Slavoj Zizek: Warum ich bei Russia Today veröffentlicht habe

Ja, ich habe bei Russia Today veröffentlicht, sagt der Philosoph Slavoj Zizek. Einige Gründe: die amerikanische Doppelmoral und Julian Assange.

Der Philosoph Slavoj Zizek
Der Philosoph Slavoj Zizekimago

Schäme ich mich, meine Texte bei Russia Today veröffentlicht zu haben? Nein, absolut nicht! Hier ist der Hauptgrund, warum ich mich nicht schäme. Denn eine Nachricht ist weitgehend unbemerkt an uns vorbeigegangen, während unsere Augen hauptsächlich auf den Ukraine-Krieg gerichtet sind: Julian Assange ist am 20. April 2022 seiner Auslieferung an die Vereinigten Staaten einen Schritt näher gekommen, wo er nach dem „Espionage Act“ vor Gericht gestellt werden soll.

Ein Londoner Gericht erließ in einer Anhörung einen förmlichen Auslieferungsbeschluss, sodass die britische Innenministerin Priti Patel (die vorgeschlagen hatte, die im Vereinigten Königreich angekommenen Flüchtlinge nach Ruanda zu schicken) seine Überstellung in die USA absegnen konnte. Im Falle einer Verurteilung drohen Assange bis zu 175 Jahre Gefängnis.

Die USA erkennen das Haager Tribunal nicht an

Ja, wir sollten den ukrainischen Widerstand voll und ganz unterstützen. Ja, wir sollten die westlichen Freiheiten verteidigen. Stellen Sie sich nur mit Schaudern vor, was mit Chelsea Manning passiert wäre, wenn sie Russin gewesen wäre! Aber unsere westliche Freiheit hat auch Grenzen, die wir nie aus den Augen verlieren sollten, vor allem in Momenten wie diesen, vor allem wenn der „Kampf für die Freiheit“ in aller Munde ist.

Wir hören in diesen Tagen die Forderung, Putin solle wegen der russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine vor das Haager Tribunal gestellt werden. Okay, aber wie können die USA dies fordern, während sie die Zuständigkeit des Haager Tribunals für ihre eigenen Bürger nicht anerkennen?

Infobox image
imago
Zur Person
Slavoj Zizek wurde am 21. März 1949 in Ljubljana, SR Slowenien, Jugoslawien, geboren. Er ist ein slowenischer Philosoph, Forscher am Institut für Philosophie der Universität Ljubljana und internationaler Direktor des Birkbeck Institute for the Humanities der Universität London. Er ist außerdem Professor für Philosophie und Psychoanalyse an der European Graduate School und Global Distinguished Professor für Germanistik an der New York University und arbeitet zu Themen wie Kontinentalphilosophie, Psychoanalyse, Politischer Theorie, Kulturwissenschaft, Kunstkritik, Filmkritik, Marxismus, Hegelianismus und Theologie. Er gehört zu den bekanntesten lebenden Philosophen der Welt und ist Kolumnist der Berliner Zeitung.

Assange drohen 175 Jahre Gefängnis

Und um die Sache noch schlimmer zu machen: Wie können sie die Auslieferung von Assange an die USA fordern, wenn Assange kein US-Bürger ist, nicht in Spionage gegen die USA verwickelt war und alles, was er getan hat, darin bestand, die zweifellos von den USA begangenen Kriegsverbrechen öffentlich zu machen (man denke nur an das berühmte Video, in dem US-Scharfschützen irakische Zivilisten töten)?

Assange drohen 175 Jahre Gefängnis für die bloße Aufdeckung von US-Verbrechen, die über jeden Zweifel erhaben sind. Ganz zu schweigen von der langen Liste der Verbrechen von vielen US-Präsidenten! Wenn Putin nach Den Haag gehört, warum nicht auch Assange? Warum nicht Bush und Rumsfeld (der bereits tot ist) für seine „Shock and Awe“-Bombardierung von Bagdad?

Wir müssen die eine Supermacht gegen die andere ausspielen

Es ist, als sei die Leitlinie der jüngsten US-Politik eine seltsame Umkehrung des bekannten Mottos der Ökologen: global handeln, lokal denken. Dieser Widerspruch wurde bereits 2003 durch den zweiseitigen Druck, den die USA auf Serbien ausübten, am besten veranschaulicht: Die US-Vertreter verlangten von der serbischen Regierung gleichzeitig, die mutmaßlichen Kriegsverbrecher an den Haager Gerichtshof auszuliefern UND den bilateralen Vertrag mit den USA zu unterzeichnen, der Serbien verpflichten sollte, US-Bürger, die Kriegsverbrechen oder anderer Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt haben sollen, an keine internationale Institution (d.h. an den Haager Gerichtshof) auszuliefern.

