Berlin - Welche Traumata sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen auslösen können, zeigt der Hashtag WhyIsaidNothing, der seit dem Wochenende im Kurznachrichtendienst Twitter die Runde macht und über den Frauen und Mädchen über ihre Erfahrungen twittern. Er erinnert an den Hashtag Aufschrei von 2013, als Frauen über Twitter von sexuellen Übergriffen erzählten.

Über WhyIsaidNothing begründen sie nun, warum sie mit niemandem über die Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung sprachen – oder sprechen konnten – und warum sie sich keine Hilfe suchten, in dem sie Freunde, Anwälte oder die Polizei einschalteten.

Die Angst lässt viele Frauen verstummen

Von Scham ist die Rede und von Angst, dass der Täter sie noch härter bestrafen werde, wenn er rausfände, dass das Opfer ihn angezeigt habe. Weil „Spuren“ nicht sichtbar genug gewesen seien, weil keiner ihr glaubte. „Weil er mein Partner war“, schreibt eine Frau. Eine andere twittert: „Weil ich immer noch Todesangst vor ihm habe.“ Ein Mann sagte einer Frau, dass sie damit rechnen müsse, wenn sie in seinem Bett läge. Einige Frauen fühlen sich schuldig, weil sie aus freien Stücken mitgegangen seien. Auch ein Mann äußert sich: „Weil mir niemand glaubt, dass ich missbraucht wurde. Männern passiert sowas nicht.“

Jede siebte Frau hat laut Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes in ihrem Leben schon einmal eine Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung erlebt. Die eigene Wohnung war der häufigste Tatort für Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben.

Reform des Verwagewaltigungsparagraphen

Laut Strafgesetzbuch reicht ein schlichtes „Nein“ nicht aus, um jemanden mitzuteilen, dass man keine sexuellen Handlungen mit ihm vollziehen möchte.
Denn der bisherige Paragraph 177 im Strafgesetzbuch besagt, dass Geschlechtsverkehr nur dann eine Vergewaltigung sei, wenn er mit Gewalt und Bedrohungen erzwungen wurde oder das Opfer den Einwirkungen des Täters schutzlos ausgeliefert gewesen sei. In der Ehe ist Vergewaltigung übrigens ohnehin erst seit 1997 strafbar – das ist mal gerade 18 Jahre her.

Dass der Vergewaltigungsparagraph reformiert werden muss, fordern nicht nur Menschenrechtsorganisationen wie Terre des Femmes oder das Deutsche Institut für Menschenrechte. Auch Justizminister Heiko Maas (SPD) will die Gesetzeslage verschärfen, um Lücken für Sexualstraftäter zu schließen. Ein entsprechender Gesetzesentwurf ist im Juli in die Ressortabstimmung gegangen, dieser ist allerdings ins Stocken geraten.

Auch die sogenannte Istanbul-Konvention von 2011 fordert eine Reform: Denn nach dieser Konvention ist jede „nicht-einverständliche, sexuell bestimmte Handlung“ strafbar. Auch Deutschland hat den Vertrag unterschrieben.