Ahmad Mansour antwortet Behzad K. Khani: „Die Gewalt darf nicht beschönigt werden“

In den Silvester-Krawallen offenbarten sich familiäre und kulturelle Probleme, schreibt der Psychologe Mansour. Eine Entgegnung auf den Essay von Behzad K. Khani.

ARCHIV - Der Psychologe Ahmad Mansour.
ARCHIV - Der Psychologe Ahmad Mansour.dpa/Jörg Carstensen

Das neue Jahr wurde mit einem Feuerwerk begrüßt, wie jedes Mal. Doch diesmal war Silvester wilder als sonst. Viel Spannung lag in der Luft. Corona hatte drei Jahre lang quasi einen Deckel auf die ganze Gesellschaft gedrückt. Darunter brodelte es schon längst. Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine liefert seit fast einem Jahr brutale Bilder und Berichte.

An manchen Orten im Land haben sich die Spannungen vehement entladen. Sie sind im Wortsinn explodiert. Jugendliche haben mit Raketen geböllert, als wären sie in einem privaten Kleinkrieg. Mehrfach haben sie ausgerechnet die Menschen attackiert, die helfen und schützen sollen, Sanitäter, Polizeikräfte, Feuerwehrleute. Das passierte in Berlins Stadtteil Neukölln – der inzwischen sinnbildlich für die Silvester-Krawalle steht – und auch in anderen Teilen der Stadt und des Landes, bundesweit. Polizei und Feuerwehr sollen allein in Berlin fast 4000 Mal ausgerückt sein. Als der Lärm vorbei war und der Rauch verzogen, rieben sich viele die Augen und fragten: Wieso, weshalb, warum?!

Bald hatte die Debatte um das Warum hinter Krawall und Randale zwei erbitterte Parteien. Die einen meinen: Das Missachten der staatlichen Einsatzkräfte und Helfer sei typisch für Leute, die sich nicht anerkannt fühlen. Der Mangel an Respekt ruft die Respektlosigkeit als Echo hervor. Daher der hohe Anteil an migrantischen Jungen und jungen Männern unter den Tätern. Sie erfahren im Alltag Rassismus, sie sehen für sich kaum Chancen, da platzte es eben mal in der Nacht der Krachmacherei aus ihnen heraus.

Die anderen – und zu denen gehöre ich – sagen: Damit allein lässt sich der Exzess an Verachtung für den Staat und seine Organe nicht erklären. Im Verhalten vieler der jungen, männlichen Individuen offenbaren sich symptomatisch auch familiäre und kulturell bedingte Probleme. Ich sage: Diese Probleme haben sehr viel zu tun mit dem Klima patriarchaler, traditioneller Milieus. Dabei geht es mir weniger um das jeweilige Verständnis von Religion als um einen Mangel an Verständnis für Demokratie und Rechtsstaat, für Freiheit und Selbstbestimmung.

Diese Position wird von „woken“ Milieus stark attackiert. Es gibt Rassismusvorwürfe und Diffamierungen. Unter den Stimmen, die das Geschehen in Neukölln bewertet haben, war unlängst auch ein Essay des Autors Behzad K. Khani in der Berliner Zeitung. Er schreibt gut, empathisch und eloquent über die deutsche Schuld am Holocaust und latenten Rassismus, den es ohne Frage weiterhin gibt. Aber wenn er die Krawalle allein dem Rassismus oder den Diskriminierungen im Alltag zuschreibt, übergeht und übersieht er zentrale, weitere Faktoren. Und das ist schade, denn es ist irreführend und befördert Tabus, die der Analyse nichts Gutes tun.

Ein Böllerverbot – im Ernst?

Am Silvesterabend war ich schon vor Mitternacht in Schöneberg, Neukölln und Kreuzberg unterwegs. Ich ahnte, dass etwas auf uns zukommen würde, vor allem, weil es schon am Vortag zu Ausschreitungen gekommen war, aber auch, weil schon Tage zuvor auf Instagram Videos von Jugendlichen zu sehen waren, die spüren ließen, dass sie das Feiern auf ihre Weise mit Exzessen kombinieren wollten.

