Washington - Die hochbrisanten Papiere wurden im Schutze der Nacht angeliefert. „Die zusätzliche Hintergrunduntersuchung zu Richter Kavanaugh ist angekommen“, twitterte Chuck Grassley, der Vorsitzende des Justizausschusses im US-Senat, um 4.07 Uhr am Donnerstagmorgen. Bis spät in den Abend hatten Demonstranten vor und im Kongressgebäude gegen die Berufung des hochumstrittenen Juristen an den wenige hundert Meter entfernten Supreme Court protestiert. „Wow, soviel Enthusiasmus und Energie für Brett Kavanaugh“, twitterte zur gleichen Zeit US-Präsident Donald Trump: „Schaut auf die Umfragen. Etwas Großes passiert.“

Showdown noch am Wochenende wahrscheinlich

Seither besteht kein Zweifel mehr, dass die Republikaner ihren ultrakonservativen Kandidaten, der die Mehrheit am obersten Gericht für Jahrzehnte nach rechts verschieben könnte, um jeden Preis durchpeitschen wollen. In einem Geheim-Leseraum im Keller des Senats wurden die FBI-Untersuchungen um 8 Uhr am Donnerstagmorgen amerikanischer Zeit den 100 Senatoren zugänglich gemacht. Sie dürfen nicht kopiert und über ihren Inhalt darf nicht gesprochen werden. Es wurde erwartet, dass das Verfahren viele Stunden dauert.

Trotzdem hat Mehrheitsführer Mitch McConnell bereits für diesen Freitag eine Verfahrensabstimmung im Senat angesetzt. Mindestens 30 Stunden später könnte dann die endgültige Berufung im Plenum des Senats abgestimmt werden, in dem die Republikaner eine hauchdünne Mehrheit von zwei Stimmen halten. Amerikanische Medien rechnen mit dem Showdown noch am Wochenende.

Der 53-jährige Kavanaugh, der sich der Öffentlichkeit als liebender Familienvater, überzeugter konservativer Katholik und leidenschaftlicher Baseball-Fan präsentiert hatte, sieht sich mit schwereren Vorwürfen konfrontiert. Drei Frauen beschuldigen ihn der sexuellen Nötigung oder versuchten Vergewaltigung zu Schul- oder Studienzeiten. Mehrere Studienkollegen haben ausgesagt, dass Kavanaugh entgegen seiner Darstellung zu Uni-Zeiten heftig dem Alkohol zusprach, an wilden Sauf-Parties teilnahm und dort die Kontrolle über sich verlor. Nach der Anhörung von Kavanaugh hatte ein republikanischer Senator eine zusätzliche FBI-Untersuchung durchgesetzt, deren Ergebnisse nun vorliegen.

Scharfe Kritik an FBI-Untersuchung

Allerdings hatte die Bundespolizei auf Weisung des Weißen Hauses nur wenige Tage Zeit und konnte nur neun Zeugen befragen. So wurden weder die Hauptanklägerin Christine Blasey Ford, eine Psychologieprofessorin, noch die Anklägerin Julie Swetnick befragt. Auch mehrere Studienkollegen von Kavanaugh, die seinen exzessiven Alkoholkonsum bestätigen wollten, kamen nicht zum Zuge. Befragt wurde hingegen die Anklägerin Deborah Ramirez, der Kavanaugh angeblich bei einer Party seinen Penis ins Gesicht drückte. Auch drei Freunde, die bei der Party anwesend gewesen sein sollen, bei der Kavanaugh angeblich die damals 15- oder 16-jährige Ford zu vergewaltigen versuchte, wurden vernommen. Sie hatten schon vorher erklärt, dass sie sich an nichts erinnern können.

Sowohl Ford wie auch Ramirez kritisierten die FBI-Untersuchung scharf. „Wir sind nach dem enormen Opfer, dass sie (Ford) durch ihren öffentlichen Auftritt erbracht hat, äußerst enttäuscht, dass diejenigen, die die FBI-Untersuchung dirigieren, an der Wahrheit nicht interessiert sind“, erklärten die Anwälte von Ford. Ramirez berichtete dem Magazin New Yorker, das FBI habe sich fünf Tage lang bei ihr nicht gemeldet und dann sehr kurzfristig ein Interview angesetzt. An weiteren Zeugen habe kein Interesse bestanden: „Ich fühle mich, als habe man mich zum Schweigen gebracht.“

Berufung Kavanaughs soll um jeden Preis durchgepeitscht werden

Tatsächlich erklärte das Weiße Haus bereits in der Nacht zum Donnerstag, der FBI-Bericht enthalte keine Bestätigung der Vorwürfe gegen Kavanaugh. Präsident Trump, der sich anfangs zurückgehalten hatte, machte sich am Dienstag bei einer Wahlveranstaltung über Ford lustig. „Die harte und unfaire Behandlung von Richter Brett Kavanaugh hat einen unglaublich positiven Einfluss auf die Wähler“, jubelte er am Donnerstag bei Twitter. Zuvor hatte die Nachrichtenseite Axios über mehrere teils interne Umfragen der Republikaner berichte, denenzufolge der Kulturkampf um Kavanaugh die rechte Basis elektrisiert und die Republikaner in kritischen Bundesstaaten an Unterstützung gewinnen.

Dementsprechend will Trumps Partei die Berufung von Kavanaugh um jeden Preis durchpeitschen. Alles hängt nun von drei republikanischen Senatoren ab, die sich zuletzt kritisch gegenüber der Personalie äußerten. Umgekehrt könnte der Richter jedoch die Stimmen von zwei demokratischen Senatoren erhalten, die um ihre Wiederwahl in konservativ geprägten Staaten fürchten.