Wieviel vom Minimalismus der Corona-Zeit ist nach den Lockerungen noch übrig geblieben?
Foto:  Ana Galvan

Berlin - An einem Sonntagabend saß ich auf meiner Couch. Die Augen müde auf meinen Handy-Bildschirm gerichtet, die Beine überschlagen, neben mir eine alte Kaffeetasse vom Morgen, die oben am Rand einen Sprung hat. Ich scrollte mich gerade durch meinen Newsfeed. Die Duchess of Cambridge shoppte Blumen in einem Gartencenter für ein Kinderhospiz in Norfolk.

Wie immer sah sie dabei fabelhaft aus, strahlte über das ganze Gesicht. Ihr Outfit inspizierte ich dabei natürlich gründlich. Sie trug eine schwarze Jeans, dazu eine hellblaue Bluse und darüber eine Weste. Die Weste, dachte ich, hatte sie besonders passend ausgewählt. Die Duchess hat nämlich keine privaten Stylisten, sondern entscheidet selbst, was sie anzieht. Wen es überrascht, dass ich so etwas weiß, der ahnt vielleicht, wie ausgiebig ich mich mit der Garderobe der Duchess beschäftige. Ja, viel. Ihr Lieblingsdesigner ist Alexander McQueen. Mehrere hundert, ab und zu Tausende Euro, kosten dessen Kleider und Kostüme. Wirklich total verrückt, manchmal trägt die Duchess auch ganz normale Marken für den Pöbel, von Zara oder Gap.

Plötzlich war da Geld

Wenn sie sich damit in der Öffentlichkeit zeigt, dauert es meist nicht lange, bis die Sachen restlos ausverkauft sind. Weil die normal verdienende Frau, die längst mal wieder einen Haarschnitt braucht, zur Abwechslung einen Hauch Royalness zwischen Stoff und Haut spüren möchte, wenn sie sich vor den Spiegel stellt. Und so traf mich dann der Schlag, als ich auf dem nächsten Foto die Duchess von vorne sah. Das Label war deutlich zu erkennen. Nicht Alexander McQueen. Ein kleiner Fuchs links auf ihrer Brust verriet mir, wo sie die Weste her hatte. Fjällräven! Und damit fing der Schlamassel an.

Wenn mir etwas von der Corona-Pandemie in Erinnerung bleiben wird – also abgesehen von der Angst vor Ansteckung und davor, dass das Klopapier ausgeht –, dann, dass ich zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben als Verdienende so wenig Geld ausgeben habe, nicht mal in Zeiten, in denen ich mich spektakulär im Dispo befand. Kein Shopping. Keine Restaurants. Keine Konzerte. Keine Reisen. Das ausschließliche Einkaufen von Lebensmitteln machte sich schnell auf meinem Konto bemerkbar. Plötzlich war da Geld. Nicht wahnsinnig viel, aber die sonst so vielen roten Minusbeträge meiner sonst so bescheuerten Shoppingausgaben waren verschwunden.

Ich bin kein vernünftiger Mensch. Wenn ich einer wäre, hätte ich das Konzept Sparen längst für mich entdeckt. Aber leider gebe ich viel zu gerne aus, was ich verdiene. Manchmal auch sogar den Teil, der eigentlich für das Finanzamt ist. Es ist wirklich ein eigenartiges Gefühl, wenn man immer geglaubt hat, dass man dieses oder jenes Teil wirklich braucht und dann während so etwas absurdem wie einer Quarantäne feststellt, dass viele Anschaffungen eigentlich völlig unnötig sind. Gesundheit ist wichtig. Familie ist wichtig. Naja, Klopapier ist wichtig, aber da gehe ich mal besser nicht ins Detail. Die große Erkenntnis: Im Angesicht der Krise braucht man einen klaren Kopf, einen guten Arzt, gute Nachbarn, aber ganz sicher keine neuen Pumps.

Corona war also meine Chance, ein für alle Mal meine Unfähigkeit mit Geld umzugehen zu besiegen. Von jetzt an, dachte ich, werde ich sehr viel minimalistischer leben, so wie diese nette Japanerin, der ich auf Instagram folge. Corona hat mich das Sparen gelehrt. Dachte ich. Dann kamen die ersten Lockerungen, Restaurants und Geschäfte machten wieder auf. Von allen Seiten hörte man, wie wichtig es nun sei, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Zuschüsse für Selbständige wurden über Nacht bewilligt, eine Einmalzahlung von 300 Euro für Eltern wurde versprochen. Alle schrien: „Kauft Leute, kauft, damit es uns bald wieder besser geht!“

Einkaufen als sozialer Akt?

