Sexismus-Vorwürfe: Bravo-Rufe für Brüderle

Keiner bekommt so viel Beifall wie Rainer Brüderle. Schon bei der Begrüßung auf dem Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen FDP am Sonntag erhält der wegen sexistischer Äußerungen in der Kritik stehende FDP-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl ungewöhnlich starken Applaus. Sogar aufmunternde "Bravo"-Zurufe sind im Ballsaal des großen Hotels am Düsseldorfer Flughafen zu hören. Es ist Brüderles erster großer öffentlicher Auftritt nach der Veröffentlichung anzüglicher Bemerkungen gegenüber einer jungen Journalistin des Magazins Stern. Doch er nutzt ihn nicht; er schweigt in seiner Rede weiter zu den Vorwürfen.

Groß ist das Interesse an diesem Neujahrsempfang. 60 Vertreter der Medien haben sich angemeldet, doppelt so viele wie sonst üblich. Auch die Zahl der andere Gäste erreicht mit 1400 Personen eine Rekordmarke.

Freunde unter sich

Die Organisatoren ersparen Brüderle das sonst übliche Ritual bei diesem Termin der NRW-FDP. Diesmal steht die Prominenz der Liberalen nicht am Saaleingang, um die Gäste per Handschlag zu begrüßen und Neujahrswünsche auszusprechen. Will man Brüderle eventuelle unangenehme Bemerkungen ersparen? Oder verzichtet man wegen der vielen Teilnehmer auf den Vorbeimarsch? Brüderle sitzt anfangs, während sich der Saal füllt, fast ein wenig einsam mit dem liberalen Ur-Vater Hans-Dietrich Genscher und Landeschef Christian Lindner in der ersten Reihe. Absperrungen halten Journalisten auf Distanz.

Lindner nennt "den lieber Rainer" in seiner Rede einen "Freund, hinter dem wir stehen". Diese wenige Worte rufen demonstrativen Beifall hervor. Es ist unüberhörbar: Die Liberalen wollen ihrem designierten Spitzenkandidaten den Rücken stärken.

Schweigt er deshalb zu den Anschuldigungen? Zwar setzt er einmal an, um "Tugendwächter" zu kritisieren. Aber damit meint er nicht diejenigen, die ihn wegen seines angeblichen Verhaltens gegenüber der jungen Frau kritisieren. Sondern Brüderle meint die Grünen, weil die den Bürgern nach FDP-Ansicht vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. Der Gast aus Berlin hält wie Lindner eine ganz im Zeichen des Bundestagswahlkampfes stehende Rede. Sie kommt an bei den Gästen des Neujahrsempfangs.

Noch deutlicher als Lindner stellt sich später Guido Westerwelle, der Außenminister und langjährige FDP-Bundesvorsitzende, hinter Brüderle. Er wisse, was es heißt, als Spitzenmann Angriffen des politischen Gegners ausgesetzt zu sein. Wenn man ein solches Amt übernommen habe, dann gebe es bei politischen Konkurrenten "und in einigen Redaktionsstuben kein Pardon mehr", sagt Westerwelle. Umso wichtiger sei es, "dass diejenigen, die sich kennen, Zerrbilder, die in den Medien über Menschen verbreitet werden, nicht durchgehen lassen." Die Teilnehmer des Empfangs sehen dies wohl auch so und klatschen wieder einmal besonders heftig.

Brüderles Auftritt am Sonntag in Düsseldorf ist noch aus einem anderen Grund ein besonderer. Eigentlich gehört diese Bühne nur liberalen Größen aus NRW. Diesmal hatte Lindner aber schon im Herbst den Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion eingeladen. Als klares Signal der Absetzung von Parteichef Philipp Rösler. Der hat im innerparteilichen Machtkampf nach der Landtagswahl in Niedersachsen den Vorsitz zwar verteidigen können. Doch auf dem Neujahrsempfang wird er totgeschwiegen.

Von Lindner und Brüderle. Der lobt in seiner Rede die liberalen Bundesminister Westerwelle und Daniel Bahr Er spricht auch viel über wirtschaftspolitische Erfolge der schwarz-gelben Bundesregierung – aber deren Wirtschaftsminister, seinen Parteivorsitzenden Rösler, erwähnt Brüderle dabei mit keinem Wort.

Christian Lindner überzeugt auf dem Neujahrsempfang die Liberalen wieder einmal und begeistert mit einer rhetorisch glänzenden und politisch kämpferischen Rede. Zettel braucht der liberale Hoffnungsträger nur, um Gegner korrekt zitieren zu können. Rainer Brüderle lobt ihn höchsten Tönen. Alles deutet darauf hin, dass Lindner im März zu einem der Stellvertreter Rösler gewählt wird. Dessen Position an der Spitze der FDP wird dann noch schwieriger. Denn Lindners Aufstieg zum Parteichef rückt damit immer näher.