Ich soll mir was abschminken: „Wer morgens vorm Spiegel den Eyeliner zückt, malt mit an der schönen Seite einer gesellschaftlichen Ordnung, deren hässliche Seite das Grapschen und Einsammeln von Frauen als Jagdtrophäe ist.“ Eine Soziologin empfiehlt auf Zeit online den Frauen, die das Sexismusproblem an der Wurzel packen wollen: „Werft die High Heels auf den Müll!“ Dann hätten wir mehr Zeit für die Karriere. Ein Kollege im Feuilleton der Zeit erweitert die Sexismus-Debatte mit einer anderen Idee: „Regelt sexuelle Begegnungen durch ausgeklügelte vertragliche Vereinbarungen.“ Ich frage mich, welche sexuellen Praktiken durch eine „ausgeklügelte Vereinbarung“ ihr Feuer behalten.

Bis Anfang Dezember findet an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf eine Online-Abstimmung statt. Anfang nächsten Jahres wird entschieden, ob das Gedicht eines Bolivianers, er schrieb es 1951, von der Hausfassade entfernt wird. Aus dem Spanischen übersetzt heißt es: „Alleen/ Alleen und Blumen/ Blumen/ Blumen und Frauen/ Alleen/ Alleen und Frauen/ Alleen und Blumen und Frauen und/ ein Bewunderer.“ Der Allgemeine Studierenden- Ausschuss schrieb in einem offenen Brief, dass es „unsere Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum ist, die uns Angst macht“. Studierende fühlen sich nicht sicher und klagen über Unwohlsein.

Bestürzend empfindsam

Junge Frauen zeigen sich bestürzend empfindsam. September 2015 gingen sie in einer Universität in Rhode Island mit Plüschtieren und Keksen in einen „Safe Space“. Sie sahen Videos mit Hundewelpen und hörten beruhigende Musik. Alles Böse sollte draußenbleiben. Das Böse war eine Diskussion auf dem Campus über sexuelle Übergriffe. In den Schutzraum begaben sich erklärte Opfer und Personen, die sich durch das Thema verstört fühlten.

Ich halte die erwähnten Vorschläge und Maßnahmen für untauglich und lebensfremd, auch wenn mir die eine oder andere Rigorosität ein bisschen imponiert. Jede Zeit findet ihren Geist. Aber wenn sich Frauen gegenüber Männern ganz allgemein als Opfer sehen, dann muss ich sagen: Für mich sprecht ihr nicht.

Frauen sind stark, klug, selbstbestimmt, mutig. Das Leitbild des Feminismus ist auch meines. Aber bei jeder männlichen Anmache verfallen manche Frauen in Schockstarre. „Natürlich!“ dürfen Männer Komplimente machen – das lese ich so mehrmals –, es gebe ja Regeln, die jeder anständige Mensch intus hat. Die Journalistin Laura Himmelreich hält es für denkbar, dass eine Mitarbeiterin, deren Chef sagte, sie sehe „bezaubernd“ aus, sich herabgesetzt und in ihrer beruflichen Position nicht ernst genommen fühlt. Passe ich nicht in die Welt, weil ich so ein Kompliment gemocht hätte?

„Du hast so ein schönes Lächeln. Pass auf dich auf.“

Ich sitze in der Straßenbahn, ein abgerissener Obdachloser steigt Oranienburger Straße ein. Ich lächle, als er mich ansieht. Als ich aussteige, sagt er: „Du hast so ein schönes Lächeln. Pass auf dich auf.“ Ich habe mich aufrichtig bedankt.

In meinem Leben gab es viele Männer mit Schwächen – Fremdgeher, Unentschlossene, Schwindler, Loser. Aber bei keinem war sexuelle Gewalt im Spiel. Ich kenne nicht mal einen, dem ich das zutrauen würde.

Ein Fremder folgte mir auf der Treppe zu meiner Wohnung, er hatte sich eine Strumpfhose über den Kopf gezogen, die Beine hingen runter wie Hasenohren. Ich schrie, er flüchtete.

Als ich in Bautzen ein Praktikum am Theater machte – ich war 19 –, folgte mir nachts ein Mann, knapp konnte ich mich in ein Haus retten. Später musste ich im Prozess aussagen – mein Verfolger war ein gesuchter Vergewaltiger. Jahrelang trug ich eine Trillerpfeife an einer Halskette. Wenn ich gewusst hätte, wo ich mir im Osten eine Waffe besorgen könnte, wäre ich mit der Wumme rumgelaufen. Vergewaltigung war meine entsetzlichste Vorstellung vom Unglück. Jeder Frau, die von Vergewaltigung bedroht war oder sie erleben musste, möchte ich eine Freundin sein.