Kein Wunder, dass die serbische Reaktion von perplexer Wut geprägt war. Es gab Dinge – nicht nur in Bezug auf Assange, sondern auch in Bezug auf die Schwächen der liberalen Demokratie, die israelische Apartheidpolitik im Westjordanland, die Verirrungen der Political Correctness usw. –, die ich auf Englisch nur bei Russia Today veröffentlichen konnte. Die Lektion ist, dass auch die westlichen Demokratien ihre Schattenseiten haben, ihre eigene Zensur; sodass wir das volle Recht haben, rücksichtslos eine Supermacht gegen die andere auszuspielen.

Was ich bei RT veröffentlicht habe und was ich jetzt zur vollen Unterstützung der Ukraine veröffentliche, ist für mich Teil desselben Kampfes. So gibt es auch keinen „Widerspruch“ zwischen dem Kampf gegen Antisemitismus und dem Kampf gegen das, was Israel im Westjordanland mit den Palästinensern macht. Wenn man uns zwingt, uns zwischen der Ukraine und Assange zu entscheiden, sind wir verloren. Dann haben wir unsere Seele an den Teufel verkauft.

Die Auschwitz-Erfahrung hat nichts vermittelt

Diese Notwendigkeit eines gemeinsamen Kampfes ist weit davon entfernt, eine utopische Position zu vertreten, sondern gründet sich auf der Tatsache, dass extremes Leiden weitreichende Folgen hat. In einer denkwürdigen Passage in „Still Alive: A Holocaust Girlhood Remembered“ beschreibt Ruth Klüger ein Gespräch mit „einigen fortgeschrittenen Doktoranden“ in Deutschland.

Dort heißt es: „Einer berichtet, wie er in Jerusalem die Bekanntschaft eines alten ungarischen Juden machte, der Auschwitz überlebt hatte. Dennoch verfluchte dieser Mann die Araber und verachtete sie alle. ‚Wie kann jemand, der aus Auschwitz stammt, so reden?‘, fragt der Deutsche. Ich schaltete mich ein und argumentierte, vielleicht etwas heftiger als nötig: ‚Was hast du erwartet? Auschwitz war keine lehrreiche Einrichtung […]. Man hat dort nichts gelernt. Und schon gar nicht Menschlichkeit und Toleranz.‘ Die Konzentrationslager haben nichts Gutes gebracht, höre ich mich sagen […]. Es waren die nutzlosesten und sinnlosesten Einrichtungen, die man sich vorstellen kann.“

Extreme Erfahrungen haben nichts Emanzipatorisches

Kurz gesagt: Trotz des extremen Schreckens war Auschwitz kein Ort, der die überlebenden Opfer zu ethisch sensiblen Subjekten gemacht hat, die sich kleinlicher egoistischer Interessen entledigt haben. Im Gegenteil: Ein Teil des Schreckens von Auschwitz bestand gerade darin, dass es viele seiner Opfer entmenschlichte und sie in brutale, unsensible Überlebende verwandelte, die unfähig waren, ein ausgewogenes ethisches Urteil zu fällen.

Die daraus zu ziehende Lehre ist sehr deprimierend und traurig: Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass extreme Erfahrungen etwas Emanzipatorisches haben. Dass sie uns in die Lage versetzen, das Chaos zu beseitigen und unsere Augen für die letzte Wahrheit einer Situation zu öffnen. Oder wie Arthur Koestler, der große antikommunistische Konvertit, es einst prägnant formulierte: „Wenn Macht korrumpiert, dann gilt auch das Gegenteil. Verfolgung korrumpiert die Opfer, wenn auch vielleicht auf subtilere und tragischere Weise.“

JETZT ist es an der Zeit, auf Gleichbehandlung zu bestehen und die gleichen kritischen Fragen an Russland und den Westen zu richten. Ja, wir sind jetzt alle Ukrainer. In dem Sinne, dass jede Nation das Recht hat, sich wie die Ukraine zu verteidigen.

Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Slavoj Zizek würde aktuell immer noch bei Russia Today veröffentlichen. Das ist inkorrekt. Slavoj Zizek hat bis zum Beginn des russischen Angriffskrieges bei Russia Today publiziert. Danach hat er die Zusammenarbeit beendet. Bei der Übersetzung ist der Redaktion ein Fehler passiert. Wir bitten diesen zu entschuldigen.

Haben Sie Feedback für den Autor? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de