Autorin mit Wissenschaftsinteresse: Siri Hustvedt
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New YorkSiri Hustvedt hat als Autorin ein starkes Interesse an Naturwissenschaften, speziell an Neurologie und Psychologie. Körper und Geist sind für sie untrennbar. Deshalb liegt es nahe, sie zur gegenwärtigen Situation in den USA zu fragen, weil sie diese nicht allein als Chronistin erlebt, sondern mit analytischem Blick.

Frau Hustvedt, wie verbringen Sie Ihre Tage in der Quarantäne?

Mein Mann und ich arbeiten ohnehin beide zu Hause, insofern hat sich für uns nicht viel geändert. Das einzige ist, dass wir unsere Tochter und unseren Schwiegersohn nicht gesehen haben, die nur einen Steinwurf entfernt auf der anderen Seite des East River leben. Aber wenn ich sehe, was andere Leute durchmachen, geht es uns doch sehr gut.

Haben Sie Angst?

Ich mache mir nicht so sehr um mich selbst Sorgen, als darum, wie es weitergeht. Wie sieht die Welt nach dieser Krise aus, wie wird das Leben? Und ich erwarte mit Trauer die Nachrichten von den vielen Toten, die es in New York noch geben wird. Ich denke an all die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die sterben werden, weil sie sich nicht schützen können.

Siri Hustvedt.
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Zur Person

Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Bislang hat sie sieben Romane publiziert. Mit „Was ich liebte“ hatte sie ihren internationalen Durchbruch. Zuletzt erschienen „Die gleißende Welt“ und „Damals“. Zugleich ist sie eine profilierte Essayistin, was sich zum Beispiel in dem Band „Die Illusion der Gewissheit“ zeigt.
Nach intensiver Beschäftigung mit Neurowissenschaften und Psychiatrie unterrichtet Siri Hustvedt in New York Ärzte in Narrativer Psychiatrie. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Paul Auster, in Brooklyn.

Haben Sie erwartet, dass sich die Situation so dramatisch zuspitzt?

Ich habe von Anfang an die Nachrichten aus China verfolgt und mich dann ein wenig mit der Virologie beschäftigt. Mir ist schnell klar geworden, dass Pandemien heute ein enormes Risiko sind. Es gibt eine ernst zu nehmende wissenschaftliche Meinung, die besagt, dass die Abholzung unserer Wälder und der Klimawandel für Pandemien günstige Bedingungen geschaffen haben. Viren können von Spezies zu Spezies migrieren und wenn die Biodiversität schwindet, wird die Wahrscheinlichkeit höher, dass das passiert. Unsere Welt ist viel kleiner geworden, als wir uns das je vorgestellt haben, unsere miteinander verwobenen Systeme sind extrem anfällig. Die Lektion dieses Virus ist, dass wir Teil dieser Systeme sind und nicht außerhalb stehen.

Trotzdem scheint der US-Präsident zu glauben, dass er das Problem lösen kann, indem er Grenzen schließt.

Das Virus ist ja eine sehr alte Metapher in der Politik und steht meist für das Andere, das Fremde, das droht uns zu überrollen, zu infiltrieren. Trump verwendet diese Metapher, seit er in der Politik ist. Jetzt versucht er irgendwie, ein wirkliches Virus mit der Metapher zu verschmelzen. Doch leider halten sich Viren nicht gerne an Grenzen. Wir Menschen haben ein Virom; die Viren sind in uns, wir können ohne sie gar nicht überleben. Wenn man über Mikrobiologie redet, wird das Konstrukt von uns versus dem Anderen völlig absurd. Wir sind symbiotische Kreaturen. Kurzum – die politische Metapher des Virus sollte nicht mit dem realen Virus vermischt werden.

Sie haben viel über Donald Trumps Angst vor der Auflösung der Körpergrenzen gesprochen, seine Phobie vor Körperflüssigkeiten und vor dem Weiblichen. Für ihn müsste ja diese Epidemie eigentlich der GAU sein.

Es kann sein, dass ihn das vor dem Virus gerettet hat, er wäscht sich ja ständig die Hände und zwingt Leute dazu, sich die Hände zu waschen, bevor sie in das Oval Office treten. Er hat Angst, kontaminiert zu werden. Dieses neue Corona-Virus, das wahre, nicht das metaphorische, bringt ihn nun durcheinander.

Glauben Sie, dass vielleicht Trumps Unbeholfenheit in der Reaktion auf das Virus daher stammt, dass er die Metapher und die Realität nicht unterscheiden kann?

