Schon süß liegt er da, schlummert warm eingepackt und unschuldig vor sich hin. Türkisfarbene Babydecke und Stramplerapplikationen verraten uns auf den ersten Blick: Es ist ein Junge. Gesund und munter erblickte er vergangene Woche im Diakonissenkrankenhaus Dresden nicht nur das Licht der Welt.

Kaum zehn Tage alt, steht er bereits im Rampenlicht der Republik. Viele strampeln sich dafür ihr ganzes Leben umsonst ab. Aber dem neuen Erdbewohner hat man seinen unfreiwilligen Ruhm bereits mit dem Namen in die Wiege gelegt: „Sturmhorst Siegbald Torsten“. Sofort machte ein Bild mit einem Screenshot der Neugeborenengalerie des Krankenhauses auf Twitter die Runde.

Das Donnerwetter folgte prompt: Sturmhorst? Siegbald? Das klingt nicht gerade nach einem Trendnamen, eher nach einem braunsumpfigen Wink aus deutschnationaler, arg militaristischer Vergangenheit.

Selbst gut gemeinte Rettungsmanöver entwickeln sich zum Rohrkrepierer:

Kaum im Netz purzelte das „Dresdner Baby mit dem Nazi-Namen“ durch etliche Blogs. Bei Kraftfuttermischwerk etwa – und erhielt auch entsprechende Reaktion:

Schlecky Silberstein heißt unseren neuen Mitbürger „Wilkommen im Leben, Sturmhorst“ und gratuliert „zu einem einzigartigen Namen, mit dem man zwar nur NPD-Funktionär oder Wettermann werden kann, aber Einzigartigkeit hat nunmal ihren Preis.“

Auch hier fällt das Echo überwiegend einseitig aus. Gerne würde man das Wort „Shitstorm“ in diesem Zusammenhang vermeiden. Man muss es aber wohl so nennen:

Wie er da so arglos liegt, kann man sich den Kleinen im Augenblick nur schwer in Stahlhelm, Sturmgewehr und Stechschritt vorstellen. Seinen Ruf hat er dennoch weg.

Sturmhorst Siegbald Torsten also. Nur, was soll er uns mitteilen? Soll er überhaupt etwas mitteilen? Ist die deutschtümelnde Absicht in der Namensgebung so eindeutig, wie mehrheitlich in den reflexartig veröffentlichten Kommentaren angenommen wird? Oder dichtet man dem Kleinen jetzt schon einen Ruf an, mit dem er ein Leben lang zu kämpfen hat? Ist der Shitstorm gerechtfertigt? Manche zweifeln das an:

Im Laufe des Dienstagvormittag war das Bild des kleinen „Sturmhorst“ aus der Babygalerie verschwunden. Das Medieninteresse war offenbar zu groß. Natürlich ist pikant, dass ein solcher Name in dieser Kombination vergeben wird. Noch dazu in Dresden, dem Urquell der rechtskonservativen Pegida-Bewegung.

Doch muss der Name „Sturmhorst“ allein deswegen ein Nazi-Name sein? Nicht unbedingt. Gabriele Rodriguez von der Leipziger Namenberatungsstelle erklärt, dass „Sturmhorst“ durchaus eine andere Bedeutung haben kann.

Der Trend geht zu altgermanischen Namen

„Sturm“, der erste - und den allgemeinen Empfindungen nach klar „heiklere“ - Teil im Namen war vor allem ein vor 100 Jahren üblicher Bestandteil deutscher Namen. Zu dieser Zeit hatten rückbesinnende Namen, die etwa aus dem Griechischen und Lateinischen übertragen wurden, Hochkonjunktur.

„Sturm“ ist wieder im Kommen. Die Namenberatung hat aktuell drei Mal Sturmhardt, neun Mal Sturmhard, 15 Mal Sturmi (der Pausenhof lässt grüßen) und 36 Mal Sturmius gelistet. Quer in der Republik verteilt, aber nicht in der deutschen Hauptstadt, Berlin ist Sturm-frei.

Viele junge Menschen möchten sich an Tradition und bodenständigen Werten orientieren und drücken das in Namensgebungen aus. Weil solche Vornamen so selten sind, sind sie auch beliebter. Vor allem in Ostdeutschland. Das ist bedauerlich für alle Ingos, Kevins, Mandys und Jacquelines. Ihre Zeit ist abgelaufen. Ein robustes, altgermanisches „Sturm“ klingt einfach schicker, weil exklusiver. „Küss mich, Sturm!“ Wer hält da schon stand?

Vieles ist erlaubt, aber noch mehr nicht sinnvoll

Zurück geht der Name „Sturm“ auf den Heiligen Sturmius - einen Fuldaer Abt, der im 8. Jahrhundert lebte. Heutzutage ist die niederdeutsche und niederländische Variante „Storm“ sehr gebräuchlich. Dann und wann registriert sich auch mal ein „Sturm“ in Deutschland. Aber Abwandlungen sind beliebter.

Ganz unbestreitbar ist eine Reihe von Namen, Symbolen und Metaphern historisch nicht nur vorbelastet, sondern nachhaltig ruiniert. Wer sie dennoch - ganz gleich mit welcher Absicht - verwendet, muss sich zu Recht auf Gegenwind einstellen. Insgesamt ist die Namensgebung in Deutschland inzwischen freier geworden und erlaubt selbst religiöse Bezüge. Im Register der Namenberatung ist eine Dame eingetragen, die da heißt: „Swastika“.

Krankenhaus berichtigt: Alles nur ein Missverständnis

Am Dienstagnachmittag dann gab das Diakoniekrankenhaus eine Pressemitteilung heraus, in der es heißt: Alles ein großer Irrtum. „Bei der Weitergabe des Namens ist leider ein Fehler unterlaufen.“ Der in den Medien kommunizierte Name sei falsch und von den Eltern nie vorgesehen gewesen. Der Vorstand der Diakonissenanstalt Dresden bat die Eltern für diesen Fehler in aller Form um Entschuldigung. Den Eltern sei es wichtig zu betonen, dass ihnen jegliches rechtextremes Gedankengut fernliege.

Später will das Dresdner Rathaus die Lage beruhigen und nennt den richtigen Namen des Kindes. Nicht Sturmhorst sondern Sturmhart sei der erste Vorname. Was die Sache nicht unbedingt besser macht. Aber da war die Twitter-Aufregung ohnehin nicht mehr zu stoppen.