Gemeinsam durch diese Quarantäne zu kommen, ist eine Bewährungsprobe. Die Straßen in Madrid gehören bis auf weiteres dem Militär. 
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MadridAuf dem Weg zum Bad fällt mir plötzlich der Filmtitel ein: „40 Quadratmeter Deutschland“. Das sind die 40 Quadratmeter einer Hamburger Hinterhofwohnung, auf denen sich Tevfik Basers Drama aus dem Jahr 1985 abspielt. Ich lebe mit meiner Frau auf 140 Quadratmetern in Madrid. Das ist kein Drama, das ist Luxus. Aber eingesperrt sind wir auch.

Heute, Mittwoch, ist der vierte Tag der Quarantäne, die Spaniens Regierung in der Nacht zum Sonntag über das ganze Land verhängt hat. Erinnerst du dich an den Spaziergang im Park am Samstagvormittag?, frage ich meine Frau, und sie lacht. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, schreibt Rilke in seinem Herbstgedicht. Wir sind nicht allein. Gemeinsam durch diese Quarantäne zu kommen, ist eine Bewährungsprobe wie eine Hochzeitsreise im Winter nach Irland. Wir sind optimistisch.

Hund für viele die einzige Erlaubnis vor die Tür zu gehen

Man darf noch vor die Tür. Hauptsächlich um zur Arbeit zu gehen, die Wirtschaft soll nicht ganz zum Erliegen kommen. Meinen Arbeitsplatz habe ich in meiner Wohnung. Bleiben: Gänge zum Supermarkt und zum Zeitungskiosk. Und um den Hund auszuführen. Unsere Freunde beneiden uns um den Hund, der gar nicht unserer ist, sondern der meiner Schwägerin, die ihn uns immer wieder ausleiht. Seit Freitag ist er bei uns, ein Glück. Am Dienstag wurde ein Mann in Palencia von der Polizei angehalten, weil er einen Stoffhund ausführte. Er zeigte sich einsichtig und musste keine Strafe zahlen. Es gibt ein Video davon, das ein ungläubiger Nachbar von seinem Fenster aus drehte.

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Auf einem anderen Video schimpft ein Polizist aus Móstoles, einer Vorstadt von Madrid, über die Idioten, so nennt er sie, die noch auf der Straße sind, ohne einen guten Grund dafür zu haben. Hört zu, sagt er, einkaufen ja, aber im nächsten Supermarkt, nicht am anderen Ende der Stadt. Gassi gehen ja, aber einmal um den Block, keine ausgedehnten Spaziergänge. Verdammt!

Am Dienstagmorgen nehme ich den Hund mit zum Kiosk, dann gehe ich weiter, einen Block, noch einen Block, bis an den Rand des Parks, dort macht er endlich, was er machen soll. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Andererseits sind Spaziergänge in der Quarantäne kein Vergnügen. Die Leute schlagen große Bögen umeinander. Der Mitmensch ist ein potenzieller Virenträger. Kaum einer schaut den anderen an, als wären Blicke ansteckend.

Jeder Mitmensch ist ein potenzieller Virenträger

Als ich in die Wohnung zurückkehre, macht meine Frau Gymnastik im Wohnzimmer. Dafür geht sie sonst ins Fitnessstudio, aber die sind schon lange geschlossen, noch vor der großen Quarantäne. Mein Pilates-Studio schickt mir Videos, damit ich nicht verlottere, meine Frau macht die Übungen. Alles lässt sich jetzt per Video, App oder im Netz machen. Museumsbesuche, Opernabende, Trivial Pursuit spielen. Meine Schwiegermutter, die im April 80 Jahre alt werden will, spielt Mensch-ärgere-dich-nicht gegen sich selbst. Ich habe sie alle geschlagen, sagt sie. Ihren Geburtstag werden wir kaum gemeinsam feiern können.

Wir schauen uns nützliche Videos an, wie man sich selbst aus Taschentüchern Kaffeefiltern oder Büstenhalterkörbchen einen Mundschutz basteln kann. Die wenigsten hier tragen einen, außer den Ladenangestellten. Sie wären auch lieber unter Quarantäne. Es gibt schon lange keine Gesichtsmasken mehr zu kaufen. Wenn es anfängt zu regnen, stehen an den Metroausgängen sofort Menschen, die einem Regenschirme verkaufen. Wenn eine Virusepidemie ausbricht, geht das Schutzmaterial aus. Am Sonntag richtet der Vizepräsident der Region Kastilien und León einen dramatischen Aufruf an Firmen und Privatleute, die möglicherweise Masken oder Schutzanzüge auf Lager hätten, diese den Krankenhäusern zu spenden.