Es ist schwer zu wissen, was er tatsächlich denkt. Alles hat bei ihm einen performativen Aspekt. Was für ihn wichtig ist, ist nie, was tatsächlich passiert. Für ihn zählt nur, wie er die Realität so manipulieren kann, dass sie seinen Anhängern gefällt. Wenn ihm das gelingt, fühlt er sich beruhigt. Fraglich bleibt hingegen, ob er tatsächlich in irgendeiner Form Angst vor diesem Virus hat, außer als potenzielles politisches Problem. Er begreift das Virus nur im Sinne seiner selbst. Er ist ein Psychopath. Das heißt, wir haben in den USA jetzt eine doppelte Pathologie. Wir haben das Pathogen, das durchs Land zieht. Und wir haben die psychiatrische Behinderung des Präsidenten.

Es scheint so, als ob Trump ein Spektakel der Führung inszeniert, anstatt tatsächlich zu führen.

Er stellt sich für die Pressekonferenz auf die Bühne mit 40 Offiziellen, die alle ihn zu ihm aufschauen.  Ja, und sie werden alle dazu gezwungen, unterwürfig zu sein und ihm zu schmeicheln. Es ist wie der französische Hof, es ist vollkommen verrückt. Die Leute, die jetzt noch in der Regierung übrig sind, sind das, was wir hier Yes-Men nennen, Ja-Sager. Der Vizepräsident der USA ist ein unerträglicher Kriecher auf eine Art und Weise, die vollkommen erniedrigend ist. Es ist schockierend.

Man hat den Eindruck, als würde in dieser Krise das politische System in den USA völlig versagen. Die Leute sind auf sich gestellt.

Ja, die lokalen und regionalen Politiker müssen irgendwie schauen, wie sie klarkommen. Manchmal gibt es Vorsteher in Landkreisen, die mit ihrem Gouverneur streiten, weil der Republikaner ist und nicht daran glaubt, dass das Virus gefährlich ist. Diese Krise legt alle Schwächen des amerikanischen Systems bloß.

Welche zum Beispiel?

Zum Beispiel, dass so viel Macht in den Händen der Einzelstaaten liegt. Uns New Yorkern kommt das natürlich im Moment zugute, weil Donald Trump nicht über New York bestimmen kann. Und unser Gouverneur ist ein seriöser, vernünftiger Mann. Aber es ist eine Katastrophe, dass Amerika die Institutionen der Bundesregierung abgebaut hat. Das rächt sich jetzt bitter. Hinzu kommt ein Gesundheitssystem, dass vollkommen kaputt ist. Es gibt keine Gewerkschaften mehr, es gibt eine rasende soziale Ungleichheit. Es gibt in einer Situation wie dieser einfach kein Netzwerk mehr, dass aufgerufen werden kann, um der Herausforderung zu begegnen.

Es scheint, als wolle Trump New York besonders bestrafen, indem er der Stadt Hilfsleistungen verweigert. Warum hasst er New York so sehr?

Er weiß, dass man ihn in New York nicht mag, obwohl er hier aufgewachsen ist. Donald Trump ist nie von der New Yorker Elite akzeptiert worden, er wurde stets als vulgär angesehen. Das hat ihn sehr geprägt und auch seine anti-elitäre, anti-intellektuelle Einstellung, die ihn für seine Basis so attraktiv macht.

In der vergangenen Woche hat das Oberste Bundesgericht, das nun eine konservative Mehrheit hat, entschieden, dass die Vorwahl in Wisconsin trotz der Corona-Epidemie stattfinden soll. Dadurch wurden große Wählergruppen ausgegrenzt. Viele sehen darin eine gefährliche Präzedenz für die Wahl im Herbst. Macht Ihnen das Sorge?

Das beunruhigt mich extrem. Die autoritären Aktionen der Trump-Regierung und der republikanischen Partei als Ganzes in einer Zeit, in der die Menschen durch die Pandemie abgelenkt sind, haben den Rechtsstaat und unsere angeschlagene Demokratie noch weiter ausgehöhlt. Meine einzige Hoffnung ist, dass die narzisstischen Darbietungen des Obersten Befehlshabers, der sich täglich im Fernsehen vor einem Millionenpublikum aufplustert ohne das geringste Mitgefühl für die Sterbenden und die Verarmenden zu zeigen, nach hinten losgehen, je mehr das Sterben, die Massenarbeitslosigkeit und die bürokratische Ineffizienz ihren Tribut fordern. Kurz gesagt, ich hoffe, er hängt sich selbst auf und nimmt seine ganzen Arschkriecher und Schleimer mit sich.
 

Die Krise kann also auch langfristig eine Wende zum Besseren bedeuten?

Die Krise hat viele Probleme an die Oberfläche gespült. Nehmen wir Obdachlosigkeit. Obdachlose können nicht in Quarantäne gehen. Deshalb hat der Gouverneur von Kalifornien angefangen, Unterkünfte für die Obdachlosen zu bauen. Es gibt nichts, was so sehr die Wunden einer Gesellschaft aufreißt wie eine Krise.