Es ist, als könnte man zahllosen Stammtischen auf einmal zuhören. So beschreibt Annetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, den Hass in den sozialen Netzwerken, den sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern ausführlich beobachtet.

Hetze in den Sozialen Medien spitzt sich weiter zu

Am Dienstag hat die Stiftung in Berlin ihren aktuellen „Monitoringbericht zu rechtsextremen und menschenverachtenden Phänomenen im Social Web“ vorgestellt. Er „legt offen, dass sich die Hetze in den Sozialen Medien weiter zuspitzt“, sagt Kahane bei der Präsentation – und nicht nur dort, denn das Netz sei ein „Durchlauferhitzer“.

Es gebe eine „deutlich größere Masse an Seiten, die wir beobachten müssen“ als noch vor wenigen Jahren, sagt Johannes Baldauf, Monitoring-Experte der Stiftung. Für den Bericht wurde aber weniger auf Zahlen als auf Inhalte geachtet und dabei vor allem das in Deutschland beliebteste soziale Netzwerk in den Fokus genommen: Facebook.

Hetze gegen Flüchtlinge bleibt dominantes Thema

Das dominante Thema der Rechten sei dort weiterhin Hetze gegen Geflüchtete, erklärt Baldauf. Es habe sich aber gezeigt, dass zunehmend Verschwörungstheorien auf größeres Interesse stoßen. „Es geht mittlerweile um einen System-Umsturz in diesen Erzählungen“, sagte er.

Die Stiftung beobachtet die Phänomene nicht nur im Netz, sondern dokumentiert gemeinsam mit der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl auch Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte. Die Ergebnisse sind weiterhin alarmierend: Im ersten Halbjahr 2016 listen die beiden Organisationen 709 Angriffe auf – mehr als doppelt so viele als im ersten Halbjahr 2015.

Die Häufigkeit habe nach der „Gewaltexplosion“ im Januar und Februar dieses Jahres etwas nachgelassen, aber alleine im Mai sind 44 neue Vorfälle in die Statistik eingetragen worden: acht Brandanschläge und 16 tätliche Angriffe auf Asylsuchende.

Bisher eher verhaltenes Engagement der Sicherheitskräfte

„Die derzeitige Bagatellisierung wird weitere Täter nicht abschrecken“, sagt Timo Reinfrank von der Amadeo-Antonio-Stiftung. „Wir brauchen Sicherheitsbehörden, die willens und in der Lage sind, Asylsuchende und ihre Unterkünfte zu schützen, Angriffe zeitnah zu ermitteln und aufzuklären. Bisher kann ich hier nur ein sehr verhaltenes Engagement erkennen.“

Angriffe auf Heime oder scheinbar spontane Demonstrationen würden oft im Netz vorbereitet, sagt Kahane. Einen direkten Zusammenhang zwischen Hetzseiten und Anschlägen wollen die Autoren des Berichts jedoch nicht ziehen. Dennoch falle auf, dass fast in allen Orten, wo es Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben habe, auch eine lokale Nein-zum-Heim-Facebook-Gruppe existiere.

Vielfach hätten diese Gruppen vor Ort einen großen Einfluss, blieben aber aufgrund der bundesweit vergleichsweise geringen Anzahl an Abonnements unter dem Radar der Öffentlichkeit, warnt Baldauf. Insgesamt 300 solcher Gruppen, oft mit bürgerlichem Anstrich, hat die Stiftung bundesweit gezählt.

Viele holen sich nur einseitige Informationen

Manche Menschen bewegten sich in einem abgeschlossenen „Echo-Raum“, wo sie sich mit vermeintlichen Informationen aus den immer gleichen Quellen versorgten und sich von Gleichgesinnten bestätigt fühlten, warnt die Stiftung.

Dabei spielten auch Gewaltaufrufe und das Streuen von Gerüchten eine Rolle, die ein Bedrohungsszenario erzeugten, sagt Baldauf. Für einige Menschen entstünde so das Gefühl eines „Handlungszwangs“. Die Attentate auf die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox und die heutige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker seien auch in diesem Kontext zu verstehen.

Wie aber ließe sich all der Hetze im Netz begegnen? „Wir müssen uns mit der Digitalisierung von Streit beschäftigten“, sagt Kahane. Eine entsprechende Kultur der politischen Auseinandersetzung gelte es auch im Netz zu etablieren.

Digitalisierung von Streit muss Thema werden

Vielfach hätten zivilgesellschaftliche Initiativen dazu aber weder die Ressourcen noch entsprechende Kenntnisse. Hier müsste Wissen vermittelt und Konfliktfähigkeit eingeübt werden. Die Stiftung fordert zudem, bereits Jugendliche in der Schule in ihrer Medien- und Informationskompetenz zu stärken. Gerade ihnen falle es oft schwer, rechte Propaganda zu erkennen.