Eine weinende Frau (Symbolbild).
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BerlinNeulich bat ich meinen Mann, einen Briten, einen Text, den ich für eine englische Zeitung geschrieben hatte, auf Fehler zu überprüfen. Er fing an zu lesen und stolperte sofort über ein Wort. „What’s a Dschämmerossi?“, sagte er. Was ist ein Dschämmerossi? Ich verstand ihn erst nicht. Dschä-Me-Ros-Si? Wovon sprach er? Er zeigte auf ein Wort auf dem Bildschirm und ich musste lachen. Es lautete „Jammerossi“. Englisch ausgesprochen, also Dschämmerossi. Das klang viel besser als Jammerossi, cool, weltläufig und humorvoll, eine Mischung aus Barbarossa, Signor Rossi und guter Laune.

Jammerossi ist ein Wort, das in den 90er-Jahren erfunden wurde, vielleicht war es eine Zeit lang das wichtigste Wort im deutsch-deutschen Gespräch. Es wurde als Schimpfwort benutzt, um bestimmte Erfahrungen und Meinungen herabzusetzen. Wenn man in den 90er-Jahren und auch noch später, Ungleichheit, Kränkungen und Verletzungen nach 1989 thematisierte, dann wurde man als Jammerossi bezeichnet. Ein Jammerossi war jemand, den man nicht ernst nehmen konnte, der von irrationalen Gefühlen bestimmt war.

Ich erinnere mich an eine Diskussion auf der Party einer Freundin mit einem westdeutschen Drehbuchautor vor ein paar Jahren, es muss 2013 gewesen sein. Ich redete über die 90er-Jahre, die Massenarbeitslosigkeit, die Abwanderung, die Orientierungslosigkeit. Irgendwann sagte er, er könne Jammerossis wie mich nicht mehr ertragen.

Ich fühlte mich, als hätte er mir einen Schlag ins Gesicht verpasst. Ich war selbst überrascht, was für heftige Gefühle das Wort auslöste. Ich schämte mich und verließ die Party und habe bis heute kein Wort mit dem Mann geredet. Ich wäre lieber ein Dschämmerossi als ein Jammerossi gewesen.

Unsere Ost-West-Familie

Wie anders wäre die deutsch-deutsche Geschichten gelaufen, wenn man von Anfang von Dschämmerossis gesprochen hätte. Es wäre auch ein super Name für eine Band gewesen, die Dschämmerossis. Die Dschämmerossis würden jetzt statt Rammstein Stadien rund um die Welt füllen und gute Laune verbreiten. Die ganze Welt würde wissen, dass Ostdeutschland für gute Laune steht. Ich gluckste still vor mich hin, mein Mann schaute mich seltsam an. „Was ist so lustig dran?“, fragte er müde.

Er hatte nach all den Jahren keine hohen Erwartungen mehr an meinen deutschen Humor. Bis vor kurzem hatte er die Toten Hosen für eine ostdeutsche Band gehalten. Wegen des Namens: The dead trousers. Ich erklärte ihm, was ein Jammerossi war. Er hörte zu, dann sah ich, wie es in ihm arbeitete. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass wir ein Ostkind und ein Westkind haben?“

Er hatte Recht. Ein Kind war in Kreuzberg, das andere in Pankow geboren. Unsere Familie war eine Ost-West-Familie, gewissermaßen. Der kleine Westler war immer erstmal dagegen und wollte alles ausdiskutieren, die kleine Ostlerin war eher pragmatisch und unkompliziert. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. „Wie bist du auf Dschämerossi gekommen“, fragte ich meinen Mann.

Er habe an ein bekanntes Gedicht von Lewis Carroll, dem britischen Schriftsteller gedacht, „Jabberwocky“, heißt es. „Jammerossi, Jabbywocky, so kam das“, sagt er. Ich habe von Jabberwocky noch nichts gehört. Es ist ein Unsinns-Gedicht, lese ich bei Wikipedia, die meisten Worte sind erfunden. So wie das Wort Jammerossis.