Berlin - Shermin Langhoff ist Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin und wurde von den Grünen für die Bundesversammlung nominiert. Wir sprachen unmittelbar vor der Abstimmung mit ihr.

Frau Langhoff, was bedeutet es Ihnen, Teil dieser Bundesversammlung zu sein?

Das werde ich vielleicht erst am Ende des Tages wissen. Ich erachte es auf jeden Fall als Wertschätzung meines politischen Engagements und meiner Einmischungen, die ich hier und da versucht habe. Deshalb habe ich die Aufgabe auch angenommen.

Von außen sieht das alles ein bisschen langweilig aus. Es gibt zwar mehrere Kandidaten. Aber es ist eigentlich klar, wer gewinnt. Wie finden Sie denn das?

Zunächst mal gibt es Dinge, die mich haben schlaflos werden lassen. Dass ich heute mit Faschisten zusammen wählen muss…

… Sie meinen die AfD.

Ja, das ist für die Bundesrepublik schon ein Novum. Wir sprechen nur noch darüber, ob sie bei der Bundestagswahl über oder unter zehn Prozent bekommen. Das sind auf jeden Fall herausfordernde Zeiten. Ganz so langeilig und lustig finde ich die Veranstaltung deshalb nicht.

Trotzdem noch mal zum Kandidaten und der Tatsache, dass das Ergebnis praktisch feststeht. Bedauern Sie das? Es gibt ja Leute, die sagen, das sei gar nicht richtig demokratisch.

Wir haben eine Verfassung. Und die kommt nicht von ungefähr, sondern man hat sich 1948/49 aufgrund der Lehren aus der Weimarer Republik gefragt: Brauchen wir überhaupt einen Bundespräsidenten? Können wir uns ein Staatsoberhaupt neben Parlament und Regierung noch leisten? Man hat sich dann entschlossen, das Staatsoberhaupt mit relativ wenig Macht auszustatten. Dass das mit einer repräsentativen Wahl durch das Parlament geschieht, finde ich sehr folgerichtig. Ich hätte mich allerdings gefreut, wenn es eine Frau als Kandidatin gegeben hätte. Das fehlt mir tatsächlich. Ansonsten ist Herr Steinmeier ein seriöser und wählbarer Präsident.

Wie sehen Sie ansonsten den Zustand der Demokratie in Deutschland? Sie sprachen das Thema schon an.

Zunächst mal sind wir kein ahistorisches Land. Für mich als Künstlerin ist der Nationalsozialismus nach wie vor Auftrag, in der Dialektik zu denken – nicht nur angesichts von sechs Millionen ermordeten Juden, sondern auch von Millionen anderen Menschen im Zweiten Weltkrieg. In dieser Dialektik machen wir Kultur und machen wir Politik. Anders wäre es doch gar nicht denkbar.

Das heißt, das, was wir heute haben, ist etwas, das wir sichern sollten?

Genau so ist das. Ich bin da, was Deutschland angeht, auch ganz optimistisch. Wir haben vielleicht die Möglichkeit, im Kampf um die Demokratie ein Vorbild zu sein. Demokratie ist eben ein Prozess und auch eine Utopie. Die Gründungsväter und –mütter haben nicht gewusst, was aus dieser Republik wird. Aber sie haben gewusst, woher sie kamen. Ihr Auftrag bleibt.

Mit anderen Worten: Sie halten die Demokratie für bedroht.

Im Moment funktioniert die Demokratie so, dass in ihr und mit ihr Diktatoren an die Macht kommen können. Deswegen ist sie natürlich auf dem Prüfstand; und das kann man so nicht stehen lassen. Ich kenne nämlich kein Instrument, das radikale Diversität besser organisieren könnte.

Was kann der Bundespräsident in diesem Sinne leisten – bei dem engen Korsett, das ihm das Grundgesetz vorgibt?

Es sind vor allem die symbolischen Taten, die Reden und die Besuche. Im Übrigen glaube ich, dass die Expertise in der Außen- und der Innenpolitik, die Herr Steinmeier mitbringt, nicht das Schlechteste ist für den Job. Denn wir leben heute in der Translokalität. Alles, was in der Welt geschieht, betrifft uns.

Kennen Sie Herrn Steinmeier persönlich?

Ja.

Und wie finden Sie ihn?

Ich mag Herrn Steinmeier.