Am Neujahrsmorgen vibrierte mein Handy fast pausenlos. Als ich wach wurde, blinkten auf dem Display schon Dutzende Anrufe von Journalisten, die meine Einschätzung zu den Ereignissen wissen wollten. Vorbei war der Vorsatz, das Jahr ruhig anzufangen.

Gleich konnte ich auch sehen, wie etwa auf Twitter schon hektisch versucht wurde, Kontexte des Problems zu vertuschen, um möglichst nicht über spezifische Aspekte migrantischer Milieus diskutieren zu müssen. Lieber schob man ein mögliches Böllerverbot in den Mittelpunkt der Debatte. Böllerverbot – im Ernst?

Sind die Silvesterraketen das Problem und nicht das Verhalten ihrer Nutzer? Waren im Sommer 2022 die geöffneten Freibäder oder die Hitze das Problem, als dort jugendliche Randalierer Badewärter und Sicherheitskräfte attackierten? War der Fußballsport das Problem, als marokkanische Fans ihre Freude über die großartigen Erfolge der marokkanischen Nationalmannschaft durch Zerstörungen und Ausschreitungen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden ausdrückten? War Halloween das Problem, als sich im vergangenen Jahr in Linz wieder Jugendliche mit Migrationshintergrund über die sozialen Medien organisierten, um Polizisten durch die Straßen zu jagen?

Wohl kaum. Ebenso wenig, wie an Silvester 2016 die Frauen das Problem waren, als in Köln Jugendliche massenhaft Frauen belästigten und ihnen sexualisierte Gewalt antaten. Auch die Satiren der Zeitschrift Charlie Hebdo waren nicht schuld an enthemmten Boykottaufrufen und Gewaltausbrüchen überall in Europa, als das Journal die Mohammed-Karikaturen wiederveröffentlichte, die Jahre zuvor in Dänemark Anstoß erregt hatten.

Denunziationen bringen uns im Dialog nicht voran

Es geht darum, genauer, klarer und tabufreier zu analysieren und Daten und Fakten auszuwerten, wo es in demokratischen Rechtsstaaten zu Gewalt gegen Staatsorgane oder zu antisemitischen und antiisraelischen Tatbeständen kommt. Es geht darum, Strukturen von Familien und Gruppen zu benennen, in denen Gewalt gegen Frauen und den Nachwuchs für normal und gerechtfertigt gehalten wird, und in denen männlichen Mitgliedern per se mehr Rechte zugestanden werden.

Für diese Fragen wird eine offene Debatte gebraucht über die Ursachen von Gewalt und Desintegration in Teilen der Gruppen mit Migrationshintergrund. Die demokratische Gesellschaft erreicht diese Menschen nicht durch Beschönigen und Beschweigen, sondern durch das offene Ansprechen von Fehlverhalten, durch Austausch, Dialog, Diskussion und die konstruktive und konsequente Suche nach Lösungen.

Als ich das in den Interviews nach der Silvesternacht sagte, erfuhren meine Argumente teils Zustimmung, teils stießen sie aber auch auf erstaunlich massive Empörung, Ablehnung und Abwehr. Ich wurde unter anderem als „Verräter“ bezeichnet, und Behzad K. Khani schrieb in seinem Essay von „einem Ahmad Mansour, den wir auf der Straße – frei nach Onkel Tom – Onkel Mansour nennen und für den wir nicht viel mehr übrighaben als Spott“. Das ist schade, traurig und kurzsichtig, denn Denunziationen bringen uns im Dialog nicht voran. Abgesehen davon, dass es ein solches konstruiertes „wir“ auf „der Straße“ nicht gibt, denn auch „die Straße“, also die informelle Öffentlichkeit in den Kiezen, ist heterogen, divers und plural.

Wut, Zorn, Angst und Frustration stauen sich auf

Ich bin selbst Muslim, Araber, Migrant. Ich habe jahrelang in Neukölln gewohnt und gearbeitet, habe als Psychologe in zahlreichen Projekten tagtäglich mit Angehörigen eben der hier betrachteten Gruppe in Schulen, Berufsschulen, Asylbewerberunterkünften und Haftanstalten gearbeitet. Das mache ich beruflich bis heute. Ich konnte anderthalb Jahrzehnte lang Erfahrungen sammeln und Zusammenhänge immer besser erkennen.

