Berlin - Die Hand auf dem Schenkel, eine Bemerkung über die Brüste, ein verrutschtes Kompliment, das bei der Empfängerin ein unangenehmes Gefühl auslöst –  das sind Erlebnisse, die jeden Tag tausendfach passieren. Auch in der Politik. Die schwedische Außenministerin Margot Wallström erfuhr bei einem Abendessen eine Belästigung auf „höchster politischer Ebene“. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli entfachte eine Debatte darüber, ob ein deplatziertes Kompliment unter die Kategorie Alltagssexismus fällt. Alles übertrieben? Einzelfälle?

Junge, erfolgreiche Frauen in der Politik  – das scheint für einige alteingesessene männliche Abgeordnete noch immer ein exotisches und zugleich bedrohliches Bild darzustellen. Das Resultat: Skepsis und diffamierende und sexistische Sprüche auf der einen Seite, verbale Selbstverteidigung und ein langer Atem auf der anderen Seite. Das kennen auch weibliche Politikerinnen auf Bundesebene.

Caren Lay, stellvertretende Fraktionsvorsitze der Linken, erzählt von einem sexistischen Vorfall in ihrer eigenen Partei: „Das Krasseste, was mir passiert ist, geschah vor einigen Jahren, als ich Bundesgeschäftsführerin meiner Partei war.  Auf einem Parteifest sang eine ganze Clique meiner innerparteilichen Gegner umgedichtete, sexistische Arbeiterlieder, in denen ich vorkam und beleidigt wurde“, erzählt die 44-Jährige.

Ablehnung und Beleidigungen

Sie sei auf dem Fest nicht anwesend gewesen. „In einem Lied hängten sie mir eine Affäre mit einem führenden Genossen an. Die Unterstellung war: die hat sich wohl hoch geschlafen“, sagt Lay. Hinterher wolle es niemand gewesen sein. „Ich wurde unter Druck gesetzt, besser nicht darüber zu sprechen“, sagt sie. Eine Entschuldigung stehe immer noch aus. Immer wieder geschehe es, dass sie eher als Trägerin eines schönen Kleides, anstatt als Politikerin wahrgenommen werde.

Luise Amtsberg,  flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen, ist 33 Jahre und arbeitet seit knapp zehn Jahren professionell in Politik: 2009 zog sie in den Landtag in Schleswig-Holstein ein, seit 2013 ist sie Abgeordnete im Bundestag, auch im neuen Parlament ist sie vertreten. Mit 24 Jahren als Frau in die Politik? Ablehnung war die Folge. Sie boxte sich durch, auf ihre eigene Art.

„Danke, ich habe schon einen Papa“

 „Manchmal wurde dann so eine großväterliche Art ausgepackt, wenn mein Gegenüber argumentativ und inhaltlich nicht mehr weiter kam, so nach dem Motto: ‚Werden Sie erst einmal groß´“, erzählt Amtsberg. Das habe sie bei jüngeren männlichen Kollegen so nicht erlebt. Männer würden  längst nicht so kritisch betrachtet. „Und gelegentlich gab es auch anzügliche Bemerkungen und unpassende Komplimente. Da muss man dann sagen, ‚Halt stopp, wir befinden uns hier auf dem politischen Parkett‘.“

Sie habe das immer sehr geärgert und daher gelernt, auf „flapsig-humorvolle“ Art zu kontern: „Danke, ich habe schon einen Papa, ich brauche keinen zweiten“, sei so eine Antwort gewesen. „Immer die richtige Reaktion zu finden, ist aber nicht leicht“, gibt  die Grünen-Politikerin zu. Zudem werden weiblichen Rednerinnen andere Attribute zugeschrieben als Männern: „Wenn es in einer Debatte mal hitzig zugeht, werden Frauen dann häufig damit gekontert, sie regen sich unnötig auf, seien zickig oder hysterisch“, erzählt Amtsberg.  

Auch Kleidung spiele ständige eine  Rolle. „Frauen werden oft aufs Äußere reduziert. „Mir wurde auch schon mal gesagt, dass ich mich schon entsprechend kleiden muss, wenn ich ernst genommen werden will. Man gewinnt den Eindruck, dass Frauen perfekter sein müssen als Männer“, kritisiert Amtsberg. Interessant auch: Seit sie verheiratet ist und ein Kind hat, stieg gefühlt auch der ihr entgegengebrachte Respekt. Da stecke ein „ziemlich antiquiertes Frauenbild“ dahinter, findet sie.

Weinstein-Skandal weitet sich aus

Ronja Kemmer zog mit 25 Jahren als jüngste Abgeordnete für die CDU in den Bundestag ein. Jetzt ist sie 28 und hat gerade ein Direktmandat für den Wahlkreis in Ulm gewonnen. „Ich finde, man muss in der Debatte zwischen Sexismus und missglückten Komplimenten unterscheiden. Sonst werden Einzelfälle hochgezogen, die nichts mit Sexismus zu tun haben und das eigentliche Problem wird nicht mehr ernst genommen.“  Sie selbst hat jedoch ähnliche Erfahrungen wie Luise Amtsberg gemacht: „Manche haben schon gefragt ‚Kann die das überhaupt?‘ Man muss sich als Frau mehr beweisen als Männer“, sagt auch die CDU-Abgeordnete.

Die aktuellen Debatten über sexuelle Belästigung – auch nach dem Weinstein-Skandal -  zieht inzwischen weitere Kreise. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat Union, FDP und Grüne am Freitag aufgefordert, Betroffene von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz besser zu schützen. „Wer in Deutschland gegen sexuelle Belästigung vorgehen will und Ansprüche gegenüber dem Arbeitsgeber geltend machen will, hat dafür nach geltender Rechtslage nur zwei Monate Zeit“, sagte Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, dieser Zeitung. Sie forderte, dass Betroffene mindestens sechs Monate Zeit haben müssten, ihre Ansprüche geltend zu machen, „dafür muss das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz konkretisiert werden“, sagte Lüders.