Im Fernsehen sah ich einen Experten, mit seiner Hand vor einer Grafik fuchtelnd, der mir vorrechnete, dass sich die Wirtschaft im nächsten Jahr erholen würde, sogar ein Plus verzeichnen könnte, wenn der Shutdown nur bis Juni anhielte. Verlängere sich die Phase des Shutdowns, so die Prophezeiung des Experten, der mich an meinen Mathelehrer erinnerte, könnte es eng für uns werden! Da schaltete ich sofort um. Meine guten Vorsätze? Ich würde lügen, wenn mich das gesparte Geld auf meinem Konto nicht zum Ausgeben verführt hätte. Zumal es offensichtlich auch der deutschen Bevölkerung zugutekäme, wenn ich ordentlich Kohle verbrannte. Einkaufen als sozialer Akt.

Beim Bäcker schob ich den 10-Euro-Schein über die Theke und sagte durch meine Mundschutzmaske laut und deutlich: „Stimmt so.“ Auch am Kiosk verzichtete ich auf mein Wechselgeld. Und in meiner Lieblingsbuchhandlung bestellte ich einen Titel mehr, als ich eigentlich Zeit hatte zu lesen. Auf der anderen Seite: Geplant war eine zweiwöchige Reise nach Schweden, die wir rechtzeitig stornierten. Wir machen jetzt Urlaub in Brandenburg.

Es ist die alte Geschichte von der Milchmädchenrechnung. Der Begriff geht auf den französischen Dichter Jean de la Fontaine im 17. Jahrhundert zurück. Der Bursche muss wohl eine wie mich gekannt haben. Ein Milchmädchen, das sich auf dem Weg zum Markt macht, stellt sich vor, was sie sich alles von dem Erlös für ihre Milch kaufen könnte. Sie hüpft vor Freude und dabei fällt ihr der Topf herunter und zerbricht. Eine naive Rechnung also, die nicht aufgehen kann.

Und da sind wir wieder bei der Weste. Natürlich googelte ich wie eine Irre danach. Fjällräven ist zwar keine billige Marke, aber noch nicht teuer genug, als dass ich mir das gute Stück nicht wenigstens mal genauer anschauen könnte.

200 Euro einerseits, andererseits...

Es dauerte nicht lange und schon fand ich sie im Onlineshop. 200 Euro kostete die Weste! Es ist jene magische Summe, die zum Verhandeln mit einem selbst einlädt. Einerseits sind 200 Euro für ein einzelnes Kleidungsstück eine Menge Geld. Andererseits habe ich es mir verdient. Man hat es sich schließlich immer verdient. So wie das Kleid, die Sonnenbrille und die Sandalen, die ich erst zwei Wochen zuvor verdient hatte. Und selbstverständlich hatte ich sie in dem kleinen Laden um die Ecke gekauft, um ihn zu unterstützen. Machte ich mir selbst etwas vor? War ich wirklich schon wieder in alter Form, noch bevor die Kita meines Sohnes ihren Regelbetrieb wieder aufgenommen hatte? Oder war ich sogar schlimmer als jemals zuvor?

Bei Fjällräven war die Weste bereits ausverkauft. Natürlich! Die Bilder von der wunderschönen Duchess waren schon ein paar Tage alt. Und auch in drei weiteren Shops ließ sich keine Weste mehr ergattern, bis ich schließlich einen fand, der sie noch in einer einzigen Größe auf Lager hatte. In diesem Moment brach ein Lichtstrahl in der Dunkelheit meines Wohnzimmers direkt zu mir hindurch, ein Kinderchor sang leise Hallelujah. Es war meine Größe.

Gerne würde ich jetzt schreiben, ich hätte aus der Corona-Krise etwas gelernt. Aber die Wahrheit ist, ich bin kein besserer Mensch geworden. Ich habe die Weste gekauft. Der Gedanke an diese Weste macht mich unglaublich glücklich. Eines Tages werde ich vermutlich verarmt sterben. Völlig okay, solange ihr mich in meiner Weste begrabt. Die Duchess of Cambridge hatte genau die gleiche.