Ich erlebe junge Männer, die sich für wichtiger halten als ihre Schwestern; Gruppen, die glauben, dass ihre internen Gesetze wichtiger sind als die des Staates; Väter und Mütter, die denken, dass Kinder nicht ohne Körperstrafen aufwachsen sollten. Ich weiß, dass es solche Konstellationen auch in anderen Milieus gibt, etwa in evangelikalen Familien. Der Fokus meiner Arbeit liegt auf den Milieus, von denen ich am meisten verstehe, bei den Gruppen, die aus der Türkei, dem Nahen Osten oder ähnlich geprägten, in der Regel muslimischen Gesellschaften kommen.

Sie sind vielerorts noch durchzogen von toxischen Männlichkeitsbildern und fixiert auf patriarchalische Strukturen, die dafür sorgen, dass Kinder an freier Entfaltung gehindert werden, dass Ängste, Unsicherheiten und Gefühle von Minderwertigkeit entstehen und als Kompensation dagegen Gewalt und Stärke demonstriert werden, wie an Silvester auf den Straßen, wenn das bunte Feiern Regellosigkeit zu signalisieren scheint.

Pubertäre Rebellion ist kaum möglich, wo Eltern, vor allem Väter, als unantastbare Autoritäten gelten, die sich ihrerseits auf höhere Mächte berufen. Wut, Zorn, Angst und Frustration stauen sich auf. So rebellieren Jugendliche gegen andere Autoritäten, um ein Ventil zu finden und sich zu behaupten. Der Rechtsstaat mit seinen reglementierenden Instanzen – Lehrkräfte, Polizei, Feuerwehr – wird zu einer Art Vaterersatz, hier darf die Wut hingelenkt werden, da auch die Familie selbst den Staat nicht völlig akzeptiert oder versteht.

Was die Silvestertäter als Referenzgruppe betrifft, sehe ich sie als Symptome für gescheiterte Integration und fordere bessere Präventionsarbeit, besseren Demokratieunterricht an den Schulen, mehr Mittel, mehr Einsatz, mehr Klarheit und mehr Chancen für die Kinder dieser Gruppe. Und das fordere ich seit Jahren.

Wer mehr Gerechtigkeit will, denke ich, müsste da am selben Strang ziehen. Allein mit dem Klagen über Diskriminierung ist nichts getan. Es macht nicht selbstbewusster, es löst keine Bildungsprobleme, es verbessert nicht den Zugang zur Demokratie in der Gruppe, um die es geht.

Ideologie allein hilft hier nicht weiter

Auch die Argumente von Behzad K. Khani treffen den Sachverhalt nur zum Teil und sparen vieles aus. Eindrucksvoll schildert er die deutsche Verstrickung in zwei unendlich destruktive Weltkriege und das Menschheitsverbrechen des Holocaust. In seiner Betrachtung der Gegenwart aber verheddert sich Khani und vereinfacht drastisch komplexe Sachverhalte. Vom Krawall auf der Berliner Sonnenallee zum Nahen Osten und vom Nahen Osten zur Sonnenallee – die gern „Gazastreifen“ genannt wird –, führt bei ihm ein direkter Weg über den Holocaust und die deutschen Schuldgefühle. Diese Schuldgefühle wiederum kommen nicht an gegen den deutschen Rassismus, der Rassismus wiederum ist Ursache der Krawalle. Khanis Ton hört sich etwas raunend an, wenn er ausführt: „Überall trifft man sie an, die Gemeinheit. Und überall flüstert jener Unwille dasselbe. Flüstert von der Exklusivität, der Verschlossenheit und der fehlenden Integrationsbereitschaft in diesem Land.“

Dass 2015 Hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien ins Land gelassen wurden, dürfte sich nicht so leicht unter „Rassismus“ verbuchen lassen, vielleicht eher unter „Schuldgefühle“? Mit der Brille der Ideologie ist man der aktuellen Fragestellung der Gesellschaft jedenfalls kaum gewachsen. Rassismus etwa existiert auf allen Kontinenten und in allen Gruppen, sogar innerhalb von Neukölln, wenn Gruppen einander beargwöhnen und mit Klischees bedenken, weil die jeweils „Anderen“ kurdischer, türkischer, russischer oder arabischer Herkunft sind. Im Zweifelsfall sind sie sich einig, wenn es darum geht, „die Juden“ oder „Israel“ als Sündenböcke zu verwenden.

