Simbabwe: Robert Mugabe, der ewige Diktator

Bulawayo - „Ich mag ihn sehr, den Robert“, sagt Enos Nkala. „Er ist ein erstklassiger Intellektueller, ein guter Debattierer, sehr eloquent, sehr eindrucksvoll.“ Der ehemalige Freiheitskämpfer Nkala hat auch schon anders über Robert Gabriel Mugabe, das Staatsoberhaupt von Simbabwe geredet. Er hat ihm Betrug und Verrat vorgeworfen, ihn politischer Morde bezichtigt. Würde Mugabes Partei ZANU (Afrikanische Nationalunion von Simbabwe) in freien Wahlen antreten, sagt Nkala, „würde sie verschwinden. Sie zehrt allein von ihrer Geschichte. Die Partei ist nur noch Robert Mugabe.“

Nkala redet mal so, mal so. Er ist ein Beispiel für die seit Jahren währende politische Schizophrenie in Simbabwe. Das Leben des 81-Jährigen ist eng verwoben mit dem von Mugabe, der am Donnerstag 89 Jahre alt wird. „Ich habe ihn damals geholt“, sagt Nkala. „Robert war ja Lehrer in Ghana. Ein Niemand. Ich habe ihn eingeladen, zu uns zu kommen.“

Nur der Machterhalt schützt Mugabe

Mugabe, Jesuitenzögling und Jurist, meist elegant gekleidet und im Auftreten wortgewandt, imponierte vor drei Jahrzehnten als Befreier seines Volkes, als Stimme des neuen Afrikas und der blockfreien Welt. Seine anschließende Regierungszeit war jedoch geprägt durch etliche Blutbäder. Heute ist er ein Greis, der sich – mal raffiniert, mal schlicht brutal – an die Macht klammert. Mugabe weiß: Nur der Machterhalt schützt ihn vor Anklagen im eigenen Land oder vor dem Internationalen Gerichtshof.

Nkalas Körper wirkt gebrechlich. Doch sein Geist scheint rege, wenn er über die Zeit von Rhodesiens Befreiungskampf aus dem Kolonialismus vor einem halben Jahrhundert erzählt, aus dem der Staat Simbabwe hervorging. Er kommandierte eine Truppe von Guerilleros. Dafür saß er zehn Jahre lang im Gefängnis. Im selben Gefängnis war auch Mugabe inhaftiert. „Wir haben diskutiert und Fußball gespielt“, sagt Nkala.

Nkala war 30 Jahre lang Schatzmeister der Zanu-Partei. Darüber hinaus hat er Mugabe als Finanz-, Innen- und Verteidigungsminister gedient. Sein ehemaliges Haus in der Hauptstadt Harare soll nun zum Museum umgebaut werden. Im Wohnzimmer des Hauses wurde vor 50 Jahren Mugabes Regierungspartei gegründet. „Wir waren eine Splittergruppe“, sagt Nkala, „die jungen Radikalen. Heute lebt Nkala in Bulawayo, Simbabwes zweitgrößter Stadt im Südwesten des Landes. Dort lasse es sich freier reden, sagt er.

Ex-Innenminister: "Volk nicht wirklich befreit"

Viele Regime-Kritiker leben in Bulawayo. Einer von ihnen ist der langjährige Wegbegleiter Mugabes Dumiso Dabengwa. Er war Geheimdienstchef der Zipra, der Guerilla der Zapu. Der kahlköpfige 73-Jährige sagt: „Wir haben es geschafft, ein Unterdrückerregime loszuwerden. Aber haben wir unser Volk wirklich befreit? Nein, haben wir nicht!“

Dabengwa wurde zu Sowjetzeiten in Moskau ausgebildet. Deshalb wird immer noch der „schwarze Russe“ genannt. Durch seine Funktion als Geheimdienstchef trat er in Konkurrenz zu Mugabe. Aus der Rivalität wuchs Feindschaft. Bis Mugabe Zipra und zu einer Partei verschmolz. Dabengwa wurde wegen Verrats eingesperrt, wieder entlassen, wieder verhaftet. Das ging über vier Jahre so. Später wurde er ins Politbüro der Regierungspartei befördert und stieg 1992 zum Innenminister auf.

Die Polizei war in einem erbärmlichen Zustand. „Jeder konnte ihr Befehle geben. Sie verhafte diesen und jenen, schließ ihn einfach weg. Da wurden keine Fragen gestellt.“ Natürlich habe er mit der Korruption sofort aufgeräumt, behauptet Dabengwa. Heute sei die Polizei „wieder verrottet. Eine politische Waffe“. Dabengwa sagt über Mugabe: „Er kann rechnen. Er ist schlau und gerissen. Er heckt immer etwas aus und versteht das alte koloniale Prinzip: Teile und herrsche.“

2008 war ein Jahr des Schreckens für Simbabwe: Die Wirtschaft kollabierte, die Cholera tötete Tausende. Der politische Terror von oben trieb in dem Wahljahr einem blutigen Höhepunkt entgegen. Ruchlos bedrohten Mugabe, seine Günstlinge und Generäle die Opposition, hetzten Polizisten, Soldaten und Schläger auf alles, was nach Widerspruch roch. Hunderte starben, Tausende wurden verprügelt. Trotzdem siegte bei der Parlamentswahl die MDC, die Bewegung für demokratischen Wandel. Auch bei der Präsidentschaftswahl verfehlte MDC-Führer Morgan Tsvangirai trotz Manipulationen nur knapp die absolute Mehrheit. Die Stichwahl sagte er aber ab. Es hatte zu viele Tote gegeben.