Ungekannte Wucht und Weite

Sexuelle Annäherungen sehe ich in anderem Licht. Ich kann mitspielen oder abwehren. Man muss klar signalisieren, ob sich ein Mann nähern darf oder nicht. „Ja.“ „Nein.“ „Stopp!“ Im Beruf bin ich brenzligen Situationen aus dem Weg gegangen. Keine Interviews im Hotelzimmer zum Beispiel.

Seit Oktober geht eine Debatte um die Welt: #MeToo – Frauen berichten über sexuelle Gewalt, der sie und andere ausgeliefert waren. Dem Tweet einer amerikanischen Schauspielerin – über den Filmproduzenten Harvey Weinstein und die Monstrosität seiner sexuellen Machtausübung – folgten Millionen Frauen mit ihren Erlebnissen. Netzwerke, Presse, Radio, Fernsehen machten daraus Schlagzeilen, Medienereignisse und Kriegsschauplätze.

Diese Bewegung hat eine ungekannte Wucht und Weite. Sie geht über Grenzen. Das war dringend notwendig. Aber jetzt ist es Zeit durchzuatmen und zu überlegen, was besser werden muss. Das träufelnde Gift des Misstrauens darf nicht die Beziehungen bestimmen.

Ist etwas Irreparables passiert? Ja, danach sieht es aus. Der Erwähnung von Namen folgt die gesellschaftliche Ächtung beschuldigter Männer. Sie werden moralisch, privat, beruflich erledigt – ohne Verteidigung, ohne Urteil der Justiz. Sicher sind Unschuldige dabei. Eine Nachrichtenagentur berichtet über Maßnahmen des britischen Parlaments gegen Sexismus. Am Schluss die kurze Meldung: Ein Regionalminister hat sich nach Belästigungsvorwürfen umgebracht. Das Ereignis steht am äußersten Rand der Aufmerksamkeit.

Ein Kontext nimmt manchmal die Anzüglichkeit

Gerüchte steigen auf. Der britische Verteidigungsminister – der mit der Hand auf dem Knie – trat zurück, nun lese ich die Prophezeiung: „Es soll aber noch andere, unenthüllte Beschuldigungen gegen ihn geben.“ Eine Lunte ist gelegt.

Kaum jemand hat erfahren, dass die Lebensgefährtin und jetzige Ehefrau des Berliner CDU-Politikers Frank Henkel danebenstand, als ihr Mann zuerst ein Kind „kleine süße Maus“ und dann die junge Mutter „große süße Maus“ nannte. Die Szene löste Empörung aus. Der Kontext der Lebensgefährtin nimmt ihr die Anzüglichkeit.

Der Regisseur Volker Schlöndorff will Vorwürfe gegen Dustin Hoffman entkräften. Der spielte 1985 die Hauptrolle in „Tod eines Handlungsreisenden“. Schlöndorff erzählt im Feuilleton der Zeit von Hoffmans Manie: „Dustin war kein Scherz zu billig, kein Kalauer zu abgenutzt, um das Team zum Lachen zu bringen.“ Bei #MeToo schrieb jetzt eine damals 17-jährige Praktikantin, Hoffman habe sie am Filmset sexuell belästigt, sie nennt ihn „ein Raubtier“. Schlöndorff ist anderer Meinung: „Es war ein Spiel ohne jede Anzüglichkeit, auf das sie einging, wohlgemerkt in Anwesenheit von Fahrern und Aufnahmeleitern.“ Der Vorgang liegt 32 Jahre zurück. Roman Polanski verführte vor 40 Jahren eine Minderjährige, er muss jetzt noch bei einer Einreise in die USA mit seiner Verhaftung rechnen. Die Frau hat ihm schon vor vielen Jahren verziehen.

Totschlag verjährt nach zwanzig Jahren.

Mir fällt kein anderes Thema ein, das in den vergangenen Jahren gleichzeitig so emotional, rechthaberisch, verzweifelt, versimpelt und generalisierend diskutiert wurde. Unsere eigenen Grenzen bestimmen, was wir im Verhältnis der Geschlechter für hinnehmbar halten. Es darf nicht passieren, dass eine Minderheit ihre Grenzen als Grenzen für alle durchsetzt. Tändelei, Erotik, Sex haben zu viele Facetten, um durch Political Correctness geregelt zu werden. „Eine Frau will erobert werden“ – ist so eine Behauptung verboten, weil sexistisch? Darf ich einen Mann auf die Wange küssen, ohne ihn vorher zu fragen?

