Es kann so klingen: „Hallo Süße!“ Oder so: „Geiler Arsch!“ Gruselig wird es hier: „Wo gehst du hin, kann ich mitkommen?“ Das ist klassisches Catcalling. Darunter versteht man unerwünschte sexuelle Äußerungen oder Gesten durch fremde Männer im öffentlichen Raum. Frauen erleben das jeden Tag. Auf der Straße, in der U-Bahn, beim Einkaufen. Eine Untersuchung der US-amerikanischen Cornell University hat gezeigt, dass 85 Prozent der Betroffenen bei der ersten verbalen Belästigung jünger als 17 Jahre sind.

Diese ungebetenen Rückmeldungen sind keine Komplimente. Im Gegenteil: Sie machen Angst. US-amerikanische Studien haben die Auswirkungen von verbaler Belästigung auf das psychische Wohlbefinden von Betroffenen untersucht. Das Ergebnis: Mit zunehmenden Belästigungserlebnissen steigen Körperscham und die Angst vor Vergewaltigung, das Selbstwertgefühl wird geringer. Gleichzeitig sinkt das eigene Sicherheitsgefühl.

Eine Forschungsgruppe der University of Mary Washington aus Virgina stellte wiederum fest, dass sich bei Frauen durch häufige Belästigungen ein „schleichendes Trauma“ einstellt. Ein Grund dafür, warum posttraumatische Belastungsstörungen bei Frauen häufiger diagnostiziert werden als bei Männern. Die Chance, dass Frauen daran erkranken, ist in Deutschland fast doppelt so hoch wie bei Männern. Obwohl Frauen anders als Männer selten an Kriegshandlungen teilnehmen, leiden sie also häufiger unter traumatischen Erlebnissen. Ständige Annäherungsversuche und ein dauerhaft erhöhtes Gefahrenbewusstsein werden als Gründe genannt.

Catcalling belastet die Psyche und schränkt die Mobilität von Frauen ein. Bestimmte Orte werden gemieden, die Umgebung wird kontrolliert, die Kleidung angepasst. Dennoch ist diese alltägliche Gewalt gegen Frauen in Deutschland legal. Sexuelle Belästigung liegt laut Paragraf 184i des Strafgesetzbuchs nämlich nur dann vor, wenn „eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt“ wird. Männer, die Frauen durch Worte und Gesten einschüchtern, ihre Räume schneiden, halten sich in Deutschland an geltendes Recht.

Dass das nicht so bleiben muss, versucht die Petition „Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein“ zu ändern. Die Initiatorin Antonia Quell sagt: „Nicht jeder Mann macht es, aber jede Frau kennt es.“ Für sie ist Catcalling „das Ausnutzen von Dominanz und Macht“. Bereits mehr als 66.000 Menschen haben die Forderung unterzeichnet.

Europäische Nachbarländer haben die Situation erkannt. In Belgien, Portugal, den Niederlanden und Frankreich steht die verbale Belästigung unter Strafe. Wer französische Frauen verbal angreift, muss bis zu 750 Euro an die Staatskasse überweisen. Ziel ist es, sexuelle Gewalt im Keim zu ersticken. Die beginnt eben schon bei unerwünschten Äußerungen.