Berlin - Catharina Beuster war ein junges Mädchen, als sie von ihrem Lehrer sexuell missbraucht wurde. „Ich war erschüttert, was für eine stumme Hilflosigkeit mir entgegengebracht wurde“, erzählt die blonde Frau. Heute arbeitet sie als Erziehungswissenschaftlerin. Ihre persönliche Geschichte hat sie motiviert, auch ihre Bachelorarbeit zum Thema „Prävention und Aufklärung sexuellen Missbrauchs in pädagogischen Institutionen“  zu schreiben.

Sexuelle Übergriffe in Schulen sind keine Einzelfälle  - das zeigen nicht nur die Missbrauchsfälle an der hessischen Odenwaldschule oder am Canisius-Kolleg in Berlin-Tiergarten. Und sie sind auch in den Familien, im sozialen Umfeld, im Sportverein, in Kitas oder durch die digitalen Medien keine Einzelfälle. Die Zahlen, die auf Grundlage von Kriminalstatistiken und Dunkelfeldanalysen beruhen, sind erschreckend.

„Wir müssen davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse mindestens ein bis zwei Mädchen und Jungen sind, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Für sie ist es wichtig, dass ihre Signale wahrgenommen werden und sie auf kompetente Ansprechpersonen treffen, die wissen, was im Verdachtsfall zu tun ist“, sagte Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Missbrauchs, am Dienstag in Berlin. Viele Lehrerinnen und Lehrer hätten Angst vor Falschbeschuldigungen.

12.000 Anzeigen wegen Kindesmissbrauch im letzten Jahr

Laut polizeilicher Kriminalstatistik hat es im vergangenen Jahr  in Deutschland 12.000 Anzeigen wegen Kindesmissbrauch gegeben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht sogar davon aus, dass in Deutschland von 13 Millionen Kindern und Jugendlichen etwa eine Million von sexuellem Missbrauch mit und ohne Körperkontakt betroffen sind.

Genau hier setzt nun die neue Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ an, die in Berlin vorgestellt wurde. Sie wurde gemeinsam mit Rörig und den 16 Kultusministerien entwickelt und startet am 19. September zunächst an 6000 Schulen in Nordrhein-Westfalen. Weitere Länder folgen bis Ende 2018.

Mithilfe der Kampagne sollen insgesamt 30.000 Schulen bundesweit fachlich unterstützt und ermutigt werden, Konzepte zum Schutz vor sexueller Gewalt zu entwickeln und diese zum Schulalltag werden zu lassen. Dadurch sollen Unsicherheiten abgebaut und Mädchen und Jungen durch präventive Maßnahmen besser geschützt werden.

Die Schulen erhalten eine Infomappe, die unter anderem aufzeigt, welche Schritte die Pädagogen unternehmen können, um das Thema sexuelle Gewalt im Kollegium und mit Eltern und Kindern  anzusprechen.  An den Schulen sollen so Verhaltenskodexe und Interventionspläne erarbeitet, Fortbildungen angeboten, Vertrauenspersonen ernannt und Präventionsangebote unterbreitet  werden. Lehrer müssten Signale wahrnehmen und zuhören, und nicht wegschauen, sagte Rörig.

Parallel dazu wurde das Internetportal  www.schule-gegen-sexuelle-Gewalt.de ins Leben gerufen, auf dem sich Schulen Informationen und Hilfestellungen holen können. Hier wird auch bekannt gegeben, wann die einzelnen Länder mit der Initiative starten werden. Insgesamt stehen hierfür  in dieser Legislaturperiode 200.000 bis 250.000 Euro zur Verfügung.

Schulen als Dreh- und Angelpunkte für Prävention

„Schutzkonzepte müssen zu einem Qualitätsmerkmal  für Schulen werden“, sagte Rörig. Sie hätten neben dem Bildungsauftrag  auch einen Kinderschutzauftrag. Schulen seien zentrale Dreh- und Angelpunkte für die Prävention, da sie von allen Kindern und Jugendlichen besucht würden.

Auch Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) unterstützt die Initiative. „Sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen darf kein Tabuthema sein. Im Gegenteil: Schule ist ein guter Ort, um mit Kindern zu sprechen, sie aufzuklären über Gefahren und mögliche Hilfen. Vor allem sollte auch der Umgang im Netz und hier lauernde Gefahren Thema im Schulunterricht sein“, erklärte sie.

Catharina Beuster sitzt auch im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten, sie hat die Kampagne mitkonzipiert. Sie ist sich sicher: Hätte es damals schon ein Schutzkonzept an den Schulen gegeben, hätte ihr Fall verhindert werden können. „Alle Betroffenen geben Signale. Das zu erkennen, ist die Verantwortung der Erwachsenen“, machte Beuster klar. „Wenn ein Lehrer jede Pause mit einer Schülerin hinter einer verschlossenen Tür verbringt, braucht es jemanden, der diese Tür aufreißt.“