Eine Frage von Ost und West?

Nach den bisherigen Veröffentlichungen entsteht der Eindruck, dass sich Frauen aus dem Osten seltener als Opfer sexgeiler Männer sehen. Sie machten eine existenzielle Erfahrung: Sie hätten allein für sich und die Kinder sorgen können. 1989 waren 81 Prozent der Frauen in Ostdeutschland berufstätig, im Westen 55 Prozent. Westdeutsche Frauen waren lange von ihren Männern abhängig: Erst 1977 wurde ein Gesetz abgeschafft, das die Frau zur Hausarbeit verpflichtete. Zehn Jahre früher hätte sie kein eigenes Konto eröffnen dürfen. Bis 1958 konnte der Ehemann das Arbeitsverhältnis seiner Frau kündigen, er konnte das von ihr in die Ehe eingebrachte Vermögen verwalten und über die Entwicklung der Kinder bestimmen.

Für Ostfrauen hat es solche Gesetze nie gegeben. Wir arbeiteten jeden Tag auch mit Männern, und wenn wir in der Mehrheit waren, dann konnte es passieren, dass wir uns schlecht benahmen. Ich lernte nach dem Abitur bei VEB-Treff-Modelle Industrieschneiderin. Frauen nähten in langen Reihen am Band. Wenn die drei Bügler vorbeikamen, dann lästerten laute Kolleginnen, ob sie die Mutti auch letzte Nacht wieder fleißig gebügelt hätten.

„Du musst die Frauenperspektive einnehmen“, sagt eine Bekannte, mit der ich über Sexismus spreche. Ich erzähle, dass mich mit einer wie der österreichischen Autorin Stefanie Sargnagel rein gar nichts verbindet. Sie ist Mitglied der Burschenschaft Hysteria. Nur Frauen sind zugelassen. Sie fordern unter anderem die Todesstrafe für Männer, die beim Sprechen nicht gendern, also keine weiblichen Formen verwenden. Männer sollen nicht wählen dürfen. Heterosexueller Sex, der für die Frau ohne Orgasmus endet, hat de jure als Nötigung zu gelten. Hysteria-Frauen lehnen es ab, ihr Projekt als Satire zu bezeichnen. Meine Bekannte kann sich darüber kaputtlachen.

Mich beherrscht in solchen Situationen der Reflex, die Sicht von Männern einzunehmen.

Was hören sie von Frauen über Männlichkeit? Das Buch „Das letzte Zipfelchen der Macht“ ist „ein Aufruf zum absolut weiblichen Egoismus“. Die Autorin amüsiert sich über mickrige Winzlinge und unzuverlässige Schlappschwänze. Den statistisch früheren Tod des Mannes kommentiert sie kühl: „Frauen leben länger und besser.“ Woanders las ich Tipps, wie der Ehemann bei der Scheidung ruiniert werden kann. Alice Schwarzer riet vor vielen Jahren in der Zeitschrift Emma, dem Beispiel einer Amerikanerin zu folgen. Die hatte ihrem schlafenden Mann den Penis abgeschnitten.

Eine alte Affäre meldet sich

Der Schauspieler Lars Eidinger erzählt von einer Preisverleihung: Die Moderatorin scherzt, dass dem Lars die Haare ausfielen, er aber trotzdem Nominierungen bekomme. Eidinger: „Wenn ich jetzt über eine Kollegin sagen würde, die hat doch Hängebrüste – was wäre da wohl los.“ Der Maler Neo Rauch sagt im Interview: „Es ist sofort Sexismus, fast Rassismus, wenn man sich zur Schönheit der Frau bekennt und sie auf seinen Leinwänden einschränkungslos feiert.“

Männer denken immer nur an das eine. Aber das stimmt nicht: Ein Künstler, obwohl attraktiv, ist zu schüchtern, den ersten Schritt zu machen. Auf einer Veranstaltung steht er neben einer jungen schönen Frau, vor sich viele Gäste, hinter sich eine Wand. Die Frau, die beiden kennen sich erst kurz, fasst ihm hinten in die Hose und geht mit der Hand runter. Der Künstler denkt: „Mach weiter!“ Aber dann fällt ihm ein: „Verdammt! Ich muss morgen ja ganz früh raus!“

Offenbar kontrollieren Männer jetzt ihre Vergangenheit. Eine ganz alte Affäre will sich überraschend mit mir treffen. Der Mann fragt, ob er sich damals korrekt verhalten habe. Aber ja.