London - Wir sind in den Keller hinabgestiegen, an den grauen Schließfächern vorbei. Plötzlich stehen wir vor einer Bücherwand. Nanu, wo geht es denn hier zur Show über eine der berühmtesten Figuren der Literaturgeschichte – „den Mann, der niemals lebte und nie sterben wird“, wie es im Untertitel der Ausstellung so treffend formuliert ist?

Vielleicht versuchen wir es mal mit leichtem Druck, auf der Suche nach einer Geheimtür. Tatsächlich, das Bücherregal mit seinen aufgeklebten Prachtschinken öffnet sich. „Sherlock Holmes“ steht da in großen Lettern, korrekt lesbar nur in einer großen Spiegelwand. Willkommen in der Welt des bekanntesten, ebenso fiktiven wie unsterblichen Detektivs mit der Pfeife, der Lupe und der charakteristischen Hirschfängermütze.

Da steht auch schon Alex Werner, der so aussieht, wie man sich einen echten Holmes-Experten vorstellt: groß, hager, bleich, mit zurückgekämmten, blonden Haaren. „Haben Sie die Buchtitel beachtet?“, fragt der Leiter der historischen Sammlung im Museum of London begeistert und weist auf einen Autorennamen hin. Tatsächlich, da hat doch „Sherlock Holmes“ persönlich über „Geheimschriften und Verschlüsselung“ geschrieben, auch ein Fachbuch für Bienenzüchter trägt den berühmten Namen.

Wissenschaftliche Methoden

So fundiert wie spielerisch haben sich Werner und seine Kollegen einem Phänomen genähert, das zur britischen Hauptstadt gehört wie Big Ben und der rote Doppeldecker. Die Figur des Hieroglyphen-Fans, Spiritisten und Bienenzüchters Sir Arthur Conan Doyle (1859–1930) „ist eine der wichtigsten Ikonen Londons“, sagt der Kurator und deutet wie zum Beweis auf den nächsten Raum. Dort wartet eine Art von Trommelfeuer: Der Detektiv auf Plakaten aus aller Welt, die Theaterstücke, Ausstellungen, Filme bewerben.

Aber erst einmal wird aufgeblättert, aus welchen Ursprüngen Sherlock Holmes entstanden ist. Edgar Allan Poe (1809–’49), der „Erfinder“ des Kriminalromans, stand an Sherlocks Wiege wie die Unzufriedenheit des jungen Arthur Conan Doyle, der in Southsea als Arzt praktizierte. Eine Seite seines Notizbuches von 1886 zeigt die ersten Skizzen für eine Erzählung. Noch heißt Holmes mit Vornamen Sherrinford, noch trägt sein Assistent den Namen Ormond Sacker. Ein Jahr später wird „Eine Studie in Scharlachrot“ mit dem korrekt benannten Duo zum Sensationserfolg.

Zu den faszinierendsten Exponaten zählt ein Film aus dem letzten Lebensjahr des Autors. Darin berichtet Doyle über seinen Ärger bei der Lektüre von Detektivgeschichten: „Der Kriminaler schien immer entweder Glück oder eine Eingebung zu haben. Nie wurde vernünftig geklärt, wie er das Verbrechen aufgeklärt hatte.“ Der wissenschaftlich denkende Arzt hingegen ließ seinen Protagonisten wissenschaftliche Methoden anwenden, chemische Experimente durchführen, Fingerabdrücke prüfen.

Routiniert erzählt Doyle die Entstehungsgeschichte jenes Charakters, der ihm zu Segen und Fluch wurde. Ein Segen, natürlich, schließlich wurde aus dem unbekannten Medikus binnen weniger Jahre der bestbezahlte Autor der Welt. Und ein Fluch: Zeit seines Lebens ärgerte sich Doyle darüber, dass sein literarisches Werk stets auf den berühmten Detektiv reduziert wurde.

Dem jungen Autor stand der Sinn nach Höherem. Doyle wollte historische Romane schreiben, Bücher von literarischem Gewicht, keine Kriminalgeschichten. Schließlich hatte er genug: 1893 ließ er seinen Protagonisten im Kampf mit dem erzbösen Moriarty über die Reichenbachfälle bei Meiringen (Schweiz) stürzen. „Wenn ich ihn nicht getötet hätte, hätte er mich getötet“, teilte der Schriftsteller bestürzten Fans mit, die zum Zeichen ihrer Untröstlichkeit allen Ernstes mit Trauerflor durch London wanderten.

Fortgesetzte Drogensucht

Sherlock Homes bleibt uns bis heute rätselhaft. Er hat keine Familie, außer Watson und der Haushälterin Hudson keine Freunde, trägt autistische Züge, führt ein finanziell unabhängiges Boheme-Leben mit Depressionen und Drogen. Interessiert sich weder für Literatur noch für Philosophie, hat keine Ahnung von Anatomie und höchstens rudimentäre Kenntnisse der Politik. Aber er spielt sehr ordentlich Geige, mit der Chemie kennt er sich aus, und Sensationsberichte über schreckliche Verbrechen archiviert er sorgfältig.

All diese Charakteristika des Helden demonstrieren die Kuratoren durch liebevoll zusammengetragene Exponate. Die Ausstellung beschränkt sich aber keineswegs auf die Kunstfigur und seinen Schöpfer. Das Museum feiert auch seinen eigenen Namensgeber. Ein wesentlicher Bestandteil der Holmes-Geschichten ist London allemal, vom „dritten Protagonisten“ spricht Chefkurator Alex Werner liebevoll.

Als Doyle zur Schreibmaschine griff, stand das Zentrum des britischen Empire auf der Höhe seiner Macht. Eine vibrierende, dynamische Weltstadt an der Schwelle zur ersten Globalisierung, keineswegs nur im Winter gehüllt in eine Smogwolke aus Ruß, Kohlenstaub und Schwefel – der heute noch übliche verächtliche Beinamen „The big stink“ war damals gewiss gerechtfertigt. Der Nebel kommt freilich kaum vor in den Storys, warum auch? Holmes’ magisches Auge kann schließlich durchsehen. Wie durch ein Bücherregal.

Die Ausstellung Sherlock Holmes ist bis zum 12. April 2015 im Museum of London zu sehen. Erwachsene: 10,90 Pfund, Ermäßigung: 9 Pfund, Kinder unter 11 Jahren frei. Museumoflondon.org.uk