Mugabe beherrscht alle Institutionen

Die Inflation ist mittlerweile vorbei. Doch die Arbeitslosigkeit liegt noch immer zwischen 80 und 90 Prozent. Die einstige Kornkammer Afrikas Simbabwe meldet regelmäßig Hunger. Die Wohnsituation ist katastrophal. Überall fehlt es an Trinkwasser, ständig fällt der Strom aus. 82 Prozent der Schüler sind just am Basis-Schulabschluss, dem „Ordinary Level“, gescheitert.

Nach der Terrorwahl stimmte der ewige Präsident Mugabe, dank internationalem Druck, einer Machtteilung zu. Seither gibt MDC-Chef Morgan Tsvangirai den Premier. Seine Minister verwalten schrumpfende Hoffnungen und leere Kassen. Als Juniorpartner der Macht hat die tief gespaltene MDC ihren Nimbus als Kraft der Erneuerung verloren und ihre eigenen Skandale produziert. Sie haftet längst mit und hat sich mit Mugabe auf eine neue Verfassung geeinigt. Schon Mitte März soll das Volk abstimmen. Dann könnten Wahlen folgen. Ein fauler Kompromiss? Mugabe behielte viel von seiner Allgewalt und könnte regieren, bis er 99 ist.

Mugabe beherrscht das Fernsehen und Teile der Presse, das Militär, die Polizei, den Geheimdienst, die Gefängnisse, die Justiz und ihre Vollstrecker, mitsamt des frisch bestallten Henkers. Es gibt keine neutralen Institutionen in Simbabwe. Das Volk weiß: Wenn es aufbegehrt, schlägt er zurück.

"Menschen wurden massakriert. Das hat man nicht vergessen"

Zurzeit sorgen Soldaten dafür, dass Simbabwe sich korrekt an seine Vergangenheit erinnert. Verteidigungsminister Emmerson Mnangagwa startete ein „militärhistorisches Forschungsprojekt“ – um die Geschichte der Befreiung „akkurat aufzuzeichnen und in den Annalen des nationalen Gedächtnisses zu speichern“. Zehntausende Militärs und „Forscher“ haben Order, in alle Provinzen ausschwärmen, um „wichtige historische Informationen“ zu erfassen. „Sie werden keine wahre Geschichte schreiben“, sagt Ex-Minister Dabengwa, „Sie haben ihre ganz eigenen Gründe.“ Und der Hauptgrund sei Einschüchterung.

Nkala sagt: „Du musst innehalten und bilanzieren, was Du getan hast.“ Er habe nie versucht, auf Mugabe einzuwirken. Nkala guckt, als sei schon der Gedanke absurd. Er stammt hier aus dem Südwesten. Er ist ein Ndebele wie Joshua Nkomo, der Vater des Widerstands gegen Rhodesien, der vor 50 Jahren die ZAPU gegründet hatte. Mugabe gehörte anfangs zu Nkomos Mannen. Die Abrechnung kam nach der Unabhängigkeit Simbabwes. Nkomo flog aus dem Kabinett. Die folgenden Unruhen forderten mindestens 20.000 Tote. Es war Mugabes erstes Massaker.

Manchem hier gilt der Ndebele-Anhänger Nkala als „Maulwurf“, als „Verräter“. Als einer, der schon immer intrigierte. Der Ex-Mugabe-Mann hat stets jede Verantwortung für die Gewalt im Land stets bestritten. Aber war er als Chef der Polizei und später der Armee nicht ein Vollstrecker von Mugabes Unterdrückung? Nkala weicht aus. Er habe seinen Einfluss genutzt, um die Gewalt zu stoppen, beteuert er. Er hat ein Buch geschrieben. Es sei seine Version der Geschichte, sagt er. „Ich bin durch eine Hölle gegangen. Menschen wurden massakriert. Das hat man nicht vergessen.“ Nach seinem Tod soll das Buch erscheinen.

Geschäfte mit den Diamanten aus Marange

Mugabes 89. Geburtstag werden 60.000 Gäste in einem Stadium feiern. Die Kosten für die Feier belaufen sich auf 600 000 Dollar. Fußballer treten zum „Bob 89 Super Cup“ an. Staatskonzerne, Streitkräfte, Banken und einige Privatfirmen müssen die Rechnung zahlen. Denn das Land ist pleite. MDC-Finanzminister Tendai Biti hatte Ende Januar noch genau 217 Dollar in der Kasse.
Biti sagt über Simbabwes, der Staat sei paralysiert. Es gäbe eine Parallelregierung gesteuert von Militärs. Die haben groß investiert, kontrollieren die Eisenbahn, die Wahlkommission, selbst den Fußball. Kein Uniformierter im südlichen Afrika, meint Gwinyai Dzinesa vom Institute für Security Studies in Pretoria, „besitzt das, was sich Simbabwes Generäle über die Jahre angeeignet haben“.

