Sigmar Gabriel schlägt Martin Schulz als SPD-Kanzlerkandidaten vor – sein Weg vom Bürgermeister zum SPD-Kanzlerkandidaten

Berlin - Es ist noch gar nicht so lange her, dass deutsche Parteistrategen und Parlamentarier von oben herab auf jene Kollegen schauten, die in Brüssel und Straßburg ihren Dienst versahen. „Hast Du einen Opa, schick‘ ihn nach Europa“, hieß es ehedem. Über Jahrzehnte hinweg waren die EU-Kommission und das Europäische Parlament ideale Orte, um lästig gewordene Parteifreunde zu entsorgen. Europa war – zumindest aus deutscher Sicht – diejenige Ebene, auf der politische Karrieren ziemlich unspektakulär endeten, aber selten begannen oder an Fahrt aufnahmen.

Schulz soll für den Neuanfang stehen

Das hat sich gründlich geändert, wie das Beispiel Martin Schulz zeigt. Der 61-Jährige aus Würselen bei Aachen, bis vor Kurzem Präsident des EU-Parlaments, soll die deutsche Sozialdemokratie als Kanzlerkandidat in die bevorstehende Bundestagswahl führen und auch gleich den SPD-Parteivorsitz übernehmen.

Schulz stehe für einen Neuanfang, sagt der scheidende Parteichef Sigmar Gabriel – „und darum geht es bei der Bundestagswahl“. Lange Zeit war Schulz als kommender Außenminister gehandelt worden. Jetzt soll es noch eine Nummer größer sein. Der Umstand, dass Schulz nicht Teil der schwarz-roten Ministerriege in Berlin ist, wird ihm die Freiheit geben, die populäre Kanzlerin Angela Merkel von allen Seiten zu attackieren.

Schulz wäre gern Parlamentspräsident geblieben

Martin Schulz ist Europäer aus Leidenschaft, bundespolitische Erfahrung fehlt ihm bislang. Seit mehr als 22 Jahren ist er Mitglied des Europäischen Parlaments. Zunächst war er einfacher Abgeordneter, später Fraktionschef der Sozialdemokraten, ab 2012 bis Anfang dieses Jahres Präsident der gesamten Volksvertretung. In seiner Zeit an der Spitze des Parlaments schaffte Schulz es, die Sichtbarkeit und den Einfluss des Hauses im europäischen Institutionengefüge deutlich zu erhöhen. Schulz, seine Sozialdemokraten, die konservativen Europäische Volkspartei (EVP), die Liberalen sowie Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verstanden sich als eine Art Gegenpol zu jenen, die Europa vor allem als Veranstaltung der Mitgliedstaaten verstehen.

Schulz wäre gern Parlamentspräsident geblieben, das scheiterte aber am Widerstand der EVP. Im vergangenen November verkündete Schulz, dass er in die Bundespolitik nach Berlin wechseln wolle. Anfang vergangener Woche setzten die Christdemokraten im Europaparlament schließlich den Italiener Antonio Tajani als neuen Präsidenten durch.

Schulz als Vorbild

Wenn man so will, verkörpert Schulz selbst das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen. Er stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Als junger Mann war er vorübergehend dem Alkohol verfallen, nachdem es mit der Karriere als Profi-Fußballer nicht geklappt hatte. Er verließ die Schule ohne Abitur, sein Beruf als Buchhändler, die Literatur und die Politik brachten ihn wieder auf die rechte Bahn. Politik betreibt er wie ein Besessener, er kann sehr freundlich sein, aber auch sehr scharf in der Wortwahl. Als EU-Politiker kam ihm zupass, dass er mehrere Fremdsprachen fließend spricht, darunter Englisch, Französisch und Italienisch.

Schulz ist noch heute stolz auf seine Zeit als Bürgermeister von Würselen in den 1980er und 1990er Jahren. Vermutlich hat er dort jenen einen politischen Pragmatismus gelernt, der ihn mit Gabriel und dem einstigen SPD-Chef Franz Müntefering verbindet.