Khani behauptet, die deutsche, schuldbedingte Haltung gegenüber Israel im Nahostkonflikt sei implizit für die Gewaltausbrüche an Silvester mitverantwortlich. Nach dieser Logik müsste man fragen, was in Ländern los ist, die nicht zu den Verursachern des Holocausts zählen – etwa Frankreich, England, Schweden. Wie lässt sich dort die Gewalt von jungen Männern aus patriarchalen Gesellschaften erklären? Oder von Terrororganisationen wie dem IS, Boko Haram und den Taliban – diese Organisationen sind gewiss nicht in Deutschland oder „wegen Israel“ entstanden. Für diese Phänomene und die meiste Gewalt der Welt wird derzeit gern auf die Kolonialgeschichte verwiesen. Doch das bleibt nicht nur eindimensional als Argument. Es hilft auch gar nicht, wenn zum Beispiel der Diskriminierung der Frauen durch die Taliban etwas entgegengesetzt werden soll.

Das Grundgesetz stiftet Zusammenhalt

Es wundert mich auch, dass Behzad Khani annimmt, sämtliche Migranten im Land lebten „mit geballter Faust in der Tasche“. Gilt das wirklich für all die Unternehmer, Mediziner, Juristen, Wissenschaftler, Sportler, Schauspieler, für die erfolgreichen Autoren, Politiker, Journalisten, Kulturschaffenden? Gilt das für Cem Özdemir, Serap Güler, Sawsan Chebli, Seyran Ates, Jana Pareigis, Pinar Atalay, Aline Aboud, Nazan Gökdemir, Dunja Hayali, Khue Pham, Özlem Topcu, Alice Bota, Hamed Abdel Samad – um mal nur einige zu erwähnen. In die Reihe gehört übrigens nicht zuletzt Behzad Khani selber, ein Autor mit Ruhm und Ruf. Sie alle sollen immerzu mit der Faust in der Tasche leben? Alle andauernd von Postfaschisten diskriminiert?

So einfach kann es offensichtlich nicht sein. Im Gegenteil. In der Europäischen Union leben Millionen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Konfession und sexuellen Identitäten frei und sicher. Ganz gewiss nicht im Iran, aus dem Behzad Khanis Eltern offenbar aus gutem Grund geflüchtet sind, als die Tyrannei einer Theokratie begonnen hatte. Und ganz gewiss gibt es Freiheiten wie in Europa nicht in Saudi-Arabien, in Kamerun, in Nordkorea, in Syrien, in Russland oder auch in der Türkei. Und, und, und.

Ja, Khani hat völlig recht, dass Zugewanderte sich nicht mit Nazideutschland identifizieren sollen. Ebenso wenig wie Deutsche. Zusammenhalt hat mit ethnischen und „Bluts“-Kategorien nichts zu tun. Den Zusammenhalt stiftet in der deutschen Demokratie der Gegenwart das Grundgesetz. Es verpflichtet uns auf die Würde des Menschen, die Gleichberechtigung der Geschlechter, auf Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit. Das ist weder mit Antisemitismus kompatibel noch mit Islamismus und jeglicher Form patriarchaler Gewalt im privaten Raum.

Wer sich gegen patriarchale Gewaltkultur in Familien und Großgruppen ausspricht, hat keine einzelne Religion oder Ethnie im Sinn, sondern meint alle, die das betrifft – von den russischen Kriegstreibern hin zu den Islamisten, von den Evangelikalen bis zu den Neonazi-Machos. Wer mir Islamphobie vorwirft, bläst ins Horn islamistischer Propaganda. Eines der Fundamente meiner Arbeit ist die Liebe zu meiner Religion, die richtig verstanden und modern ausgelegt keine Gewalt duldet und Diskussion und Kritik begrüßt.

Der literarisch verfasste Rant des Kollegen Khani kann verärgern – aber er kann auch anregen. Lebendige Debattenkultur muss andere Meinungen aushalten, auch seine, auch meine. Für den Austausch von Argumenten stehe ich sehr gerne zu Verfügung, auch dem Kollegen Khani, wenn er möchte. Ich reiche die Hand – jederzeit!

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