Berlin - Einsicht ist bekanntermaßen der erste Schritt zur Besserung. Sigmar Gabriel, Noch-Vorsitzender der SPD und scheidender Wirtschaftsminister, wird an diesem Freitag die Leitung des Auswärtigen Amtes von Frank-Walter Steinmeier übernehmen. Steinmeier, der künftige Bundespräsident, gilt gemeinhin als Idealtypus des Chefdiplomaten: Schwurbelige Sprache, unaufgeregtes Wesen, fleißig in der Sache. Im Laufe der Jahre hat er sich damit in der Bevölkerung und bei Amtskollegen in aller Welt viel Anerkennung erarbeitet.

Aber Sigmar Gabriel? Der 57-Jährige liebt verbale Raufereien und klare Ansagen, er ist sprunghaft und haut gern auf den Tisch. Heute hü, morgen hott, und immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Das sind gemeinhin Eigenschaften, mit denen man in der komplizierten Welt der Diplomatie nicht allzu weit kommt.

Am Donnerstag nutzte Gabriel seinen letzten Auftrag in alter Funktion im Deutschen Bundestag, um zu versichern, dass er die Sache mit der Einsicht und der Besserung durchaus verstanden habe. In seiner Rede machte er deutlich, dass er sich in der Öffentlichkeit fortan am Riemen reißen und wenige Sottisen von sich geben wolle.

Gabriel sorgte schon oft für Eklats

„Im zukünftigen Amt darf ich das ja nicht mehr so, hat mir der Steinmeier gesagt“, berichtete Gabriel im Plenum. „Da muss ich diplomatischer werden.“ Aber ganz aufs Poltern und Scherzen will er wohl nicht verzichten. Er rief den Abgeordneten auch zu: „Wir müssen uns dann einfach außerhalb des Hauses treffen!“

Als Gabriel Anfang der Woche angekündigt hatte, dass er das Außenministerium übernehmen werde, begründete er dies auch mit seiner umfangreichen internationalen Erfahrung. Tatsächlich ist er im Laufe der Jahre viel unterwegs gewesen. Das bringt der Job als SPD-Chef und Wirtschaftsminister so mit sich.

Allerdings hinterließ Gabriel bei seinen Gastgebern nicht immer nur einen guten Eindruck. Seine Auslandsreisen waren oft von mittelschweren diplomatischen Eklats begleitet. Grund waren stets unbedachte Äußerungen Gabriels, dem bisher offenbar nicht immer klar war, wo die Trennlinie zwischen Innen- und Außenpolitik verläuft.

Israelkritischer Facebook-Eintrag bleibt in Erinnerung

So brachte er erst vor wenigen Monaten bei einer Reise nach China die dortige Führung gegen sich auf, weil er öffentlich gegen die Übernahme deutscher Hightech-Firmen durch chinesische Investoren Stellung bezog. Bei seinem Besuch in Ägypten im vergangenen Frühjahr wiederum sprach Gabriel die desaströse Menschenrechtslage offen an – um anschließend Machthaber Abdel Fattah al-Sisi als „beeindruckenden Präsidenten“ zu loben. Anfang 2015 verbat sich die Führung Saudi-Arabiens von ihrem Gast aus Deutschland eine Einmischung in innere Angelegenheiten. Gabriel hatte sich für die Freilassung des Bloggers Raif Badawi eingesetzt – aber nicht diskret hinter den Kulissen, sondern in aller Öffentlichkeit.

In Erinnerung ist auch noch ein Facebook-Eintrag Gabriels aus dem Frühjahr 2012, in dem er nach einem Besuch in den Palästinenser-Gebieten scharf mit der Politik Israels ins Gericht ging. „Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keine Rechtfertigung gibt“, schrieb er damals. 

Viel Zeit, um in seine neue Rolle und die dort üblichen Umgangsformen zu finden, hat Gabriel nicht. Acht Monate sind es noch bis zur Bundestagswahl. Das reicht unter normalen Umständen gerade einmal, um sich in die komplizierten Themen einzuarbeiten und sich den Kollegen rund um den Globus vorzustellen.

Transatlantische Beziehungen werden wohl neu justiert

Ein Außenminister muss immer viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten. Derzeit sind es unter anderem Syrien und die Ukraine, immer wieder Europa und die Nato, natürlich der Balkan, der Nahe Oste, Russland und die Türkei. Angesichts des Machtwechsels in Washington und des verstörenden Herrn im Weißen Haus dürfte auch eine Neujustierung der gesamten transatlantischen Beziehungen anstehen. Auf das stabile, wirtschaftlich starke Deutschland wird es dabei besonders ankommen. Die Welt ist seit Jahren im Krisenmodus. Der neue Bundesaußenminister wird vom ersten bis zum letzten Tag seiner Amtszeit voll gefordert sein. Unbedachte Äußerungen könnten verheerend sein. Auf Wahlkämpfe in Deutschland nimmt niemand Rücksicht.

Gabriel steht vor einem Sprung ins kalte Wasser: Vermutlich wird er bereits in den nächsten Tagen den Kontakt zu den wichtigsten Kollegen in Europa suchen. Das gehört sich so. Am 6. Februar kommen die EU-Außenminister routinemäßig in Brüssel zusammen. Mitte Februar ist Gabriel dann Gastgeber des G20-Außenministertreffens in Bonn, zu der auch der neue US-Chefdiplomat Rex Tillerson erwartet wird. Gleich anschließend nimmt Gabriel an der Münchner Sicherheitskonferenz teil, wo von ihm eine programmatische Rede zu Deutschlands Rolle in der Welt erwartet wird.