Der Aufruf hat Erfolg, das Material kommt kistenweise. Eine Ärztin teilt ein Video für andere Ärzte, in dem sie zeigt, wie sich ein Gesichtsschutz aus dem Klarsicht-Vorderblatt eines Schnellhefters bauen lässt. Andere Ärzte gehen in den Baumarkt, um sich Schweißermasken zu kaufen. Am Dienstagabend berichtet das Gesundheitsministerium, dass am Flughafen von Zaragoza 500 000 OP-Gesichtsmasken aus Shanghai angekommen seien. Eine Spende aus China.

„Wir versuchen das Krankenhaus so weit wie möglich zu leeren“

Die Lage ist wahrscheinlich dramatischer, als sie aussieht. Es gibt keine Bilder aus den Krankenhäusern. Das wäre das Letzte, dass Journalisten jetzt den Betrieb stören.

Das Audio einer Ärztin aus Burgos geht um. Ich gehe der Sache nach: Ja, die Aufnahme ist echt, die Ärztin hat sie ihrer Familie geschickt, die hat sie weitergeleitet, was so eigentlich nicht gedacht war. Die Ärztin will nicht beim Namen genannt werden, hat aber nichts dagegen, dass aus ihrer Aufnahme zitiert wird: „Was wir versuchen, ist das Krankenhaus so weit wie möglich zu leeren, weil wir davon ausgehen, dass es sich mit Coronaviruspatienten füllen wird. Auf der Intensivstation sind wir gut vorbereitet, aber gestern zum Beispiel kamen mittags fünf Patienten mit schwerer respiratorischer Insuffizienz auf einmal, infiziert mit dem Coronavirus, und ohne Intubation wären sie gestorben.

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Das war der Moment, wo es nicht genügend Schutzmaterial für alle gab, die Chefs mussten bei anderen Krankenhäusern anrufen, auch um Extramaterial zu haben, weil wir davon ausgehen, weit mehr Patienten zu bekommen. Die meisten schweren Fälle auf der Intensivstation sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Ehrlich gesagt war ich gestern erschrocken. Es ist ziemlich hart, all die Patienten intubiert und in schlechtem Zustand zu sehen. Bitte passt auf euch auf, denn es scheint, dass wir im Moment genügend Ressourcen haben, aber es kann der Augenblick kommen, in dem sie beschränkt sein werden. Kopf hoch, bleibt alle schön zuhause, und das war’s.“ Die Aufnahme ist vom Sonntag. Die Zahl der Patienten steigt täglich.

Niemand will zum Arzt, auch nicht zum Zahnarzt

Pünktlich mittags um 12 Uhr gibt das Gesundheitsministerium die aktuellen Daten heraus. Positiv getestet sind am Mittwoch 13.716 Menschen. Gestorben sind insgesamt 598, davon 107 in den vorangegangenen 24 Stunden, allein acht in einem Altenheim in Vitoria. Auf den Intensivstationen liegen 774 Patienten. In ganz Spanien gibt es 4627 Intensivbetten. Ohne die Generalquarantäne wären sie bald alle mit Coronaviruspatienten belegt.

El País berichtet, dass die Zahl der Transplantationen seit Freitag deutlich zurückgegangen ist, weil die Kapazitäten dafür fehlen. Organtransplantationen sind in normalen Zeiten der Stolz des spanischen Gesundheitssystems, kein anderes Land der Welt ist darin so erfolgreich wie Spanien. Das Coronavirus kostet Leben, nicht nur das von Infizierten.

