Sigmar Gabriel und Friedrich Merz: Was der Genosse an Scholz’ Gegner bewundert

Am Dienstag wurde in trauter Runde ein neues Buch über den CDU-Vorsitzenden vorgestellt. Merz wurde nur einmal kurz unfreundlich. 

Zwei, die sich verstehen: Sigmar Gabriel (l., SPD), Vizekanzler und Bundesminister a.D., liest aus dem Buch „Der Unbeugsame“, in dem es um den CDU-Chef Friedrich Merz geht. 
Zwei, die sich verstehen: Sigmar Gabriel (l., SPD), Vizekanzler und Bundesminister a.D., liest aus dem Buch „Der Unbeugsame“, in dem es um den CDU-Chef Friedrich Merz geht. Carsten Koall/dpa

Es scheint echte Bewunderung zu sein, die Sigmar Gabriel dem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz entgegenbringt. Der frühere SPD-Außenminister sitzt mit Friedrich Merz auf einem Podium, aber es geht hier im Hotel Albrechtshof in Mitte nicht um ein Streitgespräch, sondern um eine Buchvorstellung. Es ist üblich, dass ein politischer Opponent gebeten wird, es vorzustellen, wenn ein Politiker ein Buch geschrieben hat. So hat kürzlich der frühere CDU-Verteidigungsminister Thomas de Maizière das Buch der FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann gewürdigt, in dem sie Deutschland wehrhafter machen will. Er hat es ein bisschen gelobt und ein bisschen kritisiert und dann entspann sich eine Diskussion.

Am Dienstagabend geht es im Hotel Albrechtshof in Mitte aber um kein Buch, das Friedrich Merz geschrieben hat, sondern um eines, das über ihn geschrieben wurde. Es heißt „Der Unbeugsame“ und die Autoren Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart sitzen auch mit am Tisch. Moderiert wird das Gespräch, das keine Diskussion und schon gar kein Streit werden wird, von Anke Plättner von Phoenix. Im Publikum sitzen fast ausschließlich Hauptstadt-Journalisten, die anschließend Fragen stellen dürfen.

Aber erst mal ist Gabriel an der Reihe. Er kennt Merz schon lange. Aber die Sache mit dem Zug hat er nicht gewusst und auch nicht, dass Merz bei sowas mitmachte. Die Episode findet sich im Buch auf Seite 133. Das Kapitel heißt „Merz und die Frauen“, aber es beginnt mit einem Trinkritual der katholischen Studentenverbindung, in der Merz Mitglied war. Die Bundesbrüder ließen einen Spielzeugzug über den Tisch fahren. Der, vor dem sie hält, muss eine Maß Bier leeren, wenn möglich auf ex. Von Merz wird nun berichtet, dass er von diesem Spiel nicht genug bekommen konnte. Ein wilder Hund, der CDU-Politiker. Er selbst war ja nur „Mittelschüler“, sagt Gabriel und dass er Merz um seine Weltläufigkeit beneidet. Und weil er besser Englisch spricht. Gottseidank sagte er dann auch noch, dass er nicht will, dass Merz Kanzler wird. „Ich bin ja Sozialdemokrat.“

Das Buch enthalte eine Menge Infos, sagt Gabriel und auch der Titel passe: „Merz ist einer, der versucht, das zu vertreten, was er glaubt. Das ist rar in der Politik.“ Und es geht noch weiter: „Bei uns beiden gibt es, was internationale Fragen angeht, ohnehin eine große Schnittmenge“, erklärt Gabriel, der von Merz vor drei Jahren den Vorsitz des Vereins Atlantik-Brücke übernommen hat. Schnittmengen gibt es auch, was das Anecken in der eigenen Partei betrifft. Vermutlich werden die Genossen es nicht gerne lesen, dass Gabriel dem Oppositionsführer im Bundestag obendrein noch bescheinigt, den Kanzler in seinen Reden so richtig herauszufordern: „Er hat es geschafft, dass Olaf Scholz Emotionen gezeigt hat“, so Gabriel. „Dazu gehört schon einiges.“

Merz selber sagt, er habe das Buch weder befördert noch behindert. „Ich gebe zu, dass ich mit solchen Selbstbetrachtungen etwas hadere“, sagt er. Andererseits sei er eine Person der Öffentlichkeit und könne nicht verhindern, dass über ihn geschrieben werde. „Uns hat sein Comeback fasziniert“, sagt Jutta Falke-Ischinger am Dienstagabend. Das habe es so ja noch nicht gegeben. „Und dann noch dieser Hürdenlauf, bis es mit dem Parteivorsitz endlich geklappt hat. Das ist schon ziemlich unbeugsam.“ Für ihren Mitautor Daniel Goffart ist klar, dass Merz auch Kanzlerkandidat seiner Partei werden will: „Wer so viele Widerstände überwindet, der tut das nicht, um nach ein paar Jahren Reform das Feld den Jüngeren zu überlassen.“

Doch auf das Thema lässt sich Merz gar nicht erst ein. Er will sich lieber mit der Entwicklung der Partei befassen und welches Wählerpotenzial sie habe. „Darüber bin ich mir noch nicht ganz im Klaren.“ Die Hauptthemen der nächsten Zeit stehen für ihn aber schon fest: Das sind die sozialen Sicherungssysteme inklusive Rentenreform und die Klimafrage.

Auf die Fragen der Journalisten antwortet er bereitwillig, auch selbstkritisch. Beim Parteitag in Hamburg, auf dem er gegen Annegret Kramp-Karrenbauer unterlag, habe er seine Rede mit angezogener Handbremse gehalten, sagt er. „Ich habe mich einfach nicht getraut, sie zu lösen.“

Ganz kurz wird er auch mal ungehalten, als ihn die Berliner Zeitung auf seinen Anspruch anspricht, dass die CDU es mit ihm an der Spitze schaffen werde, die AfD in der Wählergunst zu halbieren. „Sie werden registriert haben, dass ich das vor vier Jahren sagte und seither nicht wiederholt habe“, entgegnet er kühl. Das Problem könne man zurzeit nicht lösen, da die AfD die Partei für all jene sei, die Russland unterstützen. Da springt Sigmar Gabriel wieder ein: „Das kann vielleicht Sahra Wagenknecht schaffen, wenn sie eine neue Partei gründet“, sagt er.

Merz will sich lieber auf eine andere Leerstelle in der Politik konzentrieren: Wie wird Deutschland grüner, ohne auf Verbote zu setzen. Klimagerechter Wohlstand mit besserer Technik ist sein Wunschtraum. Ob er dafür nicht besser auf sein Flugzeug verzichten sollte, um beim grünen Milieu besser anzukommen, fragt ihn die Moderatorin. Von wegen, so Merz und lacht. „Sie glauben gar nicht, wie viele von denen mich schon gefragt haben, ob sie mal mitfliegen dürfen.“