosby-haften Ausmaßen. Dass sich Weinsteins Reputation erholen kann, erscheint unwahrscheinlich.

Liberale Fassade

So berichteten mehrere Frauen, darunter die Schauspielerin Ashley Judd, dass Weinstein sie zu angeblichen Geschäftstreffen in sein Hotelzimmer gebeten habe. Dort empfing er sie im Bademantel oder ganz nackt und drängte sie dazu, ihm Massagen zu verabreichen oder ihm beim Duschen zuzusehen. Mitarbeiterinnen seiner Firma waren dazu angehalten, ihn täglich ins Bett zu bringen. Zudringlichkeiten am Arbeitsplatz gehörten zum Betriebsalltag. Im Jahr 2015 zeigte ihn ein italienisches Model wegen versuchter Vergewaltigung bei der Polizei an. Weinstein brachte sie, ebenso wie zahlreiche andere Frauen, mit einer satten Abfindung zum Schweigen. Mitarbeiterinnen seiner Firma mussten unterschreiben, dass sie sich über nichts öffentlich äußern, was Weinsteins Ansehen schaden könne.

Die Diskrepanz zwischen Weinsteins liberaler Fassade und seinem privaten Verhalten ist allerdings kein Sonderfall im Entertainment-Geschäft. Hollywood gibt sich stets als großer Verfechter von Gerechtigkeit und Menschenrechten, unter dem konservativen Establishment in Washington ist die Branche entsprechend verhasst. Harvey Weinstein war ein großer Förderer von Barack Obama und Hillary Clinton, Obamas Tochter Malia war sogar in seiner Firma Praktikantin. Der Alltag in der Traumfabrik sieht hingegen weit weniger aufgeklärt aus.

So sagte die Filmemacherin Maria Giese gegenüber Bloomberg News, dass Weinsteins Machtmissbrauch gegenüber Frauen in Hollywood als Norm gelte. „Für junge Frauen ohne Verbindung und Erfahrung gilt noch immer allzu oft, dass der einzige Weg nach vorne in der Branche Sex ist.“ Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit dem Sexismus in Hollywood, der nicht zuletzt auch den Druck zum Sex im Austausch für Karrierevorteile beinhaltete, drängte Giese im Jahr 2015 die Bürgerrechtsvereinigung ACLU zu einer Untersuchung des Sexismus in der Filmbranche. Das Ergebnis war verheerend.

Frauen begehren auf

So berichtete die ACLU, dass der Anteil an sprechenden Rollen für Frauen unter 30 Prozent liegt. Gerade einmal 4,2 Prozent der Regisseure sind Frauen, 13 Prozent sind Drehbuchautorinnen und 20 Prozent waren Produzentinnen. „Es ist wie mit der Kirche“, sagte Schauspielerin Anjelica Huston gegenüber der New York Times. „Sie wollen nicht, dass wir Priester werden. Wir sollen unterwürfige Nonnen sein.“

Ein Gutes hat die Weinstein-Affäre aber immerhin. Branchenkenner sehen die Tatsache, dass sich so viele Frauen mit Anschuldigungen gegen einen derart mächtigen Mann an die Öffentlichkeit trauen, als Zeichen des wie auch immer langsamen Wandels. Im Fahrwasser von Bill Cosby und dem Missbrauchsskandal rund um die Fernsehmanager Roger Ailes und Bill O’Reilly senden Frauen die Botschaft aus, dass derartiges Verhalten nicht mehr stillschweigend geduldet wird. „Das wird hoffentlich immer mehr Menschen dazu inspirieren, den Mund aufzumachen“, sagt der Hollywood-Reporter des Nachrichtenportals Vox, Todd Van der Werff.

Angesichts der aktenkundigen Frauenverachtung des amtierenden US-Präsidenten ist Van der Werff allerdings eher pessimistisch, was einen raschen gesellschaftlichen Wandel angeht.