Martin Dahms hat seinen Arbeitsplatz in der Wohnung. 
Foto: Rosa Moral

Ein Zahn tut mir weh. Niemand will jetzt zum Arzt, auch nicht zum Zahnarzt. Alle sitzen zuhause und hoffen, dass sie gesund bleiben. Jeder Huster, jeder Nieser, jedes leichte Unwohlsein ist ein Alarmzeichen. Wer glaubt, dass er Hilfe braucht, muss sich mit Geduld wappnen. Alle Notruftelefone sind überlastet. Wird der Anruf endlich entgegengenommen, ist der wahrscheinlichste Ratschlag, den man zu hören bekommt, zuhause zu bleiben. Bei leichten Verdachtsfällen wird kein Test gemacht, dafür fehlt es an Laborkapazitäten. Die Zahl der Infizierten ist sicher deutlich höher als die der positiv Getesteten. Noch diese Woche sollen Schnelltests kommen, die ein realistischeres Bild der Lage erlauben.

Das Baskenland und Galicien haben ihre für den 5. April geplanten Regionalwahlen abgesagt.

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Ministerpräsident: „Das härteste kommt noch“

Irgendetwas ist schief gelaufen in Spanien. Ein holländischer Kollege und Freund versucht den Spezialisten für Infektionskrankheiten Oriol Mitjà zu interviewen. Es klappt aber nicht, er hat etwa hundert Interviewanfragen. Mitjà ist so etwas wie der Nouriel Roubini (der Mann, der die Finanzkrise von 2008 voraussagte) der spanischen Coronaviruskrise. Als Mitte Februar aus Furcht vor Covid-19 der Mobile World Congress in Barcelona abgesagt wurde, fassten sich die meisten Leute in der katalanischen Hauptstadt wegen solcher Hasenfüßigkeit an den Kopf.

Mitjà nicht. Er forderte, jeden Verdachtsfall zu testen, nicht nur Verdachtsfälle, die gerade aus China oder später aus Italien eingereist waren. Aber auch Mitjà unterschätzte die kommende Krise. Er rechnete für den März in den großen Städten wie Barcelona und Madrid mit täglich zwei bis drei neuen Fällen. Nun sind es Hunderte. Jetzt fordert Mitjà eine weit schärfere Quarantäne: die Schließung der öffentlichen Verkehrsmittel und der Arbeitsstätten. Und er fordert den Rücktritt des spanischen Notfallkomitees, das die Regierung berät. Schlecht berät, wie er findet.

„Das härteste kommt noch“, sagt Ministerpräsident Pedro Sánchez am Mittwoch vor einem fast leeren Parlament. Die Opposition übt Detailkritik, stellt sich aber hinter die Virusbekämpfungsstrategie der Regierung.

Die Nachrichten verleiden mir den Gang auf die Straße. Auch meiner Frau. Sie hat aber gerade eingekauft. Im Supermarkt bekommt man am Eingang Gummihandschuhe und wird erst eingelassen, wenn ein anderer Kunde den Laden verlässt. Sie zeigt mir ihre Trophäe: eine Packung Klopapier. Wirklich war es in den vergangenen Tagen für Spätaufsteher wie uns schwer, Klopapier zu ergattern. Während es so aussah, als kämen die Fabriken mit der Klopapierproduktion nicht hinterher, nahmen die Klopapierwitze kein Ende. Der bisher letzte: Das Video eines Mannes, der seine Rechnung an der Bar mit Klopapierblättern begleicht.

Humoristen haben in diesen Zeiten eine wichtige Aufgabe

Ich weiß nicht, ob es an dieser ziemlich surrealen Gesamtsituation liegt, dass ich mich über diese Witze ausschütte. Ich kann gar nicht genug von Klopapier- und anderen, über Whatsapp geteilten Witzen bekommen. Die Humoristen haben gerade eine großartige Aufgabe zu erfüllen. Sie halten uns bei Laune, mich jedenfalls. „Lieber Gott, ich bat dich, nichts mehr über Katalonien zu hören. Aber die Sache ist dir entglitten.“ Finde ich komisch.

An diesem Mittwochabend um acht Uhr werden wir wieder ans Fenster oder auf den Balkon treten, um unsere Helden an der Gesundheitsfront zu beklatschen. Um neun wird König Felipe eine Ansprache halten, was überfällig war, aber zugleich wegen der jüngsten Enthüllungen über die Königsfinanzen in einem schlechten Moment kommt. Manche wollen ihre Kochtöpfe hervorholen, um damit gegen die Monarchie zu lärmen. Es geht uns hier noch gut genug, um uns wegen solcher Sachen zu echauffieren. Es ist auch erst Tag vier einer Quarantäne, deren Ende niemand absieht.