Der angeklagte Stephan B. (r.) und sein Verteidiger Hans-Dieter Weber vor Beginn der Verhandlung.
Foto: dpa/Hendrik Schmidt

MagdeburgDie Mutter des Attentäters von Halle hatte offenbar frühzeitig Hinweise darauf, dass ihr Sohn eine größere Straftat vorbereitet. Eine Zeugin sagte im Prozess gestern aus, dass die Mutter bereits knapp zwei Monate vor dem Anschlag auf die Hallesche Synagoge entsprechende Andeutungen gemacht habe. Dass sie konkrete Kenntnis hatte vom Vorhaben ihres Sohnes, dafür gibt es jedoch keine Hinweise.

Am zweiten Verhandlungstag nach der Sommerpause des Gerichts war eine Schulleiterin aus Helbra, die ehemalige Vorgesetzte der Mutter des Angeklagten Stephan B., als Zeugin geladen. Frau B. hatte an der Grundschule in Helbra Deutsch, Sachkunde und Ethik unterrichtet und eine Klasse als Klassenleiterin geführt. Die Schulleiterin war 2009 nach Helbra gekommen und hatte seitdem ein sehr gutes kollegiales, gleichwohl nicht freundschaftliches Verhältnis zu der Mutter des Angeklagten.

Vor Gericht beschrieb die Schulleiterin ihre ehemalige Kollegin als eine „erfahrene, gut ausgebildete Lehrerin, auf die ich mich verlassen konnte“. Die Frau sei anderen Kollegen gegenüber nicht sehr aufgeschlossen gewesen, aber zu ihr, der Schulleiterin, habe sie ein recht gutes Verhältnis gehabt. In Pausengesprächen habe Frau B. immer wieder von ihrem Sohn erzählt, sagte die Zeugin. „Ich hatte den Eindruck, dass ihr Sohn sehr wichtig war für sie. Sie hat ihn vielleicht nicht vergöttert, aber doch sehr geliebt“, sagte sie. So habe sie durch die Mutter auch von der schweren Erkrankung von Stephan B. in den Jahren 2013/14 erfahren und davon, dass er auch Jahre später angeblich noch nicht gesund genug sei, um eine Ausbildung anzutreten. Allerdings sei sie ihm in dieser Zeit ab und zu in der Stadt begegnet und habe den Eindruck gehabt, dass er wieder recht wohl aussehe, sagte die Zeugin noch. „Der sah aus wie das blühende Leben und ich dachte bei mir, so krank kann der ja gar nicht mehr sein.“

Ich habe aus ihren Andeutungen den Eindruck gewonnen, dass er eher rechtsorientiert und mit dem Staat nicht einverstanden war.

Die Schulleiterin und Vorgesetzte der Mutter von Stephan B.

Im August 2019, während der Vorbereitungswoche auf das neue Schuljahr, fiel der Schulleiterin nach eigener Aussage eine Veränderung im Verhalten der Mutter von B. auf. „Sie wirkte dünnhäutig und empfindlich, erstmals geriet sie sogar mit mir in Konflikt“, erinnerte sich die Zeugin. „Ich habe damals zu einer Kollegin gesagt, was ist bloß mit ihr los.“ Später habe sie von einer anderen Kollegin erfahren, dass Frau B. in dieser Zeit in einem Pausengespräch dunkle Andeutungen gemacht habe. „Sie hatte gesagt: Ich habe große Angst, dass bald etwas Schlimmes passiert“, schilderte die Zeugin. Sie habe auch erzählt, dass ihr Sohn nur noch auf Englisch mit ihr kommuniziere. „Sie sagte, manchmal müsse sie sogar im Wörterbuch nachschlagen, weil sie einige seiner Worte gar nicht verstand.“

Zu dieser Zeit, im Sommer 2019, bereitete Stephan B. bereits sein Attentat vor. Einem BKA-Auswerter zufolge, der ebenfalls gestern als Zeuge im Prozess gehört wurde, hatte der Angeklagte spätestens im März 2019 mit der Arbeit an seinen wirren schriftlichen Pamphleten in englischer Sprache begonnen, mit denen er im Internet seine spätere Tat begründen wollte. Gut anderthalb Monate nach dem Pausengespräch, in dem die Mutter ihre Sorge der Kollegin mitteilte, verübte Stephan B. am 9. Oktober 2019 den Anschlag auf die Synagoge und einen Dönerladen in Halle und tötete dabei zwei Menschen.

Die Vorsitzende Richterin wollte von der Schulleiterin noch wissen, ob Frau B. ihr etwas über die politische Einstellung ihres Sohnes erzählt habe. „Nicht direkt, aber ich habe aus ihren Andeutungen den Eindruck gewonnen, dass er eher rechtsorientiert und mit dem Staat nicht einverstanden war“, antwortete die Zeugin. Es habe ihn nach Aussagen der Mutter zum Beispiel gestört, dass es so viele unterschiedliche Kulturen in Deutschland gebe. Aus ihrer Sicht habe die Mutter aber nicht erkennen lassen, ob sie die Positionen ihres Sohnes teile.

Und dann konnte sich die Schulleiterin noch an eine ungewöhnliche Episode erinnern. Es war ein Gespräch mit einem Experten für Autismus, der sich einen auffälligen Schüler in der Grundschule angesehen hatte. Nach dem Auswertungsgespräch, an dem sie und die Mutter des Angeklagten teilgenommen hatten, sei Frau B. in Tränen ausgebrochen und habe gesagt, sie wisse nun, dass auch ihr Sohn ein Autist sei. So habe sie verschiedene Verhaltensmuster, die der Experte beschrieben hatte, auch an Stephan B. beobachtet, sagte die Zeugin.

Stephan B.s Mutter ist inzwischen aus dem Schuldienst ausgeschieden. Sie befindet sich in ärztlicher Behandlung, nachdem sie versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Das Gericht hatte sie bereits an einem früheren Verhandlungstag geladen. Jedoch lehnte die Frau unter Verweis auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht eine Aussage ab.