Der größte Schatz Simbabwes sind die Diamantenminen von Marange. Sie sind eine der reichsten Vorkommen der Welt. Marange gehört jetzt der Zimbabwe Mining Development Corporation. Die betreibt Joint Ventures, etwa mit einer Firma namens Anjin Investments. Anjin, sagt die Organisation „Partnership Africa Canada“, sei „eine Kooperation militärischer Eliten aus China und Simbabwe“. Beobachter berichten: Vor dem Anjin-Quartier flattern die Fahnen der Zimbabwe Defence Force und der Chinesischen Volksbefreiungsarmee einträchtig nebeneinander. Seit 2008, sagen Experten, seien Diamanten im Werte von fast zwei Milliarden Dollar gestohlen worden.

Von der Firma Anjin, dem größten Produzenten von Diamanten, erklärte Finanzminister Biti im vergangenen Jahr, erhalte er kein Geld – „nichts kommt beim Fiskus an“. Munyaradzi Machacha, Anjin-Direktor und Chefpropagandist von Mugabes Partei, erklärte daraufhin, Biti sei „entweder unredlich, inkompetent oder ein Analphabet“. Das ist der übliche Ton in der Koalition.

Auch das Geschäft mit Gold, Platin und der Landwirtschaft ist durchsetzt mit Militärs, Polizeichefs und präsidialen Verwandten. Insider berichten von Scheinfirmen in Steuerparadiesen, von einem neuen Run führender Partei-Leute auf pompöse Immobilien und Privatjets. Seit der Westen Mugabe Sanktionen auferlegt hat, verfolgt der eine „Look-East“-Politik. China ist seitdem schnell zum wichtigsten Investor aufgestiegen. Die EU ist gerade dabei, ihre Sanktionen zu lockern.

„Mugabe hatte immer diverse Quellen“, sagt Ex-Minister Dabengwa. „Inzwischen kommt das Geld aus krummen Geschäften. Zum Beispiel von den Chinesen. Die haben ihm auch das Militär-College gebaut.“ Es ist ein fast 100 Millionen Dollar teurer Komplex, der im September 2012 eröffnet. Ermöglicht wurde er durch einen Kredit der China Export and Import Bank. Abgezahlt, raunen Eingeweihte, wird mit Diamanten. Dabengwa lacht darüber wie über einen sehr guten Witz.

"Wenn Du korrupt bist, kannst du stinkreich werden"

Es ist einfach, als Minister in Simbabwe reich zu werden. „Wenn Du korrupt bist, kannst du stinkreich werden“, sagt Dabengwa. Er sei fasziniert von so viel Abgebrühtheit. Der Bergbauminister habe schon während der Landenteignung eigene Jugendgangs unterhalten, die herumzogen und weiße Farmer jagten. „Die haben dann das Vieh der Landwirte weggetrieben und versteckt. Nun macht er in Bergbau. Und für jede Konzession muss unter dem Tisch etwas passieren.“

Das System Mugabe basiert auf Gier und Angst. Die Veteranen und die Jugendlichen sind Werkzeuge. Sie bejubeln Mugabe und verfolgen seine Gegner. „Sie sind dazu gemacht worden“, sagt Dabengwa. „Er benutzt sie.“ Aber selbst die Mächtigen leben gefährlich. Auf dem „Heroe’s Acre“ bei Harare, einem Friedhof für die Helden der Nation, liegen manche, die unter dubiosen Umständen zu Tode kamen. Moven Mahachi zum Beispiel, ehemaliger Minister unter Mugabe, musste 2001 sterben, weil er gegen den Diamantenraubzug von Simbabwes Armee im benachbarten Kongo Stellung bezog. Das behauptet zumindest Nkala. Offiziell kam er bei einem Autounfall ums Leben. Auch Joshua Tongogara, 1979 als stärkster Führungskandidat gehandelt, starb unter dubiosen Umständen. Beide wurden auf dem „Heroe’s Acre“ beigesetzt.

Dank Wikileaks wurde bekannt, dass selbst Mugabe Angst hat vor dem gewaltsamen Tod. Bei einem Gespräch zwischen dem US-Botschafter in Harare und Ex-Informationsminister Jonathan Moyo kam heraus, dass Mugabe fürchtet, aufgehängt zu werden, wenn er sein Amt aufgibt. „Aber mir“, sagt Nkala, „hat Mugabe die Pension erhöht. Weil ich so viel für ihn getan habe.“ In Simbabwe spielen alle das Spiel: Wer geschickt vorgeht, überlebt.