Berlin - Die Bundeswehr hat einen neuen Skandal: In einer Ausbildungskaserne im baden-württembergischen Pfullendorf kam es zu einer Häufung „ernstzunehmender Vorfälle“, bestätigte das Verteidigungsministerium am Freitag. Der Spiegel hatte über erniedrigende Rituale, sexuelle Übergriffe und andere Straftaten bei der Spezial-Einheit des Heeres berichtet. Die Bundeswehrführung habe nach Abstimmung mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bereits personelle und organisatorische Maßnahmen ergriffen, sagte ein Sprecher dieser Zeitung.

Das Ministerium habe unmittelbar, nachdem es von den Praktiken erfuhr, die bei der Sanitäterausbildung in Pfullendorf offenbar an der Tagesordnung waren, eine interne Ermittlergruppe eingesetzt und die Hausspitze informiert. Die fristlose Entlassung von sieben Mannschaftssoldaten mit einer Dienstzeit unter vier Jahren sei bereits beantragt, weil sie an den sexuell motivierten Ritualen beteiligt waren. Seit diesem Dienstag ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Hechingen wegen sadistischer Übergriffe. Es besteht der Verdacht der Freiheitsberaubung, gefährlichen Körperverletzung, Gewaltdarstellung und Nötigung, so das Ministerium. Bis zur Enthüllung der Vorgänge durch den Spiegel hatte man sie allerdings geheim gehalten.

Vorgänge werden konsequent verfolgt

In einem zweiten Komplex wurden zweifelhafte Ausbildungspraktiken in Pfullendorf aufgedeckt, derentwegen sieben weitere Soldaten, überwiegend Ausbilderführungspersonal, zunächst versetzt und disziplinarisch gemaßregelt wurden. Laut Spiegel ist unter den Beschuldigten auch ein Kommandeur der Einheit.

„Es ist richtig, dass die Vorgänge in Pfullendorf konsequent verfolgt werden“, sagte der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), dieser Zeitung. Er habe mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, in der Sache telefoniert, der die Sache sehr ernst nehme, so Bartels. Bei spezialisierten Einheiten wie der in Pfullendorf, die unter besonderen Anforderungen stehen, bestehe die Gefahr, dass sie sich für eine Elitetruppe mit eigenen Regeln halten. „Es gibt aber keine Sondertruppen, für die besondere Maßstäbe gelten“, so Bartels, „alle gehören zur Bundeswehr, und für alle ist ein menschenwürdiger Umgang oberstes Gebot.“

Ausbilder exorzierten sexuell orientierte Übungen durch

Die Bundeswehr erfuhr laut Bartels von den Vorwürfen im vorigen Oktober, als sich ein weiblicher Leutnant aus dem Sanitätsbereich der fraglichen Kaserne an ihn als den offiziellen Ansprechpartner für die Sorgen der Soldaten wendete, zugleich direkt an Ministerin von der Leyen.

Die Soldatin beschrieb erschreckende Routinen, die in Pfullendorf üblich seien: Rekruten müssten sich vor Kameraden nackt ausziehen, während Vorgesetzte mitfilmten, so der Spiegel. Die Ausbilder hätten mit männlichen und weiblichen Rekruten medizinisch unsinnige, offenbar sexuell motivierte Übungen durchexerziert, etwa das Einführen von Tamponade in den After. Auch dies sei fotografiert worden. Zudem habe es gezieltes Mobbing gegen Frauen gegeben. „Die unverzüglich eingeleiteten Ermittlungen bestätigten in weiten Teilen die Angaben“, erklärte das Ministerium am Freitag. Offenbar rechnet man mit der Aufdeckung weiterer Fälle.

Opposition fordert schnelle und schonungslose Aufklärung

Zudem wurde bekannt, dass es in der Kaserne – die ohnehin einen Ruf als frauenfeindlicher Standort hatte – als „Aufnahmerituale“ verbrämte Misshandlungen von Mannschaftssoldaten durch gleichrangige Kameraden gab. So fesselten sich die Soldaten gegenseitig für Stunden und wurden mit Wasserschläuchen abgespritzt. Dabei waren nach derzeitigem Ermittlungsstand keine Vorgesetzten beteiligt, so das Ministerium.

Die Opposition drängt auf schnelle und schonungslose Aufklärung. „Die Verantwortlichen müssen mit aller Härte bestraft werden“, sagte die verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen, Agnieszka Brugger, dieser Zeitung. Vorgesetzte, die ihre Verantwortung derart missbrauchen, hätten „absolut gar nichts in der Bundeswehr verloren“, so Brugger. „Für mich stellt sich die drängende Frage, wie diese Misshandlungen so lange unentdeckt bleiben konnten.“

„Vorfälle zeigen gravierende Defizite in der Führung“

Generalinspekteur Wieker hat bereits „personelle Konsequenzen in der betroffenen Dienststelle“ angewiesen, hieß es: „Die Häufung der bisher bekannt gewordenen Ereignisse zeigt gravierende Defizite in der Führung.“

Dass Bartels in seinem ebenfalls am Dienstag veröffentlichten Wehrbericht die Vorkommnisse noch nicht erwähnte, begründete er gegenüber dieser Zeitung mit den anhaltenden Ermittlungen, deren Ergebnisse er abwarten wollte.